• Mein Leben als Pre-Paid-Vertrag

    Nun ja, also …ich aenderte mein Leben …ihr wisst ja, wie das geht …aenderte mein Leben und trieb Wahrsagerei. Ich las die Zukunft aus den Aschenbechern, und was ich da las, meine Freunde, was ich da las…das…aeh…das geht wirklich keinen etwas an. Fuerchterlicher Hustenspasmus, dann: Kein Grund zur Beunruhigung, meine Freunde.

    Ich habe alles unter Kontrolle. Ich komme zurueck…aeh…zur Sachlage. Ich organisierte mehrere sehr schoene Tupper-Parties mit Che Guevara, und ueberdies erfand ich einige Dinge, die die Welt zuvor noch nicht gekannt hatte: den Elefantendecoder, den Mond, das Halluzinalligatronische Campingmobil, das Gehirn, die Erdbeergrippe, die Rentenzusatzversicherung.

    .

    Ja, ich habe auch Fehler gemacht. In Paris war ich gezwungen, als Putzhilfe zu arbeiten, im Institut fuer Diffuse Anthropopo- logie bei dem Philosophen Michel Foucault…dieses Schwein! Dann wurde ich Beauftragter fuer das Kakteenwesen bei einem Bankinstitut in Luxemburg und Vize-Frankierer bei einer Brief- kastenfirma auf den Bahamas. Aber, meine Freunde, glaubt mir, ich bin sauber geblieben. Nur das erste Wort, das erste Wort zeigte sich nicht…ich weiss gar nicht, ob es sich schaemt? Jedenfalls beschloss ich, ein Studium aufzunehmen. In Baden- Baden mietete ich mir Eltern, wegen der monatlichen Ueber- weisungen, wobei ich als Gegenleistung lediglich einen zweiten Vornamen annahm und mich fortan Julien Kevin Torma nannte.

    Nicht wahr, meine Freunde, das Leben ist eine Modeerschei- nung, die auf dem Laufsteg stolpert. Nun denn…was ich sagen wollte…ach ja, von den Dingen, die mich je gelangweilt haben, langweilte mich das Studium am meisten…oder anders ausge- drueckt: am hervorragendsten…oder anders ausgedrueckt: am meisten. Was man dort aus mir machen wollte, war so etwas wie ein neurophysiologisches Sojaprodukt. Also so etwas Ge- meingefaehrliches – etwas, wofuer in anderen Hirnregionen tropische Regenwaelder abgeholzt werden. Und das erste Wort habe ich auch dort nicht gefunden. Dafuer bekam ich Heuschnupfen und wurde ihn nicht mehr los. Und seitdem… also, seit ca. 77 Jahren, sitze ich hier und halte mich abseits.

    Denn mir ist klar geworden, meine Freunde, ich muss sauber bleiben, sauber, sauber…nur einem unbefleckten Geiste wird das erste Wort sich naehern. Der Parnass auch, meine Freunde, das war ein sauberer Berg. Bei Tagesanbruch, wenn Eos, die Goettin der Morgenroete, ihre erste Kopfschmerztablette schluckte…bei Tagesanbruch schwirrten mit froehlichem Gekicher die Hygieniden aus, jene kleinen schlecht bezahlten aber hochmotivierten Putznymphen, um die Ausscheidungen der Musen zu beseitigen und die Plastikverpackungen der Tragoediendichter aufzuklauben.

    Und so verhalte auch ich mich ganz ruhig, denn ich moechte die Welt, meine Freunde, die moechte ich vergessen. Ich moechte wie ein Anfang sein. So wie jemand, der nichts kennt. Jemand, der die Programmzeitschriften nicht gelesen hat und aus den Satellitenschuesseln Erbsensuppe loeffelt. Und die Drehbuchsequenzen der Spielfilme und der Bewerbungsgespraeche und der abendlichen Verabredungen, die moechte ich nicht gesehen haben. Und ich moechte nicht gesagt haben: Machs gut, wir telephonieren. Oder: Was machst du jetzt so? Oder: Linienflug mit Bustransfer und Halbpension. Das moechte ich nicht gesagt haben! Ich darf mich nicht verstricken, in diese weltweiten Umtriebe, in diese infame Verschwoerung einiger imperialistischer Baeckereifachverkaeuferinnen.

    Stattdessen werde ich das Nichts wie einen Koeder vor mir auslegen, um das erste Wort irgendwie anzulocken. Das ist die einzige Moeglichkeit, es zu erkennen unter den anderen Worten, die niemand braucht. Und es wird kommen! Da besteht kein Zweifel, dass es kommen wird, in einer Vollmondnacht vielleicht, vielleicht, wenn es regnet, vielleicht um 3.33 Uhr, denn es ist auch hungrig, und dann wird es kommen, und dann werde ich es haben, und dann, dann werde ich es erschaffen, das Gedicht, mein Gedicht. Und in der Sekunde, da ich das erste Wort aufschreibe, wird der Planet seine Bahn benutzen, ohne im Besitz einer gueltigen Fahrkarte zu sein, und die Allergien werden abgeschafft, und die Vitalbrote pulverisiert werden…Er wird von einem apokalyptischen Hustenanfall heimgesucht. Dieser endet, als eines der Mobiltelephone klingelt. Torma nimmt den Anruf entgegen: Ja, hallo?


Noch keine Kommentare zu Mein Leben als Pre-Paid-Vertrag

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinterlassen