• Mocambique

    Zum ersten Mal hoerte ich 1998 von Mosambik. Ich hatte damals mit dem Mathematik-Studium in Wuerzburg begonnen und engagierte mich in meiner Freizeit politisch. Durch mein Interesse an der Eine-Welt-Arbeit und an Afrika wurde ich auf die Gemeinschaft Sant Egidio aufmerksam, die von roemischen Schuelern im Jahre 1968 gegruendet wurde. Bei Sant“ Egidio engagiere ich mich nun seit rund sechs Jahren in meiner freien Zeit.

    Sant“ Egidio ist im Klima der 1968er Jahre in Rom als eine christliche Gemeinschaft entstanden, die sich auf vielfaeltige und phantasievolle Weise fuer die Armen der Stadt einsetzt, so dass z.B. in Rom ein dichtes Netz von Hilfen in den armen Stadtrandvierteln aufgebaut wurde. In der Folgezeit verbreitete sich die Gemeinschaft in Italien sowie in und ausserhalb Europas. Heute gibt es in mehr als 70 Laendern Gemeinschaften von Sant“ Egidio mit ueber 40.000 Mitgliedern, seit den 1980er Jahren auch in einigen deutschen Staedten. Es war gerade ihre Freundschaft zu den Armen, die das Interesse der Gemeinschaft an internationalen Problemen reifen liess.

    Die Gemeinschaft lernte einen jungen Priester kennen, der spaeter in Mosambik Bischof wurde, Don Jaime Goncalves. Aus dem persoenlichen Kontakt entsprangen bald einige Initiativen der Entwicklungshilfe fuer dieses bitterarme Land. Der hauptsaechliche Grund fuer die Armut des Landes lag und liegt auch heute noch in dem langen Krieg, der das Land von 1964 bis 1992 erfasste und 1 Million Tote forderte. Portugal hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Mosambik vollstaendig unterworfen und insbesondere die Arbeitskraft der Mosambikaner durch ein System von Zwangsarbeit ausgebeutet. Die systematische Missachtung der Menschenrechte der Mosambikaner durch das autoritaere Salazar-Regime in Portugal fuehrte zur Gruendung der politischen Befreiungsorganisation Frente de Libertacao de Mocambique (FRELIMO), die 1964 der portugiesischen Kolonialmacht den Krieg erklaerte. Die Nelkenrevolution in Portugal fuehrte dann 1975 zur Unabhaengigkeit Mosambiks. Die FRELIMO machte aus Mosambik einen sozialistischen Einparteienstaat. Bald bildete sich jedoch eine antikommunistische Guerilla in Mosambik, die Resistencia Nacional Mocambicana (RENAMO). Bis Ende der 1980er Jahre bekaempften sich diese beiden Parteien auf das Haerteste. Die Regierung der FRELIMO bezeichnete die RENAMO als terroristische Organisation, und die RENAMO weigerte sich, die Regierung der FRELIMO anzuerkennen.

    Eine wirksame Entwicklungshilfe fuer das Land Mosambik gab es nicht, das Einzige was helfen konnte war der Friede selbst. Die Gemeinschaft Sant“ Egidio entschied sich daher dazu, direkt den Friedensprozess in Mosambik anregen zu wollen. Dies war bemerkenswert, da die Mitglieder derGemeinschaft alle keine Berufsdiplomaten sind. Da jedoch ausserhalb der Gemeinschaft kaum jemand Frieden in Mosambik fuer moeglich hielt, gab es keinen anderen Weg. Viele hielten einen Frieden in Mosambik erst nach einem Fall des Apartheid-Regimes in Suedafrika fuer moeglich, da Suedafrika im Verdacht stand die RENAMO zu unterstuetzen. Die Gemeinschaft erkannte jedoch nach einiger Zeit, dass dies 1989 nicht mehr zutraf und man versuchte zu verstehen, was die RENAMO tatsaechlich war, jenseits aller Klischees (>schwarze Khmer<). Die beiden Parteien vertrauten der Gemeinschaft, weil sich diese durch ihre langjaehrige und unparteiische Arbeit auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe einen guten Ruf erworben hatte. Insbesondere war die Gemeinschaft eine schwache Groesse, da sie im Gegensatz zu Staaten z.B. keinen direkten wirtschaftlichen Druck auf die Verhandlungspartner ausueben konnte, was sich jedoch paradoxer Weise als eigentliche Staerke herausstellte. Die ersten Begegnungen zwischen der RENAMO und der FRELIMO ueberhaupt fanden im Juli 1990 in den Raeumen der Gemeinschaft Sant" Egidio statt. Sie waren ausserordentlich wichtig fuer den weiteren Verhandlungsrahmen und sie stellten eine Vision her, die von beiden Parteien geteilt wurde. Die Verhandlungspartner konnten sich dazu durchringen, sich gegenseitig als Teil derselben Nation anzuerkennen (Kinder derselben Erde). Die RENAMO war bereit, die FRELIMO als Regierung des Landes anzuerkennen, und betrachtete sie nicht mehr als Usurpator der Macht. Dagegen war die FRELIMO bereit, die RENAMO als Oppositionspartei anzuerkennen, sie nicht mehr als blosse Terroristen zu bezeichnen.

    Die Verhandlungen in Rom waren sehr schwer, sie benoetigten 11 Sitzungsperioden und 27 Monate. Das Entscheidende am Frieden im Mosambik war, dass die Verhandlungspartner tatsaechlich ihre Mentalitaet aenderten. Die RENAMO wandelte sich von einer reinen Guerillakriegs- in eine politische Partei und aus der ehemaligen Einheitspartei FRELIMO wurde eine Partei, die es akzeptierte, nicht mehr mit dem Staat identisch zu sein. Auch wenn der Frieden die Hilfe von aussen benoetigte, war er doch durch und durch ein mosambikanischer Frieden, denn er war aus dem freien Willen der Verhandlungspartner entstanden. Der Friedensschluss fuer Mosambik wurde am 4. Oktober 1992 in Rom in den Raeumen der Gemeinschaft unter Anwesenheit wichtiger Politiker unterzeichnet. Er hat bis heute gehalten und stellt damit zwar kein Modell, aber doch eine Hoffnung fuer ganz Afrika dar.

    Dieser Frieden ist die Grundlage fuer den moderaten Aufschwung, den Mosambik derzeit erlebt. So ist etwas das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt Mosambik von 60 US$ 1992 auf 210 US$ im Jahr 2000 angestiegen. Allerdings hat der Wohlstand bisher nur einen geringen Prozentsatz der Bevoelkerung erreicht. Im Jahr 1999 lebten immer noch 69% aller Mosambikaner unterhalb der absoluten Armutsgrenze. Bedrohlich fuer Mosambik sind insbesondere sein feindliches Klima, Missernten, Ueberschwemmungen – und AIDS. Die Lebenserwartung in Mosambik ist durch AIDS seit 1992 von 49 Jahren auf unter 40 Jahre im Jahr 2000 gefallen. Schaetzungsweise 15% der Bevoelkerung sind HIV-positiv. Nach dem Ende des Krieges geht es nun in Mosambik um eine neue Herausforderung: die Bekaempfung von AIDS. AIDS forderte in Mosambik schon 2 Millionen Menschenleben, also das Doppelte wie der Krieg.

    Die Gemeinschaft Sant Egidio hat daher im Maerz 2002 ein umfassendes Programm zur Bekaempfung von AIDS in Mosambik begonnen. Es umfasst alle Elemente der Bekaempfung der Krankheit: angefangen mit Gesundheitserziehung und Aufklaerung, ueber Aus- und Weiterbildung von mosambikanischen Krankenpflegern und Aerzten bis zur Therapie erkrankter Personen mittels guenstiger Generika aus Indien.

    Das Programm traegt den Namen Dream. Es ist wirklich ein Traum fuer Afrika.


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