• Kunst aus Tokio, oder: Orgasmen beim Müllsammeln

    Der Künstler Meiro Koizumi zeigt in seiner Arbeit „Art of Awakening“ Nahaufnahmen von Männergesichtern. Ihr Ausdruck legt nahe, dass sie gerade sexuell befriedigt werden. Doch wie kommen sie zum Höhepunkt? Der wahre Grund ist eine Überraschung und zeigt einen Aspekt unserer Libido, der von keinem Film, keiner Werbung und keinem Porno bisher enthüllt wurde.

    In Tokio gibt es, so kommt es mir vor, nur wenig Kunst, die visuell aufregend ist. Wenn mir das klar wird, versuche ich verzweifelt, mich wenigstens irgendwie mit einem Kunstwerk auseinanderzusetzen, etwas „daraus zu ziehen“, nur damit es sich gelohnt hat, überhaupt in die Galerie oder ins Museum zu gehen.

    Ich suche nach Gehirnsüßigkeiten, intellektuellen Stimulanzien, aber meistens finde ich doch nur Arbeiten, die wie Tratsch sind. Oder die sich sensibel geben, während sie mir total unsensibel irgendeine Vorstellung von „Unschuld“ ins Gesicht drücken. Und dann, nach mehreren inneren Kompromissen, überzeuge ich mich selbst vielleicht doch noch davon, mir gerade ein bisschen Kunst angesehen zu haben.

    Stochern im Müll

    2005, als ich Meiro Koizumis Videoarbeit zum ersten Mal im Rahmen des „_M Project 2005 vol. 8“ gesehen habe, hatte ich eine komplett andere Erfahrung. Koizumis „Art of Awakening“ präsentierte Nahaufnhmen von Gesichtern von Männern, die anscheinend gerade sexuelle Befriedigung erlebten.

    Aber hey, whoa!, dann wurde klar, dass sie nur im Müll rumstochern. Hot damn. Auf der Suche nach einem „Gefühl“ war ich über einen Aspekt meiner Libido gestolpert, der von keinem Film, keiner Werbung und keinem Porno enthüllt werden konnte, weil Koizumis Arbeit vom Betrachter nicht nur visuelle Wahrnehmung, sondern eigene Gedanken verlangte, um das Bild zu komplettieren. Was für ein Erlebnis!

    Deswegen habe ich mir im Mori Art Museum das „MAM PROJECT: 009 Meiro Koizumi“ angesehen. Im Gegensatz zu seinen früheren Videoarbeiten ist „My Voice Would Reach You“ (2009) eine Installation.

    Man betritt einen Raum, in dem rechts ein kleiner Schreibtisch steht, auf dem eine alte Farbfotographie einer Mutter mit ihrem Sohn liegt, daneben ein handgeschriebener Brief. Der Brief war an die tote Mutter adressiert und befasste sich mit den Erinnerungen des Autors an sie.

    Reden ohne Kommunikation

    Währenddessen wurde ein Video gezeigt, in dem ein Mann auf einer belebten Straße steht, vermutlich in Shinjuku, und mit dem Handy mit seiner Mutter telefoniert.

    Zwei Versionen dieser Aufnahmen werden gezeigt. In der ersten Version hören wir nur den Mann, der seine Mutter zu einem Wochenendtrip zu einer heißen Quelle einlädt. Wir merken, dass sich die Mutter über die Kosten einer solchen Reise sorgt, und der Mann sagt ihr schüchtern, dass sie sich darum nicht sorgen soll, dass er das bezahlen wird.

    In der zweiten Version hören wir das andere Ende der Leitung. Anscheinend spricht der Mann überhaupt nicht mit seiner Mutter, sondern mit einem Vermittler, der nach festgelegten Regeln antwortet. Egal, was der Mann sagt, der Vermittler verhält sich professionell, was zum Zusammenbruch der Kommunikation führt.

    Extremgewohnheit

    Der Ausstellungskatalog erklärte, dass diese Arbeit „extrem private und echte Gefühle in die psychologischen Mechanismen rammt, mit der ein öffentliches Gesicht kreiert wird, das tatsächliche Intimität vermeidet.“ Mich hat es an „Tokyo Sonata“ von Kiyoshi Kurosawa erinnert, den ich in New York gesehen habe.

    Der Film beschreibt die Lebensumstände im Japan der 2000er Jahre und dreht sich um eine Familie. Besonders beeindruckend war die Geschichte, wie ein sehr normaler Student, der manchmal die ganze Nacht wegbleibt, sich auf einmal dafür entscheidet, zur U.S. Army zu gehen, um „Gutes für die Welt“ zu tun und um „seine Familie zu beschützen.“

    Diese extreme Vorstellung, dass man in den Krieg ziehen muss, um die eigene Familie zu schützen, charakterisiert für mich das vorherrschende Gefühl der japanischen Jugend.

    Es dauert hier nicht lange, bis man solch extreme Gedanken hat. In den japanischen Cell-phone novels führt die Liebe zweier Menschen sofort zu Schlägereien, Vergewaltigungen, Abtreibungen. Das alles in einem atemberaubendem Tempo, um die Leser zum Weinen und Verstehen zu bringen.

    Und gleichzeitig informieren dünne Broschüren darüber, wie man sein Leben führen soll. Und oft habe ich das Gefühl, dass die jungen Menschen, die ich treffe, unbedingt eine „Persönlichkeit“ sein wollen und doch nur wie die Komiker im Fernsehen klingen.

    Koizumis Arbeit macht sich über diesen Kontrollwahn der Medien lustig. Und durch die realen Gefühle für eine tatsächlich tote Mutter, werden wir, die Zuschauer, die leicht emotional manipuliert werden, damit konfrontiert. „My Voice Would Reach You“ (2009) ist wirklich ein Kunstwerk voller Gedanken, die das Auge des Betrachters dazu erziehen, die großen sozialen Umwürfe unserer Zeit wahrzunehmen.


4 Kommentare zu Kunst aus Tokio, oder: Orgasmen beim Müllsammeln

  • Willy Kevlar am 17.09.2010 12:12
    Tokyo Sonata, das war ein krasser mindfuck. Muss ich einfach so sagen.
  • Frau Marx am 17.09.2010 15:23
    Ich freu mich über die Berichte, die hier in der Berliner Gazette aus anderen Ländern erscheinen. Ein wahrlicher Blick über den Tellerrand!!
  • Joerg Offer am 17.09.2010 16:23
    Finde ich irgendwie sexy...
  • mari schenk am 17.09.2010 20:10
    ...danke!
    gehirnsüssigkeit...wunderbar...

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