• Moralischer Striptease

    Jetzt werden wieder Legenden und Mythen gestrickt: Margot Käßmann, die Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, sei nur deswegen zurückgetreten (worden), weil sie eine Frau ist. Wäre ein Mann sturzbetrunken Auto gefahren, wäre das als lässliche Sünde abgetan worden.

    Irrtum, Frau Schwarzer! Erstens hat sie niemand gezwungen, sondern sie ist freiwillig gegangen. Zweitens war die moralische Fallhöhe, die sie selbst aufgebaut hattte, zu groß. Das hat Bischöfin Käßmann schnell begriffen, und das war für andere auch leicht zu erkennen.

    Fallhöhe und Rigorismus

    Gewiss war der öffentliche Druck groß. Häme, Spott und Hohn waren da. Vor allem in den Kommentaren der Medien. Doch darüber sollte sich neimand wundern. Wer sich als Moralapostel geriert und ein solches Image in der Öffentlichkeit aufbaut, bekommt ein Problem, wenn er seinem selbst gesetzten moralischen Rigorismus nicht entsprechen kann.

    Das musste Herr Gysi in Berlin erfahren, das musste aber auch Frau Wagenknecht erfahren, als sie beim Hummeressen ertappt worden ist. In allen diesen Fällen klafft und klaffte ein großes Loch zwischen dem, was öffentlich gepredigt und privat gemacht wird.

    Es wäre vermutlich auch ihrem Vorgänger, Bischof Huber, nicht anders ergangen. Auch er hat sich in Talkshows und öffentlichen Erklärungen moralisch immer sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Also mit Frausein und Mannsein hat das nichts zu tun.

    In Sünde leben

    Wer da gern auf andere mit dem Finger zeigt, auf Franz Josef Strauß zum Beispiel oder Joschka Fischer, der vergisst einfach, dass deren Image immer schon von schwarzen Tupfern durchsetzt war. Von ihnen erwartete man, dass sie sich gelegentlich daneben benehmen oder „in Sünde“ leben.

    Bezüglich ihrer Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit haben diese Personen kein Legitimationsproblem. Nur jene, die immer Wasser predigen, aber Wein trinken. Und das mit Recht!


14 Kommentare zu Moralischer Striptease

  • Kann man einen Bischof und einen Minister wirklich miteinander vergleichen?
  • Rowohlt-Evangelium, gottesfürchtige Nudisten und Zombies, Feng Shui-Kult und heute: die Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland im Visier. Religion das heimliche Leitmotiv der Woche?
  • Silvia am 26.02.2010 10:49
    Schade, dass sie weg ist!, sie war eine Gute, eine Starke, eine, die den Mund aufgemacht hat, sich aufgelehnt hat, gegen die dumme Politik.
  • Mark Deffler am 26.02.2010 12:30
    Alles klar, wer öffentlich über Moral redet (ohne sich dabei, als Klarstellung, selbst als "perfekt" darzustellen), darf sich auch nicht wundern, dass Vergehen schwerer geahndet werden als bei Leuten, bei denen jeder sowieso weiß, dass sie schlecht sind. Unerträglicher Zynismus anyone?
  • Silvia am 26.02.2010 15:01
    @ Mark: Du beziehst Dich auf den letzten Absatz?

    "Bezüglich ihrer Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit haben diese Personen [Joschka Fischer und Co.] kein Legitimationsproblem. Nur jene, die immer Wasser predigen, aber Wein trinken. Und das mit Recht!"
  • Mark Deffler am 26.02.2010 18:14
    Ja, diesen Absatz meine ich.
  • @ Mark: mir kommt das Fazit auch etwas merkwürdig vor, aber es liegt auch vielleicht daran, dass der Autor zwei ganz unterschiedliche Dinge anspricht. Einerseits die Medienrezeption: wie reagiert man darauf? Und: wie steht die betroffene Person jetzt da? Maresch sagt: sie habe ein "Legitimationsproblem", wenn ich ihn richtig verstehe. Aber das sie nachdem sie zurückgetreten ist, eben nicht (mehr). Und Maresch weiss: sie hat sich selbst dafür entschieden. Ist die Sache nicht vielleicht doch etwas komplexer? Zynismus scheint mir etwas schnell geschossen.
  • Mark Deffler am 26.02.2010 21:47
    Käßmann hat einen Fehler begangen und dafür, im angemessenen Vokabular ausgedrückt, gebüßt - sich also nach den moralischen Maßstäben verhalten, die sie predigt. Es ist also kein "Fall" - bzw. keiner, der ihre Glaubwürdigkeit heute und vor allem in der Vergangenheit untergräbt. Ihr Werk (was das auch sein mag, ich mag die EKD nämlich nicht sonderlich) bleibt ja bestehen. Sie hat ja kein Doppelleben geführt. DAS wäre ein Grund, vom Verlust der moralischen Autoriät oder so zu sprechen.
    Verheerend wird es dann, wenn tatsächlich Politiker miteinander verglichen werden - Gysi/Wagenknecht und Fischer/Strauß. (Und überhaupt: häh?) Wenn diese beiden also, der Argumentation von Maresch nach, Jahrelang Hummer gegessen und vor allem Bonusmeilen verjubelt hätten (und nur letzteres hatte ja wirklich Konsequenzen - die "Wagenknecht lässt Fotos löschen"-Geschichte war ja nur für ein bisschen Häme in konservativeren Blättern gut), dann wäre das okay gewesen - Gysi muss dafür aber zurücktreten. Also wäre es für einen Politiker viel logischer, von vornherein für überhaupt keine höreren Ideale (was immer man von denen halten mag) einzustehen, weil man ihnen ja sowieso nicht gerecht wird - und dann auch noch an härteren Maßstäben gemessen wird. Und das nenne ich zynisch.
  • Hallo, ihr Diskutanten,
    Bischof und Minister kann man, denke ich sehr wohl vergleichen, insofern sie ja beide ihr Amt politisch verstehen. Nicht anderes hat Frau Käßmann ja auch gemacht, wenn sie bei Will oder Illner aufgetreten ist oder auf der Kanzel gegen den Krieg am Hindukusch ins Feld gezogen ist.
    Ihr Problem war doch einfach, und man könnte auch Herrn Özdemir oder auch Herrn Friedmann noch erwähnen, dass sie immer, wenn sie oder die Genannten das Wort ergriffen hat oder haben, den hohen moralischen Zeigefinger erhoben haben und ihr öffentliches Erscheinungsbild damit verbunden haben. Das heißt, ihr öffentlicher Kredit war der hohe moralische Anspruch, den sie reklamiert, an andere Zeitgenossen angelegt oder von ihen eingefordert haben.
    Wird dieser nun selbstredend oder selbsttuend befleckt, dann bekommen alle diese Personen ein Imageproblem. Ihr höchstes Gut, das sie haben, Glaubwürdigkeit nämlich, ist nicht nur ramponiert, sondern dahin. Hätte Frau Käßmann in den nächsten Wochen anderen wieder mal vorgehalten, wie mies sie sich verhalten, hätte man ihr möglicherweise eine Weinflasche entgegengestreckt. Weil sie das gewusst und befürchtet hat, ist sie zurückgetreten. Mit Zynismus hat das nichts zu tun. Das ist das Geschäft und das weiß auch jeder, der sich dermaßen in die Öffentlichkeit wagt. Er wird dafür ja auch gut entlohnt, materiell wie immateriell.
    Im Übrigen wird die ehemalige Bischöfin in ein, zwei Jahren an anderen heruasgehobener Stelle wieder auftauchen, als Ministerin oder Repräsentantin einer sozialen einrichtung. Sie gilt ja als besonders ehrgeizig und (auch( egomanisch, wenn man Berichten trauen darf. Wenn es um öffentliche Aufmerksamkeit und öffentliches Selbstdarstellertum geht, unterscheiden sich Männer und Frauen bekanntlich nicht.
    Auch Özdemir, Friedmann oder Wiesheu, einst bayerischer Wirtschaftsminister, sind nach einer gewissen Karenzzeit, wieder aufgetaucht und im Geschäft. Die Krokodilstränen, die da jetzt vergossen werden, werden sehr bald getrocknet sein. Also, viel Aufregung um nichts.
  • Mark Deffler am 27.02.2010 11:35
    Friedman, mit nur einem N. Das wär mir ein Anliegen, vielen Dank. Und wo wir schon bei ihm sind: Der hat bis heute nicht seine alte Position wieder einnehmen können - nicht im Fernsehen, nicht in den Medien überhaupt. Und einen Posten im Zentralrat oder in der Jüdischen Gemeinde Frankurt a.M. hat er auch nicht mehr. Nichts da mit Karenzzeit.
  • Aber er wird doch wieder eingeladen, darf in Talkshows seine Meinung zum Besten geben und mitstreiten. Und wenn ich mich nicht irre, hatte er auch mal wieder eine Fernsehsendung zwischenzeitlich.
    Und zu Frau Käßmann - Bestätigt sich nicht, was ich vermutet habe? Bieten die Grünen ihr nicht gerade einen Posten an? Da würde sie auf alle fälle gut hinpassen - als Moralapostolin!
  • Mark Deffler am 27.02.2010 13:06
    Alle paar Monate auf N24 mit Nebenfiguren reden oder für Posch Ulfardt Nazis interviewen ist was ganz anderes als eine Talkshow in der ARD. Und wie gesagt: Kein hohes Amt im ZdJ.
    Das ist der Punkt: Die vermeintliche Schaubuße ist gravierender als sechs Monate Funkstille und dann Auftauchen in neuen Kleidern. Mir ist die EKD ziemlich egal, aber ich nehme einfach mal an, dass Käßmann ihre Arbeit ehrlich meinte und nicht zur Bestätigung des eigenen Egos gebraucht hat. Und das ist jetzt vorbei - und dieses "Selber schuld! Hätten wir von ihr nichts erwartet, dann wären wir jetzt auch nicht enttäuscht!", das ist es, was mich stört. Warum sollte man denn überhaupt noch über Moral reden, wenn immer jemand kommt und ruft "Kuck dich mal selbst an!"?
  • Silvia am 27.02.2010 14:22
    Es ist vielleicht ein wenig Off-Topic: Aber man sollte nicht vergessen, dass die Moraldiskussion häufig verhindert, dass man sich den Dingen/Fragen/etc. wirklich widmet, dass man sie zu ihren eigenen Bedingungen betrachtet --- ein Beispiel: Reaktionen auf Stockhausen im Kontext von 911. Dürfe man 911 in der Kategorie des Kunstwerks denken?
  • Ich finde interessant, dass hier das Wort "Gesellschaft" noch nicht gefallen ist. Momentan wird sehr auf Einzelfälle bezogen argumentiert und dann entsteht natürlich dieser zurecht bemängelte Zynismus, dass man eigentlich gar keine moralischen Aussagen mehr machen sollte, weil es einem auf die eigene Karriere bezogen nur schadet.
    Ich denke gerade darüber nach, ob es gesellschaftlich nicht unerlässlich ist, dass es Menschen wie Käßmann gibt, die uns durch hohen moralischen Anspruch ab und zu den Alltag reflektieren lassen und dann aber auch die Konsequenzen ziehen, wenn sie diesem Anspruch selbst nicht mehr gerecht werden können. Schwindet das Vertrauen in die Politiker nicht gerade deshalb, weil sie genau diese Konseuenzen nicht mehr ziehen? Natürlich kann man nun als Gegenargument anführen, dass wir ja alle nur Menschen sind. Aber ich vermute dagegen, dass eine Gesellschaft genau dieses Bild von einer moralisch absolut intakten Elite benötigt. Das natürlich ein inszeniertes ist, aber das ist irrelevant, weil es in diesem Punkt geradezu förderlich ist, betrogen zu werden. Ein lückenhaftes Bild dagegen löst langfristig einen Umbruch aus.
    Käßmanns Rücktritt ist also nicht nur eine Frage ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit, sondern ein gesamtgesellschaftlich betrachtenswürdiges Phänomen.

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