• Mobile Textkulturen: „Es gibt auch Menschen, die mit Telefonen telefonieren.“

    Drachensteigen – an das Wort musste ich denken, als die Sonne in den Hof des ICI Berlin schien und der Wind lau um die Wände wehte. Dieser milde Herbstsamstag wäre perfekt gewesen, um ein bisschen Kunststoff in der Luft zu balancieren. Ich entschied mich indes, das ICI zu betreten. Dort fand das von der Berliner Gazette organisierte Symposium Mobile Textkulturen statt. Um die ökonomische Dimension des „Textens von unterwegs“ sollte es bei der Diskussion „Schöne neue Nebenbeschäftigung“ gehen.

    „Was sind die ökonomischen Konsequenzen für die Arbeit von AutorInnen, wenn immer mehr Texte mobil verfasst werden?“ Das war die Ausgangsfrage des Panels, der rote Faden, den Moderator Matthias Spielkamp auslegte. Doch zunächst fragte er die Gäste Chris Köver, Sascha Kösch und Robin Meyer-Lucht, ob und wie sie mobil texten. Die Antworten von Chris Köver und Sascha Kösch fielen ähnlich aus: geschrieben wird am liebsten zu Hause. Das Eingabewerkzeug ist meistens ein mobiler Laptop. Das Bild, das damit Gestalt annahm: Man ist auch Zuhause unterwegs.

    Mobile Textkulturen und soziale Netzwerke

    Robin Meyer-Lucht drehte die Einstiegsfrage um und überlegte, ob analoge Texte (beispielsweise Zeitungen und Magazine) nicht schon immer mobil waren und jetzt eher die digitalen Formen mobil werden, weil sie auch von unterwegs abgerufen werden können und man nicht mehr an einem grauen stationären Rechner verharren muss.

    Schon der Start der Diskussion zeigte, dass der ausgelegte rote Faden nicht so einfach zu fassen war, wie die Griffe eines Drachens im Wind. Über die beiden zentralen Themen des Panels wurde jedenfalls kontrovers gestritten. Es schien, als wollte man zunächst ganz grundsätzlich klären, wie man sie richtig befragt. Auf der einen Seite die Frage, was wir eigentlich unter den „mobilen Textkulturen“ verstehen. Auf der anderen Seite, die schwer zu fassende und deshalb sich auch immer wieder entziehende Frage nach der Ökonomie. Man versuchte sich einen Zugang über die mobilen Textkulturen rund um soziale Netzwerke zu verschaffen.

    Chris Köver sammelte ihre Erfahrungen bei Zünder und Zeit Campus und gründete vor zwei Jahren zusammen mit anderen Journalistinnen das Missy Magazine, „ein Magazin für Frauen, die sich für Popkultur, Politik und Style interessieren“ – so steht es in der Selbstbeschreibung auf Facebook. Diesen zusehends mobil bespielten und rezipierten Kanal nutzen Chris und ihre Kolleginnen auch sehr gerne, weil sie selbst in der Community aktiv sind. Die Missy-Facebookseite zu pflegen sei daher nicht so viel Mehrarbeit, aber ein toller Marketingkanal, der nicht zu vernachlässigen ist.

    Auch Sascha Köschs De:Bug und Robin Meyer-Luchts Carta.info sind im größten sozialen Netzwerk der Welt vertreten und werden intensiv gepflegt. De:Bug verzeichnet über Facebook sogar fast mehr Zugriffe auf die eigene Homepage, als über Google. Als alleiniger Marketingkanal bringen die Einträge zwar nichts, aber sie sind auch nicht zu unterschätzen. Denn, so war allen klar, dominiert das Imperativ des Live Streams, das die großen sozialen Netzwerke auszeichnet, den Lebensstil einer größer werdenden Zahl von MediennutzerInnen.

    Die „Mobile Identität“ als Visitenkarte

    So fand auch Twitter fand seinen Weg in die Diskussion. Obwohl der Microblogging-Dienst eher weniger von den Diskutanten benutzt wird, kann er eine Rolle für die „Selbstvermarktung“ (Chris) oder die „Mobile Identität“ (Sascha) spielen. Denn die Identität im Netz kann eine Visitenkarte werden. Und das hat ökonomische Folgen. Auf einer symbolischen Ebene zumindest. Ein Journalist oder eine Journalistin beispielsweise, der oder die etwas über Twitter schreiben möchte, hat bessere Chancen dafür einen Auftrag zu bekommen, wenn er oder sie auch selbst auf Twitter aktiv ist und Follower hat.

    Diese Art der „Selbstvermarktung“, wollten alle Beteiligten nicht negativ verstanden wissen. Es galt vielmehr Robin Meyer-Luchts Frage näher beleuchten, die Frage danach nämlich, was es uns eigentlich bringt über Twitter und Facebook Nachrichten zu senden – schließlich wird man nicht dafür entlohnt. Die genauere Beantwortung dieser Frage fiel den drei JournalistInnen ziemlich schwer, weil sie eigentlich genau das machen: neue Medien nutzen und ausprobieren ohne monetäre Absichten. Ihre Motivation ist persönliches Interesse und Leidenschaft. Natürlich ist es auch eine Frage des Lebensstils.

    Die Frage nach der Ökonomie der mobilen Textkulturen schien, wie so häufig in Diskussionen über digitale Medien, eine Zukunftsfrage zu sein. Aber es kann nie zu früh sein, eine solche Frage zu stellen, zumal die gegebenen ökonomischen Bedingungen für alle Gäste auf dem Podium sich äußerst prekär auswirken. Die Verunsicherung, die auf dem Panel zu spüren war, könnte somit auch der allgemeinen ökonomischen Ungewissheit geschuldet sein. Dieses Problem mit Blick auf mobile Textkulturen überhaupt auf den Tisch gebracht zu haben, könnte als das eigentlich dieses Panels angesehen werden.

    Über Gerüche kommunizieren

    Um das Kreisen um Gegenwart und Zukunft einer Ökonomie der mobilen Textkulturen zu einem Abschluss zu bringen, lud der Moderator alle Gäste am Ende dazu ein, eine Vision zu artikulieren. Doch auch eine Zukunftsaussicht, wie sie in drei bis zehn Jahren (mobil) texten werden, fiel den Dreien schwer.

    Robin und Sascha sehen wohl eine Chance in neuen Arten des Voice-Recording, das Aufnehmen von Sprache und die Umwandlung in Text. Sascha meinte, dass die Arten der Kommunikation wie wir sie heute verwenden eher die sind die am besten an unseren kommunikativen Mangel angepasst sind (140 Zeichen – das reicht), aber uns dadurch nicht befreien.

    Es gibt Menschen, die benutzen auch weiterhin das Smartphone nur zum Telefonieren. Andere wiederum nur zum Texten. Die Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen mobilen Kommunikationsstilen wird daher immer wieder die Frage nach sich ziehen, wie sich all das auf die Kulturtechnik des Schreibens auswirkt. In dieser Hinsicht sollte auch die Zukunftsperspektive von Chris interpretiert werden, die auf das Buch Die Abschaffung der Arten von Dietmar Dath verwies, in dem Mischwesen über Geruch kommunizieren.

    Bilder der Diskussion:


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