• Mit dem Auto durch Namibia: Pizza, Plastikschmuck und ein Ossiclub für Afrika

    Springbreak mal ganz anders: Anton Scholz reiste durch eine ehemalige Kolonie Deutschlands und berichtet für uns über seine Begegnungen mit Locals inmitten von Wüstenstaub und diversen Überbleibseln der „deutschen Kultur“.

    Als wir zu unserer Namibiatour aufbrachen, hatten wir uns zwar ein wenig eingelesen, aber eigentlich keine Ahnung, was uns dort erwartet.

    Den Springbreak nutzten ich und einige Freunde, um von Port Elizabeth in Südafrika in die namibianische Hauptstadt Windhoek zu fahren. Wir düsten 2000 Kilometer durch die Wüste, wobei wir hunderte von Kilometern weder eine Kurve fuhren, noch einem einzigen Auto begegneten.

    So erfuhren (wir uns) die Fakten am eigenen Leib: Die ehemalige deutsche Kolonie hat die doppelte Fläche Deutschlands und nur zwei Millionen Einwohner. Dafür aber unendliche Sandwüsten, eine extrem hohe Vielfältigkeit an Wildlife und genial brechende Wellen zum surfen entlang der Skeletoncoast. Unsere Mission bestand darin, in diese Wunderkammer einzutauchen und natürlich herauszufinden, wie die Überreste des deutschen Kolonialismus aussehen.

    Schräge Vögel und KKK

    Es stellte sich heraus, dass dieses Land noch mehr zu bieten hat. Und zwar eine Menge schräger Vögel. Schon an unserem ersten Abend begegneten wir einem der ganz besonderen Art: Ein älterer Mann, offensichtlich mit extrem viel Alkohol betankt, leistete uns beim Abendessen Gesellschaft. Er war ein sechzigjähriger weißer Bauernsohn, und noch bevor er sich vorstellte, beschwerte er sich darüber, wie wir denn auf dem Tisch herumsäßen.

    Dies war die Einleitung zu seinem Vortrag darüber, dass man sich Schwarzen gegenüber als Kolonialherr und nicht als Fläzer präsentieren solle. Denn die würden sich alle schlechten Gewohnheiten sofort abgucken und den Respekt für einen verlieren. Unsere Nachfrage, wie er denn zu diesen Ansichten gekommen sei, blieb ungehört, denn er konnte nicht aufhören, über niedere Rassen und deren Schlechtigkeit zu dozieren. Später brüstete er sich noch damit, im Krieg unzählige Schwarze getötet zu haben und der namibianischen Version des KKK anzugehören. Wir zogen uns geschockt in unsere Zelte zurück – die einzige Möglichkeit, ihn loszuwerden. Gegen derartige Polemik und Unlogik kann man nicht anreden.

    Nach späteren Diskussionen kamen wir zu dem Schluss, dass derartiger Rassismus nicht in erster Linie das Echo des deutschen Kolonialismus ist, sondern vielmehr das Ergebnis der unaufgearbeiteten Apartheid, die erst vor 20 Jahren für beendet erklärt wurde. Sie ist auch heute noch allgegenwärtig. Namibia wurde in 6000 Farmgebiete für weiße Siedler aufgeteilt, und diese haben kurz vor dem Systemsturz ihr Land für einen Spottpreis gekauft. Das bedeutet, auch heute noch besitzen die Weißen riesige Landflächen und beschäftigen die Schwarzen als billige Arbeitskräfte.

    Ganz andere Zeugen

    Nach dieser Begegnung wurden wir bezüglich der Gastfreundschaft etwas skeptischer. Zum Glück wurde es besser. In einer der darauf folgenden Nächte suchten wir einen Schlafplatz. Dabei kamen wir in ein Haus, an dem „Bed and Breakfast“ stand. Die Bewohner kamen aus Österreich. Weil wir Deutsch sprachen und arme Studenten sind, bekamen wir das Gästezimmer zu einem günstigen Preis.

    Beim Erfrischungsbier entfaltete sich eine Unterhaltung mit unseren Gastgebern, die Zeugen Jehovas auf Mission waren. In unserem Gespräch über Gott und die Welt standen sich verschiedene Meinungen gegenüber, aber diese Sektenmitglieder waren nicht so irre, wie ich immer dachte, wenn sie bei mir zu Hause vor der Tür standen und mir den Wachturm andrehen wollten: Beim Abendessen kam eine riesenhafte Spinne auf unsere Veranda, und wer hätte gedacht, dass ein Zeuge Jehovas dieses Wesen Gottes mit einem beherzten Schlag seiner Sandale über den Jordan schickt?!

    Vom Konditortisch zur Biertheke

    An einem anderen Tag hielten wir mittags in einer Stadt zum Essen. Dabei stießen wir auf eine deutsche Bäckerei. Der Wirt kam mit seinem Rollstuhl und gutem Altdeutsch auf uns zugerollt und erzählte seine Lebensgeschichte. Er ist Nachkomme deutscher Einwanderer und bewahrt die Kultur mit Hilfe der „Deutschen Welle„. Angeblich. Doch offenbar schaut er nur Pro7 oder RTL, denn das Gespräch verlief auf Stammtischniveau.

    Dennoch erfuhren wir interessante Details, zum Beispiel, dass sein Geschäft den Bach runter gegangen war, weil der Tagebau in der Region eingestellt wurde und dadurch die Kundschaft ausblieb. Der massive Konditortisch dient heute als Biertisch und das ehemalige Mehllager wird an eine Friseurin vermietet. Die Pizza seiner italienischen Frau war allerdings unter aller Sau und wir fragten uns wann seine nächste Pleite bevorsteht. Seiner Meinung nach bestand diese darin, dass ihm der deutsche Pass verweigert blieb, aber „den ganzen Ausländern Asyl gewährt wird“.

    Nach der Verabschiedung von unserem Möchtegern-Landsmann machten wir uns auf, um die Höhlenmalereien zu sehen. Und auf einmal waren sie da, – die ersten Eingeborenen, die wir zu Gesicht bekamen. Hereros hockten am Straßenrand und schnitzen an Schmuckstücken. Wir hielten an und bewunderten die rot gefärbte Haut der barbusigen Frauen und die traditionelle Tracht der neugierigen Kinder. Dass wir eins der Schmuckstücke zu einem ziemlich teuren Preis kauften, war selbstverständlich.

    Sie verkauften uns die Armreife als Ochsenhorn, doch nach dem Kauf und genauerer Betrachtung mussten wir feststellen, dass es Plastik war und der traditionelle Auftritt wohl nichts als Verkaufsstrategie. Obwohl wir wussten, dass das heute überall so ist, war es desillusionierend zu sehen, wie sich diese Kultur für Geld verkauft.

    Der Ossiclub

    In Windhoek trafen wir auf zwei Rastamänner: Nick und Peter. Sie wollten uns zuerst was zu rauchen verkaufen, aber als sie merkten, dass wir weniger an ihrem Kraut als an ihnen selbst interessiert waren, erzählten sie von ihrem „Plan“. Sie konzipieren eine Ausstellung über die Geschichte afrikanischer Gastarbeiter in der DDR. (Anm. d.Red.: Umgekehrt gibt es zahlreiche ehemalige DDR-BürgerInnen in Nambia.)

    Während des Kalten Krieges waren Nick und Peter Gastarbeiter in Magdeburg. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mussten sie zurück, weil es keine Arbeit mehr für sie gab. Daraufhin gründeten sie den windhoeker „Ossiclub“, der dazu genutzt wird, aus ihren einzigartigen Erfahrungen eine Identität zu schaffen. Untereinander sprechen sie deutschen Jugendslang und scheinen immer noch nicht ganz nach Namibia zurück gekommen zu sein.

    Deutsch Südwest ist nicht nur wegen seiner Natur eine Reise wert. Ob positiv oder negativ, die Begegnungen mit den Menschen waren immer faszinierend. Obwohl es viele Touristen gibt, fühlt man sich aufgrund der Weitläufigkeit immer auch ein wenig als Entdecker. Die Schotterstraßen, die uns einen Reifen und das Windschutzschild gekostet haben, machen das Wild-West-Erlebnis vollkommen. Selbst Windhoek, die Hauptstadt, ist so übersichtlich, dass man nicht mehr als einen Tag braucht, um sie kennen zu lernen.

    Zyniker sagen, Namibia bräuchte keine Regierung und ein Bürgermeister würde genügen. Nicht auf einer politischen, sondern auf einer emotionalen Ebene, stimme ich dem zu. Denn man hat das Gefühl, jeder kennt jeden, obwohl der Nachbar gut mal 100 Kilometer entfernt wohnen kann.


3 Kommentare zu Mit dem Auto durch Namibia: Pizza, Plastikschmuck und ein Ossiclub für Afrika

  • Silvia am 21.11.2010 18:20
    bin beeindruckt!
  • Rainald Krome am 22.11.2010 10:33
    man kann den Kolonialismus auf unterschiedliche Weise fortschreiben --- im Gewand des Tourismus geht das natürlich auch ganz wunderbar...
  • Schroeders, Peter am 24.11.2010 13:42
    toller Reisebericht. Die Einzelbegenungen bieten
    Anlass zur vertiefenden historischen und politischen
    Analyse. Es stecken mindestens drei weitere Artikel
    in deinem Stoff.
    Peter

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