• Maschinenlesen

    Vor laengerer Zeit fragte ein Kuenstler an, ob ich nicht zu der amerikanischen Mailing List IDC beitragen wolle. Nach einiger Zeit wurde in der online-Diskussion schliesslich das Ende des Buchs herbeigeschrieben. Es sei doch obsolet – wer brauche schon noch die Waelzer. Dieser digitale Schmontz aergerte mich so sehr, dass ich mich aus der Liste wieder austrug. Die (vornehmlich) Herren (Doktoranten nehme ich an) hatten sicherlich keine Kleinstkinder, die ihren Kinderbuchreader froehlich zu Boden werfen, oder litten an der mangelnden Erotik, die ihnen das Lesen in Bibliotheken verschaffte.

    abstrakt

    Die Vorstellung, ein weiteres elektrisches Geraet an mir herumtragen zu muessen, weil irgendwelche digitalen Buchhaendler beschliessen, dass ein Textwerk besser im Metallglanzkasten zu lesen ist, stoesst mich ab. Gummierte iReader fuer die Kleinsten haetten vielleicht den Vorteil, Traxlers Es war einmal ein Mann nochmal zur Gaenze lesen zu koennen. Ein umgefallenes Milchglas beim abendlichen Vorlesen im Haus von Oma verklebte einige Seiten so, dass die Bilder des an der Hand eines leeren Hemdes zum Mond fahrenden Mannes unleserlich wurden. Aber das haette dem digitalen Lesegeraet den Garaus gemacht.

    Mein letztes freudbringendes Leseerlebnis war allerdings mittels einer Maschine, grad gestern. Zum wiederholten Male sah ich Une Femme et Une Femme auf meinem tragbaren Rechner, ein Film, in dem Anna Karina und Jean-Claude Brialy ihre Auseinandersetzung mit Buchtiteln fuehren. Anstatt zu sprechen, gehen sie schweigsam an die Regale, stapeln Buecher im Arm und halten sich schliesslich die jeweiligen Beschimpfungen hin. In meiner Untitelfassung lese ich doppelt: das mir unverstaendliche Franzoesisch im Film und die englischen Uebersetzungen und denke dabei an mein Lieblingsbuch, Ausloeschung.


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