• Mobile Textkulturen: Entwicklungen in Japan, Australien und Südafrika

    Die Veranstaltung „Zwischen den Überholspuren“, die im Rahmen des internationalen Symposiums Mobile Textkulturen stattfand, begann mit drei Vorträgen – gehalten von ExpertInnen aus drei verschiedenen Kontinenten. Sie zeichneten die Entwicklungen und Anwendungen des mobilen Schreibens in den jeweiligen Regionen nach. Es wurde deutlich, wie sich hier ganz unterschiedliche Kommunikationswelten konstituieren, die nur bedingt grenzübergreifende Verbindungen zulassen.

    Den Anfang machte Nicola Jones, die die mobile Kommunikation in Südafrika beschrieb. In einem Land, in dem die Analphabetenquote sehr hoch ist (45%) und in dem nur 25% der ganzen Bevölkerung Internetzugang haben, seien mobile Technologien nicht zu unterschätzen. Das wissen natürlich auch die größten Handyhersteller: Sie testen hier häufig ein neues Mobiltelefon bevor sie es auf dem internationalen Markt einführen.

    Die meisten Internetuser in Südafrika benutzen ihre Handys um online zu gehen; von einem iPhone kann man hier allerdings nur träumen. Die mediale Mobilität macht es beispielsweise JournalistInnen möglich, Ereignisse live zu berichten und im Zuge dessen manchmal auch die Zensur zu unterlaufen. Jones gab als Beispiel eine Journalistin an, die bei einer Pressekonferenz Notizen für ihren Presseartikel machte und gleichzeitig twitterte – ganz informell und subjektiv.

    Das Handy ermöglicht in diesem Fall das Entstehen einer parallelen Informationswelt, eines Paralleljournalismus, der sich erst nach dem Veröffentlichen unterschiedlichen Kontrollvorgängen ausgesetzt sieht.

    Twitter in Australien: Hip or Hype?

    Danach sprach Stephen Quinn über die Bedeutung von Twitter im australischen Wahlkampf 2010. In seiner Präsentation „Hip or Hype“ analysierte er den Verlauf des ersten „twitterisierten“ politischen Ereignisses in seinem Land um festzustellen, dass es sich hier eher um einen „Hype“ handelte, als um etwas wirklich neues, „hippes“.

    Er betonte jedoch die Bedeutung von sozialen Medien, wie Facebook oder Twitter für die australische Gesellschaft und wies darauf hin, dass die Mehrheit von jungen Handynutzern ihr Telefon hauptsächlich zum SMS-Schreiben und nicht zum Telefonieren benutzt. Hier zeigte sich die andere Seite des Hype, die eben „hip“ ist – mit allen wohl bekannten sozialen Zwängen, die dazugehören.

    An den Universitäten etwa ist mobile Textkultur im Bereich der Medien- oder Kommunikationswissenschaften quasi Pflicht: Wer an einem Seminar teilnnehmen möchte, braucht einen Twitteraccount. Wer keinen hat, kann den Lernprozessen nicht adäquat folgen. Während die Textkommunikation immer schneller und die Lücke zwischen Generationen immer größer wird, stellt sich die Frage: Wird der Zugang zur Bildung in Zukunft von dem immer auch mobilen Zugang zu einer sprachlich und kulturell spezialisierten Twitter-Community abhängen?

    Jenseits der Überholspur: Mobile Realität in Japan

    Mitsuhiro Takemura, der dritte Sprecher des Panels, schilderte, wie sich mobile Textkulturen in Japan entwickeln, wie schnell die isolierte Medien- und Hi-Tech-Welt des Mikrokosmos „Japan“ funktioniert und wie neue Technologien und somit neue Textformate nicht nur einzelne Menschen, sondern auch den ganzen öffentlichen Raum verändern.

    In Japan wird am stärksten auf der ganzen Welt über Handys, iPhones und andere Mobilgeräte kommuniziert – sie bieten Sicherheit und Unabhängigkeit – ihretwegen fühlt man sich nie alleine. Takemura zeigte ein Video, in dem sich ein junger Mann durch die urbane Umwelt Tokios bewegt – stets ein iPhone vor sich und ständig Informationen abrufend, die seine Freunde oder andere über den jeweiligen Ort in die „augmented reality“ eingeschrieben haben.

    In diesen mobilen Textkulturen spielen Emoji (Emoticons) eine sehr wichtige Rolle. Diese kleinen Zeichen lösen echte Gefühle aus. Doch wer versteht und teilt sie? In den meisten Fällen nur die junge Generation, die eigene Sprachen für das Schreiben von unterwegs entwickelt hat und die Handyromane, so genannte Keitai-Novels, hervorbringt . Die AutorInnen dieser Romane sind in Japan richtige Stars und haben eine große Community, die sich inzwischen zahlenmäßig mit LeserInnen des traditionellen Buchs messen kann.

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