• Moschee und Dosenbier, Balkan und Europa

    Auf dem Balkan tanzt die Welt zum Sound von klirrenden Gegensätzen und aufeinanderprallenden Kulturen. Georg Bergmann, Bassist der Band Marracash Orchestra, berichtet von seiner Reise nach Skopje anlässlich einer Konferenz mit Musikern aus ganz Europa.

    *

    Bei prallem Sonnenschein begrüßen die Praktikanten Lile und Giorgji unsere 20-köpfige Reisegruppe am Freitagnachmittag nach Landung vor dem Flughafen Thessaloniki. Mit einem etwas zu kurz geratenen, abgewrackten Iveco-Bus treten wir die beschwerliche Weiterfahrt nach Skopje an. Die soziale Umtriebigkeit des Busfahrers sorgt für den ein oder anderen Herzstillstand bei den Fahrgästen – Prädikat: sehr empfehlenswert. Nach Check-In im Hotel gönnen wir uns ein grandioses Abendessen in einem traditionellen mazedonischen Restaurant. Nicht nur dank Skopsko und Raki fühlen wir uns sofort pudelwohl.

    Nun beginnt der wichtigste Teil unserer Mission: Socialising, wie man auf Business-Deutsch sagt, oder auch Networking. Kein Problem, Pflicht-Feiern gehört zu unseren großen Stärken! Und so beginnt der erste von drei Abenden einer exorbitanten Ausschweifung. Drei Tage lang chronischer Schlafmangel, Kalauergewitter, Kontakte Knüpfen, Mutter Cervesa im Übermaß, abartige Flippers-Ohrwürmer samt Tanzeinlagen und (durch die Übermüdung) wahnhaft gute Laune. Die übliche Marracash-Debilität, die wir sonst Tourkoller nennen. Nur dieses mal ohne die unangenehm riechenden Nebenwirkungen, schließlich geben wir keine Konzerte.

    Dafür wartet eine Konferenz auf uns: NGOs, Booker, Veranstalter, Musiker und Promoter, die vom Balkan stammen oder sich seiner Kultur verschrieben haben, treffen hier aufeinander und besprechen, wie man die Musik-Szenen der verschiedenen Länder besser verknüpfen kann. Bei Kippe und Skopsko lernen sich der Festivalchef aus Bosnien, die Bookerin aus Slowenien und der Radiomacher aus Skopje persönlich kennen und machen Pläne für die nächste Tour.

    Sozialistische Prestigebauten in Sim City

    Auf unseren täglichen und nächtlichen Streifzügen durch Skopje entdecken wir immer wieder viele wundersame Dinge im Stadtbild, obwohl wir in den letzten Jahren schon mehrfach hier waren. Die halbe Innenstadt ist inzwischen völlig zugepflastert mit sinnlosen Skulpturen und Denkmälern. Seit 2009 wurden etliche Kaiser in Metall gegossen und mit oder ohne Pferd auf viel zu hohe Stelen gehievt. Triumphbögen wurden in die Erde gerammt, Prunkpaläste aus dem Boden gestampft. Und das alles inmitten der sozialistischen Prestigebauten, die nach dem großen Erdbeben 1963 zuhauf in der Stadt errichtet wurden. Es sieht aus wie im Disneyland oder bei Sim City.

    Die Einheimischen finden diese hyper-klassizistische Dekadenz genauso bescheuert wie die meisten Touristen und ärgern sich über die Art, auf die ihre Regierung Geld, das sie nicht hat, zum Fenster hinauswirft. Arme Mutter Teresa, diese Gebäude wurden sicher nicht im Sinne der Seligen errichtet – und das in ihrem Geburtsort! Zum Glück gibt es noch die Altstadt, die Stara Čaršija. Das osmanisch geprägte Viertel sah vor ein paar hundert Jahren sicher nicht viel anders als heute aus. Niedrige steinerne Häuser, enge Gassen, unzählige kleine Läden und Imbisse, die sich aneinander reihen. Moschee, Hammam, der große Bazar… Ein wundervoller Kontrast zum Stadtbild jenseits des Vardarufers.

    Doch genau diese krassen Gegensätze machen Skopje auch so einzigartig. Ein totaler Clash der Kulturen. Orthodoxe Kirchen prägen das Stadtbild ebenso wie Moscheen. Mazedonier, Albaner, Roma, Serben und andere Minderheiten leben in der Regel friedlich miteinander. Mal abgesehen von ein paar verirrten Mazedoniern, die albanische Flaggen verbrennen, weil in Albanien gelegentlich mazedonische Flaggen verbrannt und Außenminister mit Eiern beworfen werden. Aber dieses gegenseitige Imponierverhalten stellt (zumindest für uns Besucher) weniger eine Bedrohung dar, sondern hat an diesem Wochenende einen besonderen Hintergrund.

    Kulinarische Völkerverständigung

    Am Sonntag feiert die albanische Minderheit gebührend den 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Albaniens: Flaggen schwingende Männer, Autokorsos und krachende Silvesterraketen erinnern an Berlin 2006, als die Italiener den Ku-Damm besetzten und ihren WM Sieg bejubelten. Das ist manchem Mazedonier natürlich ein Dorn im Auge. Es bleibt also eine Ausnahme, dass sich Lile und Giorgji heute nicht in den albanischen Teil der Stadt trauen. Zwei Tage vorher sind wir hier schließlich noch gemeinsam um die Häuser und Kneipen gezogen. Dann gehen wir diesmal eben woanders Trinken. Nema frka – kein Problem!

    Wir haben sowieso noch ein anderes, sehr klares Ziel vor Augen: Mama – oder offiziell Kaj Majche. Der (fast) 24/7 Imbiss war die Wiederentdeckung unseres Skopje-Besuchs. Das grandiose Schnellrestaurant auf drei Quadratmetern hat uns schon vor drei Jahren so wunderbar deliziöse Erlebnisse beschert, dass wir auf jener Tournee gleich dreimal in der Hauptstadt halt gemacht haben. Dank der unzähligen Taxi-Eskapaden, die wir uns in skopjotisch dekadenter Manier auch dieses mal wieder leisten (eine Stadtfahrt kostet ca. 80 Denar, also 1,30€), sind wir praktisch jede Nacht hier. Für 35 Denar stillt die unermüdliche Mama unseren obligatorischen Post-Suff-Hunger mit dem besten Burek der Stadt. Gefüllt mit heißem Käse und Oliven, Heureka! Meiner Meinung nach hätte neben Mutter Teresa auch sie die Seligsprechung verdient. Achso halt, Mama lebt ja noch! Also wenigstens den Friedensnobelpreis für ihr Engagement in der kulinarischen Völkerverständigung.

    Wir sind auf dem Balkan, man weiß ja nie

    Aber warum genau waren wir hier? Achja, die Konferenz, da war doch was. Oder auch nicht. Eigentlich sollte es uns am Sonntagmorgen nicht überraschen, dass sämtliche Veranstaltungen des Abschlusstages wegen allgemeiner Katerstimmung, Lustlosigkeit und zwangsläufiger Unpünktlichkeit der Teilnehmer abgeblasen werden – wir sind doch auf dem Balkan! Umso gelassener nehmen wir die Information zur Kenntnis, dass sich unsere Reisegruppe am nächsten Morgen schon um fünf Uhr morgens trifft, obwohl der Flug erst um die Mittagszeit geht. Aber der langsame Bus, die Grenze, man weiß ja nie.

    So treten wir schließlich Montagmorgen nach etwa zehn Stunden Schlaf (in den drei Tagen insgesamt!) die unvermeidliche Heimreise an. Auf mein Bett zu Hause freue ich mich zugegebenermaßen schon. Zum Glück kennt der Busfahrer die Strecke nach Thessaloniki bereits gut und braucht kaum nach vorne in die Dunkelheit zu schauen – bei dem dichten Nebel draußen kann man sowieso nichts auf der Straße erkennen. Wie die meisten von uns gönnt er sich sogar ein kleines Nickerchen.

    Anm.d.Red.: Einige Mitglieder der Band Marracash Orchestra waren eingeladen worden, an der PIN music conference in Skopje teilzunehmen. Die Konferenz war die Abschlussveranstaltung der Initiative music without borders. In den letzten drei Jahren hat das Projekt Kulturmacher aus halb Europa vernetzt und so unter anderem auch Marracash Orchestra jährliche Tourneen ermöglicht. Das Foto oben ist in Skopje entstanden, stammt von Austrianna und steht unter einer Creative Commons Lizenz. Besonderer Hinweis: Nächstes Konzert in Berlin: Mittwoch, 6. März, Festsaal Kreuzberg.


1 Kommentar zu Moschee und Dosenbier, Balkan und Europa

  • robert am 22.12.2012 16:59
    einfach nur schön und zum schmunzeln formuliert:

    "Zum Glück kennt der Busfahrer die Strecke nach Thessaloniki bereits gut und braucht kaum nach vorne in die Dunkelheit zu schauen – bei dem dichten Nebel draußen kann man sowieso nichts auf der Straße erkennen. Wie die meisten von uns gönnt er sich sogar ein kleines Nickerchen."

Kommentar hinterlassen

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.