• Mein 2010: Digitale Öffentlichkeit und Kino

    Facebook, Google (Street View), Wikileaks und Apple sorgten 2010 für viel Wirbel. Es werden Bücher geschrieben, die nachzeichnen, was sich im Zuge dessen gesellschaftlich verändert. Und immer mehr Menschen wissen inzwischen, dass die so genannten neuen Medien mehr als ein Schreckensgespenst sind. Und: Sie sind here to stay. Aus dem Gespenst werden Konturen einer Lebensform, die viele Chancen in sich birgt. Wir müssen sie erkunden. Das bedeutet übrigens auch: Altbekanntes neu sehen lernen. Ich selbst versuche mir seit einigen Jahren einen neuen Umgang mit dem Kino anzueignen. Ja, Kino: Homecinema (TV, DVD, Laptop), Public Viewing/Open Air und Lichtspielhaus.

    Ich arbeite ohne System. Jedoch nicht ohne Systematik. Die Filme, die ich schaue, werden notiert und durchnummeriert. Dieses Jahr komme ich auf circa 125 Einträge (es ist ja noch nicht zu Ende). Das sind 50 weniger als im Vorjahr. Ein Grund zum Feiern. Ich wollte unbedingt weniger als jeden zweiten Tag einen Film sehen… Weniger und dafür selektiver. Wie in den so genannten Informationsfluten des Netzes geht es auch hier um Filter. Natürlich auch, weil Medienereignisse nicht selten zu (ganz persönlichen) Kinoveranstaltungen werden (wie das Flashback-Theater um den Bürgerkrieg in Bangkok).

    Doch was ist mit Fußball? Ich selbst schrieb hier und da Essays über diesen Sport als Echtzeit-Blockbuster (etwa in Futbolistas), was ihn in Zeiten des Echtzeit-Internet freilich umso mehr zu einem Netz-Ereignis macht. Was erstaunlich ist: Wie Filme erfordern Fußball-Spiele eine für Internet-Verhältnisse extreme lange Konzentrationsphase von 90 Minuten – erträglicher gemacht durch die zunehmende Multimedialität und Vernetztheit dieser abendfüllenden Unterhaltung.

    Erregung und Struktur

    Das Auftreten der Nationalmannschaft Nordkoreas gegen Brasilien bei der Fußball-WM (ein strukturalistischer Film) oder die Last-Minute-Verursachung und -Ausführung des Elfmeters im WM-Spiel Ghana gegen Uruguay (ein agitatorischer Thriller). Schließlich zum Jahresende ein Ereignis, das ich schon seit Jahren nicht auslasse, egal ob ich in Deutschland oder im Ausland bin, der Classico: Barcelona gegen Real Madrid (ein Porno, wenn man im Anlehnung an den Guardian von Orgasmus-Fußball spricht).

    So komme ich über Fußball-Porno zu Erotik im Kino. Immer dann besonders interessant, wenn sie sich nicht im Zustand der permanenten Erregung erschöpft (wie manch ein Fußballspiel), ohne dabei das Porno-Paradigma (permanente Erregung) unreflektiert zu lassen: „Choses secrètes“ (Jean-Claude Brisseau, 2002) etwa, den mir erst der Blick auf ältere Produktionen zugänglich gemacht hat – zusammen mit magischen Momenten im Arsenal bei Filmen aus anderen Genres wie „L’ami de mon amie“ (Eric Rhomer, 1986) und „Sans Soleil“ (Chris Marker, 1983) oder im Homecinema bei „Sud pralad“ (Apichatpong Weerasethakul, 2004).

    Was für mich sonst noch so wichtig war in diesem Jahr kommt durchaus in den circa 50 Texten zum Ausdruck, die ich in den letzten 50 Wochen in der Berliner Gazette veröffentlicht habe. Darunter finden sich zwei Foto-Essays von mir: Maschinen schlafen nie und Die magische Grenze sind 24 Stunden. Erlebnisse auf diese Weise im Netz zu ordnen und darzustellen, lädt die Fotos zu Stills (Standbildern) innerer Filme auf, die sich nicht zuletzt auf tatsächlich vorhandene Kino-Produktionen beziehen – in diesem Fall Insomnia – und meine philosophische Auseinandersetzung mit Schlaf als Ausnahmezustand des Gemeinsam-Seins im Anschluss an Jean-Luc Nancys Essay „Tombe de sommeil“.

    Bei vergleichsweise so vielen Worten über das Kino (natürlich ist vieles unter den Tisch gefallen, wie etwa die Film-Abende des Horrorblogs) dürfte es nicht überraschen, dass meine „Top of the Pops 2010“ mit aktuellen Produktionen aus diesem Jahr anfangen, gefolgt von aktuellen Musik-Alben, Vorträgen/Podiumsdiskussionen, Performances, Ausstellungen, Büchern und Online-Produkten. Die Ziffern vor den Kinofilmen markieren die Reihenfolge, in der der jeweilige Film von mir in die Liste aufgenommen wurde. Besonders aufschlussreich in diesem Zusammenhang: Filme, die ich in der ersten Jahreshälfte sah müssen von besonderer Qualität sein, wenn sie am Jahresende oben stehen. Oder?

    Kino

    035. Shutter Island / Martin Scorsese
    111. Orly / Angela Schanelec
    115. Somewhere / Sophia Coppola
    024. The Road / John Hillcoat
    046. Shekarchi / Rafi Pitts

    Musik

    1. A Sufi and a Killer / Gonjasufi
    2. The ArchAndroid / Janelle Monáe
    3. My Beautiful Dark Twisted Fantasy / Kanye West
    4. Maya / M.I.A.
    5. Heligoland / Massive Attack

    Vortrag/Diskussion

    1. Tropicalypse Now! / andcompany&Co. / ICI Berlin
    2. Interkultur/ Mark Terkessidis/ Haus der Kulturen der Welt Berlin
    3. Irrfahrten / Michel Serres / Haus der Kulturen der Welt Berlin
    4. Mit-Sinn / Jean-Luc Nancy / Museum Migros Zürich
    5. Wer hat Angst vorm schwulen Fußball-Helden? / Schaubühne

    Theater

    1. Am Schauplatz der Intimität / Mobile Akademie / HAU
    2. West in Peace / andcompany&co. / HAU
    3. Best before / Rimini Protokoll / HAU
    4. Fräulein Julie / Mitchell/Warner / Schaubühne
    5. ID – Projekt 13 / Plasma / Theaterhaus Gessnerallee Zürich

    Kunst

    1. Luis Camnitzer / Daros Exhibitions Zürich
    2. The Knot / Kunstraum Kreuzberg/Bethanien Berlin
    3. Unwetter / Akademie der Künste Berlin
    4. Bernadette Corporation / Galerie Neu Berlin
    5. Erfolgreich geführtes Real Life / General Public Berlin

    Bücher

    1. Berlin Palace / Jörg-Uwe Albig / Tropen Verlag
    2. Zum Gehör/ Jean-Luc Nancy / Diaphanes Verlag
    3. Blue / Michelle Mercer / Rogner & Bernhard
    4. Verirren / Kathrin Passig et al / Rowohlt
    5. Solar / Ian McEwan / Cape

    Online

    1. berlinergazette.de
    2. Facebook
    3. mein RSS-Reader
    4. YouTube
    5. GoogleMaps


10 Kommentare zu Mein 2010: Digitale Öffentlichkeit und Kino

  • Silvia am 13.12.2010 09:46
    Danke! Schön. Nur ist der Text nicht zu früh entstanden? Wie Sie sagen: das Jahr ist noch nicht zu Ende. Einige Filme kommen noch oder sind gerade erst angelaufen...
  • Krystian Woznicki am 13.12.2010 10:27
    Vielleicht... Den neuen Woody Allen-Film, der gerade angelaufen ist, hätte ich jedenfalls auch gerne aufgenommen, den man unbedingt im Original sehen muss:

    "You Will Meet a Tall Dark Stranger"
  • Ich verabscheue Jahresrückblicke! Kann man nicht lieber Jahresausblicke machen? Was einem im nächsten Jahr besonders gefallen könnte oder auch extrem missfallen? Ich habe meinen inneren Rückspiegel schon lange abmontiert. Ansonsten: Shutter Island - ja-
    The Road - vielleicht-
    Somewhere -nein-

    Den Rest kann ich nicht wirklich beurteilen, ausser MIA und Massive Attack...gehe ich in etwa d'accord...zumindest bemerkenswert...Jörg Uwe Albigs Buch musste mir wie gewohnt mal ausleihen, ich schätze ja seine Sprachdrechselei...
  • Krystian Woznicki am 16.12.2010 23:03
    The Road hat Dich nicht überzeugt? Wie kommt's? Der war doch absolut ultimativ!

    Vielleicht ist ja was für Dich noch etwas auf den verbliebenen Plätzen in meiner TOP 11 der besten Filme 2010 dabei?

    096. The American - Anton Corbijn
    110. Machete - Robert Rodriguez
    090. The Messenger - Oren Moverman
    102. Bis aufs Blut - Oliver Kienle
    105. The Social Network - David Fincher

    107. Survival of the Dead - George A. Romero

    ---


    Jahresausblicke fände ich eine schöne Ergänzung, muss aber den Rückblick nicht ersetzen. Vielleicht magst Du ja gleich damit anfangen, mich würde es ja sehr interessieren, was/wie Du 2011 siehst.
  • The American ist ok, aber nur weil er in Italien spielt, ich nunmal Corbijn von früher noch mag und Clooney mein Lieblingsgay ist. Machete war leider sehr enttäuschend, obwohl ich einer der heissesten Verehrer seines Trailers damals bei Grindhouse war...die anderen habe ich noch nicht gesehen. The Road war ok, aber nicht Hammer, muss sich ja leider in dem Fall doch mit dem Buch messen lassen. Bei der Vorlage hätte da einfach noch mehr gehen müssen. Jahresausblick? Ich glaube, die Leser sollten erst einmal mein nächstes Manifest der eitlen Selbstbespiegelung verarbeiten, dann kann man drüber reden.
  • Krystian Woznicki am 17.12.2010 09:17
    ich mochte bei American, die Abwesenheit von Action im üblichen Sinne und die Abwesenheit von Psychologisierung und Dramatisierung im üblichen Sinne, wir erfahren so wenig im üblichen Sinne über den Helden, er ist dennoch voll da, bis zum Schluss wird sein Beruf noch nicht einmal benannt, obgleich wir ihm die ganze Zeit bei der Arbeit zuschauen.

    The Road, ich muss gestehen, habe ich nicht gelesen, der Film hat für mich daher keine Defizite. Ohnehin schaue ich gerne auf das, was da ist und nicht, auf das, was fehlt.

    Abgesehen davon, finde ich es problematisch Filme an Büchern (und umgekehrt) zu messen. Was sind denn die Kriterien? Es sind ja unterschiedliche Medien, eingebettet in unterschiedlichen, ästhetischen und narratologischen Diskurskontexten. Eine Verfilmung ist in erster Linie eine Übersetzung, es wird eine neue Sprache gefunden, die zu ihren Bedingungen funktionieren muss. Und bei The Road funktioniert, wie ich finde.
  • Ich kannte das Buch, habe es aber nicht ausführlich gelesen. Man kennt den Autor. Buch und Film zu vergleichen ist immer schwer. Aber genau das hat mich nicht überzeugt, die filmische Umsetzung. Handwerklich und in seiner Inspiration nichts besonderes. Bei der Vorlage ein absoluter Selbstläufer, hätte selbst Oliver Hirschbiegel geschafft (hihi)...ausser an der Kinokasse natürlich, kein Popcornthema. Aber vielleicht bin ich da etwas zu kritisch und an Endzeitfilme und Stimmungen sehr gewöhnt und kann vergleichen. Ein Glanzstück war es nicht. Bemerkenswert wäre es im Falle eines Autorenfilms gewesen. Verstehst du was ich meine? Letztlich wird in einem Jahr niemand mehr darüber reden.
  • Krystian Woznicki am 17.12.2010 14:14
    ich verstehe durchaus, was Du meinst :) nur in zweierlei Hinsicht, kann ich Deine Einschätzung nicht teilen:

    1) Hillcoat ist durchaus ein Auteur, nach Proposition lag das für mich zumindest bereits auf der Hand

    2) Endzeitfilme habe ich eine Schwäche, d.h. auch ich kann hier durchaus vergleichen und ich habe noch nie einen gesehen, den ich so hart fand und der zugleich so drastische Aussichten auf die Zukunft gemalt hat

    Den Schriftsller kannte ich natürlich auch und auch das Buch lag Magdalena es gelesen und empfohlen hatte, lange neben mir und dann dem abgedruckten Gespräch mit Nancy, der es auch erwähnte, wollte ich es auch unbedingt lesen, ...
  • ;-)
  • die besten Endzeitfilme entstehen in Australien!

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