• Netzdiskurs in Europa: Soziale Medien zwischen Nutzen und Hegemonie

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    IT-Giganten wie Facebook dominieren soziale Medien und somit die Gesellschaft. Der kritische Netzdiskurs in Europa reagiert darauf unzureichend. Wie können wir Soziale Medien mit Machtfragen in Beziehung setzen? Wie verändert unser Zeitalter den Begriff “sozial”? Berliner Gazette-Autor und Netztheoretiker Geert Lovink traf Medienkritiker César Rendueles in Madrid zum Interview.

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    In letzter Zeit habe ich mich mit der Frage nach europäischen Antworten auf die techno-libertären Angriffe des Silicon Valleys beschäftigt. Warum sind so viele Europäer blind für die monopolistischen Strategien neuer Akteure wie Amazon, Google, Facebook aber auch Microsoft und begrüßen deren Onlineservices ohne weitere Gedanken? Wo ist unsere digitale Intelligenzija, die Intellektuellen, die mit dem Internet großgeworden sind? Es gibt eine Menge von Anwendungsmöglichkeiten und die Statistiken für Europa sehen nicht schlecht aus. Außerdem gibt es viele Bedenken bezüglich Privatsphäre und der Strom an Hackern- und Whistleblower-Skandalen reißt nicht ab.

    Aber für eine informierte Perspektive, die weiter geht als die Berichte von Journalisten, brauchen wir etwas anderes. Was fehlt sind nicht die Nerds oder Businessjournalisten, sondern die Philosophen, die nicht nur das technische Fachwissen, sondern auch Wissen über die politische Ökonomie des Netzes mitbringen, um in der Debatte selbstbewusst auftreten zu können. Wo sind die Kontroversen, die konzeptionelle Überlegenheit, die Leidenschaft und Wut? Wo ist Europas Jonathan Franzen? Wie können wir das unausgesprochene Ressentiment überschreiten? Die kulturelle Elite Europas befindet sich noch in der Phase des Leugnens, in der Hoffnung, der digitale Sturm werde vorbeiziehen und wir kehrten zur Normalität der guten, alten Zeitung und Tagesschau um Acht zurück.

    In einem Zeitalter, in dem Amazon das Veröffentlichen von Büchern neu definiert, Netflix das Fernsehen aufmischt, Airbnb den Mietmarkt zerstört und Uber das Taxigeschäft in Angriff nimmt, wie sollte die Antwort des kulturellen Sektors Europas aussehen? Wir können uns über die Rücksichtslosigkeit der Kapitalhaie beschweren und von Brüssel erwarten etwas gegen die neuen Monopole zu unternehmen. Zum Beispiel in Bereichen des Buchvertriebes, Recherche und Social Media. Aber wo sind denn die neuen europäischen Start-Ups, Kurse in Universitäten und kritische Ansätze in der Berichterstattung?

    Kleine und unterfinanzierte Netzwerke wie www.eurozine.com geben ihr Bestes einen europäischen Austausch zwischen Kulturmagazinen und Autoren herzustellen. Doch sie erleben dieselben finanziellen Kürzungen wie jeder andere auch. Vor zwanzig Jahren, als Pit Schulz und ich die Nettime Initiative gestartet haben, malten wir uns einen transatlantischen Dialog zwischen Europa und Nordamerika aus, um eine Agenda für die „Kulturpolitik fürs Netz“ zu formulieren. Die Idee war die Beziehungen innerhalb Europas nach dem Fall der Berliner Mauer zu stärken. Dies sollte nicht nur durch Treffen, Online Debatten, Kollaborationen und Freundschaften passieren, sondern auch durch Crowdsourcing. Dies alles sollte als „gegenseitige Hilfe“ im Kontext der „freien Kooperation“ geschehen.

    Selbstkritik und Konsequenzen: Ein Interview!

    Auf einer Konferenz in Barcelona im Juni 2014 begegnete ich dem Medienkritiker César Rendueles aus Madrid, der mir von dem Erfolg seines Buches „Sociofobia, El cambio politico en la era de la utopia digital“ in der spanisch sprechenden Welt erzählte. Auf dem Cover steht: „Die Ideologie des Netzwerks garantiert verminderte soziale Realität“. Ich würde Rendueles‘ Ansatz als geradeheraus akademisch charakterisieren, verstärkt durch noch klarere populistische Forderungen (von Lateinamerika inspiriert), um die wichtige öffentliche Infrastruktur zu renationalisieren.

    In diesem Falle den Mix aus Telecom, Wissensproduktion, Bildung und Medien. Diese südeuropäische Tendenz des „Cybersozialismus“ steht im Kontrast zu dem Blair’schen „Dritten Weg“, entstanden in Nordwesteuropa. Dieser akzeptiert limitierte Interventionen des Staates in ökonomischen Besitztümern und spricht dagegen von „Commons“, regiert von einer nicht identifizierten Koalition von Akteuren in der sowohl Einfluss von Staat als auch von Monopolen verdeckt sind.

    Warum wurde Sociofobia noch nicht übersetzt? Natürlich kann man die europäische Politik dafür verantwortlich machen. Mit ihrem überholtem Copyright-System und einem mangelndem Subventionsprogramm für Übersetzungen ausschlaggebender, kultureller Texte, behindert sie den freien kulturellen Austausch innerhalb Europas. Wie können italienische Leser von den lebendigen „Post-Snowden“-Debatten in Berlin erfahren? Soll ich mich der Selbstkritik unterziehen, zugeben dass ich einst das sanfte Italienisch dem harschen Spanisch vorzog und nun die Konsequenzen tragen muss? Es ist Zeit für ein Interview – auf Englisch.

    Worum geht es in Sociofobia? Mich fasziniert und verwirrt der Titel gleichermaßen. Was wäre Socialfobia im Zeitalter der Sozialen Medien?

    Seit vielen Jahren interessiere ich mich für Autoren, die die Schwächung sozialer Bindungen im postmodernen Kapitalismus analysieren: Richard Sennett, Robert Castel, Jacques Donzelot, Guy Standing und Karl Polanyi und Christopher Lasch. Sie bringen alle verschiedene Ideen ein, aber stimmen in zwei Punkten überein: Erstens, wir leben in mehr und mehr individualisierten Gesellschaften, charakterisiert durch schwache Bindungen, die viele psychologische, ethische, kulturelle und politische Probleme hervorrufen. Und Zweitens, soziale Schwäche hängt mit dem Prozess des Unternehmergeistes zusammen. Wettkampf zerstört die soziale Fabrik, die anthropologische Basis für das Überleben jeder Menschengruppe. Wie Robert Putnam empirisch nachwies, wurde die Einführung der neoliberalen Agenda der 70er Jahre mit massivem Untergraben der Zivilgesellschaft assoziiert.

    Mein Beitrag zu dieser theoretischen Tradition war es, die Beziehung zwischen dem Prozess der Schwächung und emanzipatorischen politischen Projekten, zu analysieren. Die politische Linke hat gezeigt, dass Demokratie und soziale Gerechtigkeit institutionelle Bedingungen – Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit – sowie materielle Bedingungen voraussetzen: wenn du ein Analphabet bist, der in einer Mülltonne in Managua lebt, erscheint dir das Recht auf freie Meinungsäußerung wie ein schlechter Witz. Ich denke, Emanzipation hat auch soziale Bedingungen. Demokratie, Gleichheit und Freiheit sind unmöglich in der sozialen Einöde des Neoliberalismus. Es ist wichtig zeitweise soziale Verstäubung nicht mit Freiheit als komplexes Projekt, das Kooperation und gleichwertige Unterstützung benötigt, zu verwechseln.

    So habe ich angefangen die politischen Rolle von sozialen Medien zu hinterfragen. Ich finde es überraschend, dass der derzeitige Prozess der sozialen Schwächung mit einer technologischen Ideologie koexistiert, die Kooperation und Gemeinschaft in höchsten Tönen lobt. Zum Beispiel, im Baskenland liegt eines der größten Kooperative der Welt. Die Mondragón Gruppe, welche 80.000 Leute beschäftigt. Jedoch hat es bisher wenig akademische Aufmerksamkeit bekommen. Die Medien setzen es als überholtes Model herab und es wurde angedeutet, es habe Verbindungen zum baskischen Terrorismus. Kleine Projekte mit nur wenigen involvierten Personen bekommen jedoch enorme Aufmerksamkeit und über ihre Fehler und Versagen wird tendenziell hinweggesehen.

    Ich denke das hegemoniale Verständnis der sozialen Medien fördert die Generalisierung eines Institutionenmodells ähnlich dem des Marktes. Es involviert soziales und politisches Misstrauen, welches Gemeinsamkeiten zum ökonomischen Liberalismus hat. Liberale glauben, dass es in komplexen Gesellschaften unmöglich ist, oder jedenfalls ziemlich anstrengend, einen Konsens durch politische Überlegungen zu erreichen. Wenn wir versuchen Übereinkünfte in großen Gesellschaften zu treffen, riskieren wir immer gewaltsame Konflikte oder Unterdrückung von Minderheiten zu provozieren. Dies ist der Grund warum man denkt, es sei besser die Kommerzialisierung der höchsten Anzahl sozialer Bereiche zu fördern. Dies sollte die Bildung spontaner Koordination ermöglichen, die keine Diskussion oder Zustimmung benötigen, aber ist das Ergebnis von Interessenverdichtungen durch die Mechanismen Nachfrage und Angebot.

    Ich denke der Enthusiasmus für soziale Medien reagiert auf einen ähnlichen Impuls: ein tiefes Misstrauen in die Möglichkeiten der demokratischen Überlegungen und deswegen Engagement für spontane Harmonisierung. Wir fühlen uns nicht in der Lage zusammen zu denken und Institutionen zu gründen. Deswegen sehnen wir uns nach technologischen Mechanismen, die uns vereinigen ohne zu einem Konsens zu gelangen. Wir glauben nicht, wir können Dinge zusammen erledigen; aber die Technologie erlaubt uns sie zur gleichen Zeit zu erledigen.

    Kann ich deinen Ansatz als einen soziologischen beschreiben? Arbeitest du an einer politischen Ökonomie der sozialen Medien? Wären das die Begriffe, die du verwenden würdest?

    Eigentlich ist mein Hintergrund zuerst einmal ein philosophischer. Allerdings arbeite ich in einer Hybridgruppe zwischen Erkenntnistheorie und Soziologie. Mein Fokus ist in dieser Hinsicht ziemlich klassisch, nah an den Traditionen heterodoxer Marxisten wie Polanyi. Im Grunde glauben wir, dass die ökonomische Tradition weniger wichtig sein sollte und deshalb sprechen wir zwanghaft über Ökonomie. Der Punkt ist, dass in kapitalistischen Gesellschaften der Markt permanent den Umfang demokratischer Interventionen limitiert. Das Gleiche gilt für die Technik. Eine Gesellschaft, dessen Wirtschaft auf dem Streben nach privatem Profit basiert, ist zu einem suboptimalen Gebrauch vieler Technologien verdammt. Ein Dilemma welches sich in Sozialen Medien nur noch vertieft hat.

    Es gibt Tests in denen man nicht nur den Widerspruch des Kapitalismus beobachten kann, sondern auch den von denen die ihm entgegenwirken. Das Internet bringt die Beschränkungen des Marktes ans Licht um eine Umgebung des Überflusses zu übernehmen, aber auch die Beschränkungen einiger ziemlich grober Anti-Institutionen Kritiken. Die Netzwerke bieten immense politische Möglichkeiten, aber um diese zu realisieren müssen wir entscheiden, wie viel Kooperation, Konkurrenzkampf und Public Intervention wir benötigen.

    Ich denke, um beides, die Fehler des Marktes und der gemeinschaftlichen Spontanität, zu überwinden, brauchen wir mehr öffentliche – nicht zwingen staatliche – institutionelle Interventionen. Das ist ein ziemlich klassischer Vorschlag, doch viele Leute finden ihn radikal oder sogar provokativ. Der Grund ist, dass viele technische Diskurse, inklusive Antagonisten, auf einer neoliberalen Ära begründet wurden. Einige Aktivisten des Open Movement haben eine eher spartanische Attitüde gegenüber Arbeitern der kulturellen Industrie angenommen. Sie sagen: „Verleger, Kinos, Zeitungen und Büchereien müssen sich anpassen oder sterben.“ Als sei dies das Urteil irgendeines technischen Darwinismus.

    Dies scheint nicht nur grausam, es ist auch kontraproduktiv für die freie Kultur. Um den Vorteil der gemeinschaftlichen Möglichkeiten der Technik zu nutzen, brauchen wir legale Mittel, die es uns erlauben Inhalte zu teilen, aber auch tiefgreifende institutionelle Veränderungen, die die Schaffung und Schlichtung schützen. Eine großangelegte, allgemeine Intervention in diesem Bereich könnte brisante Effekte haben. Copyleft benötigt einen Marshall Plan um spontane Kollaborationen und kommerzielle Aktivitäten zu ergänzen.

    Die Copyright Krise kann von einem Problem zu einer Lösung werden, wenn wir öffentliche Investmentprogramme entwickeln, um die Vorteile digitaler Technologien zu vergesellschaften, ohne Autorenrechte zu verletzen. Es ist möglich. Vor einiger Zeit war wissenschaftliche Forschung nur für einige Reiche zugänglich. Wir haben den Zugang zu Forschung demokratisiert, indem wir es zum Beispiel mit öffentlichen Institutionen wie Universitäten verbunden haben.

    Die Definition von “Sozial” scheint auf eine “Gruppe von Freunden” beschränkt zu sein. Wäre es möglich den Ausdruck „Soziale Medien“ neu zu definieren? Was ist überhaupt das Soziale?

    Die Wörter „Gesellschaft“ und „sozial“ wie wir sie heute kennen verbreiteten sich schon während der Anfänge des Kapitalismus. Sie waren Teil eines verzweifelten Suchens nach Mitteln, die auf ein Verstehen der dramatischen historischen Transformationen, die zu der Zeit von statten ginge, abzielten. Der Begriff „sozial“ bezeichnet die Art von Beziehungen, die entstanden, als die ehemaligen Gemeinden, die dem geteilten Leben einst einen Sinn gaben, verschwanden. Das Paradoxe war, dass die Effekte sozialer Interaktionen in der neuen industrialisierten und individualisierten Welt viel radikaler waren, als in der Vergangenheit.

    Diese große Umwälzung war unnatürlich, aber hatte seinen Ursprung beim Menschen: Finanzkrise, Arbeitslosigkeit….Der Unterschied war, dass man mehr tun konnte als nur zu Beten. Es war möglich andere zu mobilisieren, um zu versuchen die Dinge zu ändern. In diesem Sinne war der Begriff „Sozial“ ein politisches Schlachtfeld. Adam Smith hat „Gesellschaft“ apophatisch, durch Verhandlungen, definiert: Gesellschaft ist die Abwesenheit von Aggression zwischen Individuen. Die politischen Eliten Zentraleuropas versuchten, soziale Konflikte durch autoritäre staatliche Interventionen zu verhindern.

    Die antikapitalistische Sichtweise war komplexer und widerspruchsvoll. Auf der einen Seite haben die Linken die Zerstörung traditioneller Ketten des gesellschaftlichen Lebens begrüßt. Der berühmteste Ausdruck für die Ablehnung der Vergangenheit ist die Passage aus dem Kommunistischen Manifest, in der Marx und Engels den Kapitalismus anpreisen. Der Gedanke ist, dass Kapitalismus die bereits die halbe Arbeit erledigt hat indem er die Unterdrückung zerstörte, die individuelle Freiheit begrenzte. Auf der anderen Seite lehnen Antikapitalisten modernen Individualismus, den Rückgang der Solidarität und das Aufkommen der Massengesellschaft ab.

    Das ist eine wirkungsvolle Einsicht: wie Terry Eagleton sagte: Ein individueller Mensch zu ein ist nicht dasselbe wie ein individueller Pfirsich zu sein, aber ein Projekt, dass wir gemeinsam bewältigen müssen. Diese Doppeldeutigkeit stellt ein ethisches Dilemma für die politische Linke dar. Wir wollen freie Individuen sein und gleichzeitig Teil eines Netzwerkes mit tiefgreifender, echter Solidarität. Wir wollen eine effiziente Wirtschaft, die es uns erlaubt zwischen verschiedenen Tätigkeiten zu wählen und Talente fördert. Aber wir wollen keinen Arbeitsmarkt, der von uns verlangt miteinander zu konkurrieren. Das gleiche passiert mit uns als Touristen. Wir reisen um tolle Orte zu entdecken und sie wären auch unberührt, gäbe es nicht all die anderen Leute, die dieselben Orte besuchen.

    Im derzeitigen Technikdiskurs wird das Wort „Gesellschaft“ basierend auf einer Annahme, tiefgreifender als Konflikt und politische Dilemma, gebraucht. Die Gesellschaft ist kompatibel mit liberaler Skepsis über das „Soziale“. Als Margaret Thatcher sagte: „there is no such thing as society“ haben viele gedacht, dies sei ein Statement ontologischen Individualismus. Eigentlich war es ein politisches Programm. Was sie meinte war, dass sie anstrebte den Konsens der Nachkriegszeit zu zerstören, der durch ein besonderes Verständnis von Gesellschaft ausgedrückt wurde. Soziale Mainstream Medien sind mit diesem Projekt völlig vereinbar als Resultat der Logik von Präferenzen: Meine Identität als Internetuser ist meine Browserhistory, das ist, was ich in diesem Moment bevorzugt habe. Meine soziale Identität ist dazu im Vergleich auf beides, meine Präferenzen und meine Verpflichtungen bezogen.

    Zum Beispiel finde ich die weitverbreitete Idee, wir wählten unsere Partner mit denen wir unser Leben teilen. In welchem Katalog haben wir gesucht, um solch eine Entscheidung zu treffen? Das Charakteristische tiefer, sozialer Bindungen ist, dass es weder Zwang – wie Zwangshochzeiten – noch einfach Ausdrücke von Vorzügen gibt. Das Gleiche gilt für ein paar Erfahrungen, die wir als wertvoll und charakteristisch für ein gutes Leben betrachten.

    Niemand steht gerne nachts auf, nur um einem Neugeborenen die Flasche zu geben. Niemand zieht es vor an langweiligen Politveranstaltungen teilzunehmen. Niemand geht gerne morgens im Regen mit dem Hund spazieren. Ich würde sogar sagen, dass niemand lieber Proust lesen würde, anstatt Big Brother im Fernsehen zu schauen. Wir müssen sozialen Nutzen von Technologie in eine kritische Gesellschaftstheorie einbauen und die dominierenden Motive hinterfragen, die die ganze Zeit verwendet werden.

    Es gibt nun einen Diskurs amerikanischer Autoren, die Meisten keine Akademiker, die dem Silicon Valley kritisch gegenüberstehen und die sich zu dominierenden Internetkulturen und Kooperationen wie Google, Facebook, Microsoft, Amazon, Apple, Yahoo und Twitter äußern. Wir denken da an Nicolas Carr, Andrew Keen, Eygene Morozov, Jaron Lanier und Sherry Turkle. Ich glaube in der spanisch sprechenden Welt werden Theorien üblicherweise durch Übersetzungen, Reden auf IT-Konferenzen und so weiter importiert. Was findest du diese Intellektuellen und ihren Ansichten?

    Ich weiß ihre Arbeit sehr zu schätzen. Ich denke, es war ein wichtiger Schritt den dominanten Konsens in der Technologie herauszufordern. Was ich jedoch in ihren Theorien vermisse ist eine schärfere politische Kante. Das ist ein Fehler, den jemand wie Michael Bauwens nicht gemacht hat. Es ist nicht genug, die Überschätzung der politischen und sozialen Rolle der Technologie und der Macht großer Korporationen zu verunglimpfen. Wir müssen darüber hinaus verstehen, wie diese Dynamiken als Teil sozioökonomischer Prozesse in Bezug stehen zu Kapitalakkumulation in den vergangen Jahrzehnten, zum Beispiel, zwischen der sogenannten „Knowledge Economy“ und globaler Financialization.

    Der kritische Netzdiskurs in Europa ist schwach. Was hält Europäer noch davon ab mitzumachen? Das Internet gibt es nun schon seit zwei Jahrzehnten, auch in Spanien. Geht es dabei auch um Labels und Marketing?

    In der Welt der Philosophie ist es ganz natürlich, dass zwischen analytischen Philosophen (Angelsachen) und kontinentalen (Europäern) ein Gegensatz besteht. Meiner Meinung nach, eine groteske und kontraproduktive Einteilung. Europäische Sozialwissenschaftler sind einer zügellosen Träumerei verfallen. Wir haben keine Anstalten gemacht klare und verständliche Sprache zu nutzen. Ich denke, damit waren wir auf Technikanalysen nicht gut vorbereitet, die ein begriffliches Esperanto benötigen, um mit Leuten aus verschiedensten Disziplinen zu kommunizieren. Das war aus zwei Gründen sehr negativ. Erstens, das theoretische Erbe Europas ist mächtig und hat in diesem Bereich viel beigesteuert. Zweitens, europäische und lateinamerikanische politische Traditionen ermöglichen es uns Veränderungen in Technologie von einer anderen Perspektive als der angelsächsischen zu beobachten.

    Entschuldigen Sie die Neugierde, aber haben Sie Kollegen in der spanischen-sprechenden Welt? Wo entwickeln sich kritische und künstlerische Praktiken in Spanien? Wir kennen Lorea, und alles was danach kam, und das Media Lab Prado…

    Ich habe mich für das spanische Open Movement während seiner Anfänge interessiert, aber ich habe mich davon entfernt. Ich denke, es hat viel gemein mit dem hegemonialen politischen und sozialen Diskursen. Zum Beispiel, die Dominanz von Initiativen der Free Software hat zu einer Missachtung der Probleme von Kulturarbeitern geführt. Viele der behandelten Vorschläge erschienen mir klassisch und ohne Bezug auf die spanische Realität. Tatsächlich gab es während der goldenen Jahre der spanischen Wohnbaublase ein Aufblühen künstlerischer und kultureller Institutionen, die sich für freie Kultur interessierten, aber immer aus sehr formaler und elitärer Sicht.

    Seit 2008 haben sich die Dinge verändert. Heutzutage gibt es starke soziale Bewegungen, die politische, soziale und ökonomische Demokratie fordern. Das wird in unserem Verständnis von gemeinschaftlicher Technologie reflektiert. Ich sage normalerweise, dass das 15-M und die Occupy-Bewegung gezeigt haben, dass die Technik sehr gut funktioniert, wenn Leute auf die Straße gehen, aber sie funktioniert viel schlechter, Leute dazu zu bringen, auf die Straßen zu gehen.

    Spanische Bewegungen haben uns gelehrt, was wir von der Technik erwarten können, wenn wir die politische Umgebung ändern. Parteien wie Podemos benutzen Technologie, um politische Überlegungen zu beschleunigen und zu verbessern im Kontext volkstümlicher Bevollmächtigung. Ich bin sehr zuversichtlich was in Lateinamerika passieren könnte. Länder wie Bolivien, Ecuador und Venezuela haben Jahre damit verbracht, ihren Demokratisierungsprozess zu vertiefen. Und in diesem Kontext kann das Engagement für Free Knowledge ausschlaggebende Effekte haben. Digitale Mittel haben eine komplett andere Bedeutung an einem Ort, der sich für soziale Gerechtigkeit geöffnet hat, nachdem er Jahrzehnte unter neoliberalen Angriffen gelitten hat.

    Anm.d.Red.: Geert Lovink ist Gast auf der SLOW POLITICS-Konferenz (13.-15.11.) im Supermarkt Berlin.


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