• Aufwachsen im Zwischenraum: Was haben uns die „Repräsentanten keiner Kultur“ zu erzählen?

    Migration, Mobilität, Globalisierung: Immer mehr Menschen wachsen im Zwischenraum auf. Das heißt, weder ausschließlich hierzulande, noch in einem anderem Land allein. Was haben uns diese „Repräsentanten keiner Kultur“ zu erzählen? Leider hören ihnen die wenigsten richtig zu, meint Berliner Gazette-Autorin Birgit Schuhbeck und zeigt, dass es auch anders geht, wenn sie für uns Geschichten von Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoğlu und Selim Özdoğan kommentiert.

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    Inflationär häufig fallen bei Begegnungen von deutscher und türkischer Kultur klangvolle Begriffe wie „Integration“, „kulturelle Vielfalt“ oder gar „deutsch-türkische Schicksalsgemeinschaft“. Meistens wird dann auch noch das bekannte Zitat von Max Frisch bemüht – „Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen“ – obwohl es der Autor in einem ganz anderen Zusammenhang äußerte, nämlich in Bezug auf Gastarbeiter aus Italien.

    Auch türkisch-deutschen Schriftstellern und Regisseuren haftet innerhalb dieser Diskussion immer noch das klassische Bild des „Sprachrohrs“ an. Selbst nach 50 Jahren „Annäherung“ steht für sie nur eine Rolle in der Öffentlichkeit zur Verfügung: die des Kulturvermittlers. Dabei haben türkisch-deutsche Autoren weitaus mehr zu sagen und zu fragen als „Was macht der nackte Mann am Kreuz?“ – und vieles davon hat nichts mit inhaltsleeren Wörtern zu tun.

    Wenn man heute Bilanz zieht, ist erkennbar: Es wird immer noch nicht richtig hingehört und stattdessen alles oder nichts mit „Plastikwörtern“ gesagt. Diese Begrifflichkeiten rund um das Thema Multikulturalität sind so glatt gehalten, dass die Realität einfach an ihnen abperlt. Sie sind keine konkrete Diskussionsgrundlage, sondern nur Platzhalter mit schwammig-vieldeutiger Aussage.

    Die Loslösung vom Migrationshintergrund 

    Warum ist es beispielsweise notwendig, dass mit Almanya (Regie: Yasemin Şamdereli) die inzwischen bekannte Geschichte vom „Culture Clash“ noch einmal erzählt wird? Haben nicht die Filme Rainer Werner Fassbinders in den 1970ern, allen voran Angst essen Seele auf, bis zu den Romanen der türkisch-deutschen Autoren, an deren Spitze Emine Sevgi Özdamars Die Brücke vom Goldenen Horn (1998), bereits alle Aspekte der Ankunft in einer neuen Kultur, also auch Probleme mit Sprache, Menschen und Sitten, ausführlich und aus allen möglichen Perspektiven behandelt?

    Mittlerweile scheinen sogar Filme und Romane zu entstehen, die sich im Kern völlig vom Migrationshintergrund gelöst haben – darunter Fatih Akıns Auf der anderen Seite (2007) und Feridun Zaimoğlus Ruß (2011). Im Falle Zaimoğlus geht es auch genau darum: „Man behelligt uns immer noch damit, dass wir zwischen zwei Kulturen hocken würden oder stehen oder in einem Vakuum, und wir sind ja solche Krisenkreaturen. Wir haben diese Identitätskrisen nicht“, sagte Zaimoğlu schon 1998 in der NDR-Talkshow „Drei nach neun“.

    In „Ruß“ wendet er sich einem ur-deutschen Thema zu: dem Ruhrpott und seiner Arbeiterkultur. Dort siedelt Zaimoğlu einen Krimiplot an, wobei es nicht so sehr um die Aufklärung, Rache und Gewalt geht, sondern um die Zeichnung der Hauptfigur Renz. Der bleibt trotz archaischer Männerwelt-Umgebung sensibel, vorsichtig, misstrauisch, und findet gerade dadurch in der Kellnerin Maja eine neue Liebe.

    Am meisten überrascht davon sind in diesem düsteren Roman nicht die Leser, sondern Maja und Renz selbst. Gerade durch die immer ins Schweigen abdriftenden Dialoge und scheinbar belanglos erzählten Details werden Sehnsucht und Schmerz am Leben selbst umso deutlicher. Das Milieu, in dem die Filme Akıns wiederum spielen – angesiedelt im türkisch-deutschen Schwellenraum – sind dennoch keiner Kultur eindeutig zuzuordnen, auch Religion spielt keine Rolle. Vielmehr geht es darum, persönliche Bindungen als Laboratorium der Selbstfindung der Figuren zu begreifen.

    Es geht um kulturübergreifende Schicksalsschläge, das dem Zufall-ausgesetzt-Sein, die Verarbeitung von Tod und Trauer, aber auch um Reue und Vergebung. So tritt vor allem bei der Figur Alis eine Änderung dessen Verhaltens ein, als er schließlich das Buch zur Hand nimmt, das ihm sein Sohn Nejat zu lesen gegeben hat, und sich davon berühren lässt. Bezeichnenderweise handelt es sich dabei um Die Tochter des Schmieds (2005/2007) von Selim Özdoğan – parallel zu „Auf der anderen Seite“ geht es darin um einen früh verwitweten alleinerziehenden Vater. Letztendlich kann sich Ali mit seiner Herkunft, seinem Sohn und vor allem mit sich selbst versöhnen.

    Emotionen statt Integrationsdebatte

    Selim Özdoğan hat sich mit seinem aktuellen Roman Heimstraße 52 auch rein räumlich von seiner türkischen Herkunft gelöst. Özdoğan hat nichts übrig für eine Migrantenliteratur, die nur noch Hülle ist und ihre Inhaltsleere durch aufregende Authentizität zu verstecken sucht. Er unterläuft in seiner Kunst vielmehr eindeutige Grenzziehungen und stellt die Komplexität der Beziehung in den Vordergrund, als die ewige Wiederkehr überholter Phrasen und Stereotypen zu bemühen.

    Özdoğan schreibt mit „Heimstraße 52“ zwar eine Fortsetzung zu „Die Tochter des Schmieds“, was sich auf den ersten Blick in die ‚klassische‘ Migrantenliteratur eingliedern lässt. Aber die üblichen Thematiken scheinen unerheblich: So trägt seine Hauptfigur Gül kein Kopftuch – doch dies wird nicht weiter kommentiert, die Integrationsdebatte spielt keine Rolle. Es scheint, als stünden Emotionen wie Sehnsucht, Heimatgefühle, Zuversicht und Vergangenheitsbewusstsein im Vordergrund. Dennoch wird Özdoğan von der Kritik immer noch als „türkischer“ Autor bezeichnet.

    Vor allem nach Thilo Sarrazins Aussagen zu Migration schleicht sich auch in die von Zaimoğlu optimistisch postulierte Position des „Repräsentanten keiner Kultur“ durch die Hintertür das Selbstverständnis türkisch-deutscher Autoren als „Sprachrohr“ wieder ein. Nur das Vorzeichen hat sich geändert. Es ist jetzt negativ. Hatice Akyün, die mit Einmal Hans mit scharfer Soße (2005) eine Paraderolle der Kulturvermittlerin gespielt hat, sagt dazu treffend: „Ich rede mir doch nur den Mund fusselig. Dazu kommt: Ich habe mich geändert, ich bin keine Rebellin mehr. Früher hätte ich mich hingestellt und gefragt: Wie können wir die Probleme gemeinsam lösen? Aber heute denke ich einfach nur: Ihr könnt mich alle mal. Ich muss ganz schnell weg hier“.

    Akyün steht mit ihrer Gebrochenheit, Hilflosigkeit und Enttäuschung über die fehlgeschlagene Kommunikation und damit Integration nicht allein da. Dies lässt sich an den zahlreichen Antworten auf Sarrazin ablesen. In der von Hilal Sezgin herausgebenen Textsammlung Manifest der Vielen etwa, ist nichts mehr vom einstigen Enthusiasmus des „Multikulti“ zu spüren, nichts mehr davon, eine Gemeinschaft werden zu wollen. Dass „in Deutschland ein Kulturkampf tobt“, so Zaimoğlu im „Manifest der Vielen“, wird jedoch übersehen. Alles wird in eine Plastikdose gepackt, die das Problem frischhalten soll, aber erst später vielleicht wieder geöffnet wird.

    Die überholte Opferrolle 

    Deshalb verwundert es gerade nicht, warum Filme wie „Almanya“ entstehen. Es scheint notwendig, die Geschichten immer und immer wieder zu erzählen – sie fast zu konservieren. Die Filme zum Thema sollen als „Dokumente sozialer Wirklichkeit“ dastehen, wie Literatur- und Medienwissenschaftler Oliver Jahraus auf der Tagung „Was eint uns? Integration – Identität – Migration: Deutsche Sprache und Literatur im interkulturellen Europa“ sagte. Auch der Film sei eine kulturelle Erfahrung, Kultur vermittle sich nur durch Kultur, also autoperformativ, so Jahraus.

    „Almanya“ fügt sich beispielsweise nicht einfach in die Reihe jener Filme ein, die die Einwanderer in ihrer Opferrolle zeigt. Vielmehr werden hier Konstanten aufgespürt: Sich über seine eigene Geschichte zu vergewissern, damit seine Herkunft zu ordnen und sich über die eigene Form der Assimilation, die auch mit einer Auflösung der Familie einhergeht, klar zu werden. „Weil soziale Prozesse bürgerlicher Emanzipation auch nach 200 Jahren noch ein Thema für die Bühne und damit auch den Film sind – im Falle Migration das Medium schlechthin – können wir daraus in seiner symbolischen Verdichtung etwas darüber lernen, wie Kulturkontakte funktionieren.“

    Deswegen muss es so viele ähnliche Geschichten geben, die dennoch immer wieder in jeder Generation neu erzählt und geradezu als Mythos gesehen werden können, auf dem sich Identitäten gründen. So holt sich die Geschichte gewissermaßen selbst ein: Migration und Integration bleiben kritische Themen.

    Es geht nicht darum, Migrationsfilme und -literatur als isolierte Dokumente einer kulturellen Gruppe zu betrachten, über deren Auseinandersetzung mit der Kultur Deutschlands man gut lachen kann. Vielmehr sollten wir fragen: Was ist hier eigentlich „Multikulti“? Und dann diesen besonderen Inhalt in den Mittelpunkt unserer Diskussion stellen. Dabei gilt es dem Grund der Bilder und Worte nachzugehen. Erst die Gegenwart verwandelt die Vergangenheit in Geschichte. Man muss nur richtig zuhören.

    Anm.d.Red.: Beide Bilder stammen von Daniel Pflumm.


4 Kommentare zu Aufwachsen im Zwischenraum: Was haben uns die „Repräsentanten keiner Kultur“ zu erzählen?

  • [...] Aufwachsen im Zwischenraum. Was haben uns “Repräsentanten keiner Kultur” zu erzählen? (Berliner Gazette) [...]
  • Was ist denn das drüber für ein Kommentar?!

    Danke für den Artikel!
    Die Autorin spürt eine Qualitätsverschiebung in den künstlerischen Äußerungen der "Migranten" in Deutschland. Diese Veränderungen sind aber sehr schwer zu fassen, was im Artikel auch zwischen den Zeilen zum Ausdruck kommt. Eine mögliche Annäherung gibt der Begriff "zweite Generation" her. Damit gemeint sind diejenigen, die nicht freiwillig und bewusst emigriert sind, sondern Kinder der migrierenden Eltern waren und in Deutschland quasi groß geworden sind. Das sind diejenigen, die eben im "Zwischenraum" leben - zwischen der Herkunftsgesellschaft und der "aufnehmenden", also Deutschland in diesem unserem Falle. Dazwischen, und zugleich mitten in beiden Gesellschaften.
    Ich kenne nicht alle genannten Autoren/ Filmemacher, vermute aber, dass sie allesamt dieser zweiten Generation angehören. Sie melden sich zwangsläufig ganz anders zu Wort als ihre Eltern (die das vielfach gar nicht tun, und sei es nur wegen mangelnder sprachlicher Ausdrucksfähigkeit im Deutschen). Sie haben den Drang sich zu äußern, weil sie vieles besser verstehen als a) ihre Eltern und b) die (echten) Deutschen.
    Dies als Anregung zum Weiterdenken und -schreiben. Ich bin gespannt auf mehr!

    P.S. Im Film "Almanya" gibt es eine Szene, in der ein eher witziger Aspekt dieser zweiten Generation zum Ausdruck kommt. Als der Sohn in einem Café etwas bestellt, erkennt man, dass sein Türkisch total fehlerhaft ist! Klar, nach 20 oder mehr Jahren in Deutschland spricht nicht mehr jeder automatisch einwandfreies Türkisch...
  • @#2: "Was ist denn das drüber für ein Kommentar?!"

    Der Kommentar #1 kommt von einer externen Website, auf der dieser Beitrag bei uns referiert worden ist; er ist automatisch durch die Verlinkung entstanden, in der Fachsprache nennt sich das "Trackback".

    Durch das Anklicken der Autorzeile kommt man zu der Quelle:
    http://schweska.de/2012/03/07/rundschau-3/
  • Birgit Schuhbeck am 08.03.2012 21:43
    Vielen Dank für den tollen Kommentar!
    Die Autoren und Filmemacher, die im Artikel vorkommen, entstammen tatsächlich der "zweiten Generation". Während die "erste Generation", darunter federführend wohl Emine Sevgi Özdamar, sich noch mit dem cultureclash, der Verwunderung über die deutsche Kultur und Sprache, auseinandersetzte, zeichnet sich in der "zweiten Generation" nun ein Wandel ab. Diese Künstler sprechen zwar meist noch "richtiges" türkisch, verstehen sich aber immer mehr auch als rein deutsche Autoren. Das trifft vor allem auf Feridum Zaimoglu zu, der in seinem neuesten Roman "Ruß" mit der Situierung im Ruhrgebiet ein typisch deutsches Themengebiet aufgreift. Mittlerweile gibt es natürlich auch eine "dritte Generation", von der man vermuten könnte, dass sie sich noch weiter vom Türkischen entfernt, wie der kleine Junge in "Almanya" zeigt. Mit der Sarrazin-Debatte wurde diese Entwicklung meiner Ansicht nach aber etwas gestoppt - man bestärkt auf türkischer Seite einerseits die gelungene Integration, ist aber andererseits auch gerade deshalb so verärgert über die Thesen in "Deutschland schafft sich ab". Deswegen scheint ein Film wie "Almanya" durchaus immer noch notwendig. - Es bleibt also spannend, wie sich die türkisch-deutsche Literatur weiter entwickelt. Gerade auch die türkisch-deutsche Filmszene, die in letzter Zeit immer mehr Produktionen zu verzeichnen hat und damit die Entwicklung in der Literatur langsam einholt, verspricht interessante Beobachtungen. Ich bleibe dran - vielen Dank für das Interesse - ich freue mich über weitere Anregungen!

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