• Manifest für die Ohropax-Generation

    Das Ohr ist wie bei einer Infrarot-Behandlung in gelb-rotes Licht getaucht. Der Gehörgang ist verschlossen. Die Eindämmung lässt eine konvexe Wölbung erkennbar werden. Es könnte eine jener Wachskugeln sein, welche ein Unternehmen aus Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Luxus für die Ohren“ auf den Markt brachte. Doch so paradox es klingen mag: Im Gehörgang steckt ein Globus.

    Der in das Ohr eingelassene Globus, der beim genaueren Hinsehen wie eine Mauer aus Backstein aussieht – das ist der motivische Mittelpunkt eines Posters, welches 1995 im Rahmen der Kampagne Aids Concern in Hongkong verbreitet wurde. Der Slogan dieses Posters lautet „Warum willst Du die Wahrheit nicht hören?“. Er deutet an, was mal in einer Folge der deutschen TV-Serie „Traumschiff“ von Kapitän Paulsen wie folgt auf den Punkt gebracht wurde: „Man muss lernen, mit dem Herzen zu hören. Überall auf der Welt senden Menschen Notsignale aus.“

    Kurz: Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Eindämmung im Ohr ausgerechnet als Globus daherkommt. Das Ohr ist hier ein Symbol für Aufnahmefähigkeit, Toleranz und Feingefühl. Es ist ein Rezeptor im Dienste der Wahrheit, intuitiv in der Lage, den großen Zusammenhang zu erfassen. Wer nicht hören will (sprich: eine Mauer im Ohr hat), schottet sich nicht nur gegen seine unmittelbare Umgebung, sondern gegen die Welt an sich ab.

    Heute, da Techniken der Isolation Konjunktur haben, trifft das Postermotiv einen ganz besonderen Nerv. Speziell die auditive Isolation steht hoch im Kurs. Ohropax wirken wie das Chiffre einer Generation, die endlich Ruhe haben will. So bedarf es eines Manifests: Damit ich wieder ganz Ohr bin.

    Hören, was andere sehen

    Bereits die neuro-biologische Konstitution des Ohrs weist weit über das blosse Wahrnehmen von Geräuschen hinaus. Das Ohr als Organ, stattet den Menschen mit einem Gleichgewichtssinn aus. Zudem ermöglicht es synästhetische Erlebnisse. Akkustische Eindrücke wie Töne und Wörter können optische Erscheinungen („Synopsien“ oder Photismen) erregen. Das Wahrnehmen von Farben beim Hören von Tönen, Harmonien und Musik im Allgemeinen wird in der Neurophysiologie als audition colorée bezeichnet.

    Als man in der zweiten Hälfte des späten 19. Jahrhunderts die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens forcierte, suchten Künstler wie Arthur Rimbaud durch den Klang von Vokalen Farben zu evozieren. Im 20. Jahrhundert markieren Komponisten aus dem Umfeld der elektronischen Musik eine weitere Entwicklung. Mit ihrem cinéma pour l´oreille („Kino für die Ohren“) sensibilisieren sie für Klänge, die so plastisch, suggestiv und mehrdimensional sind, dass man glaubt, mit ihnen komplexe Bildräume zu betreten, welche entlang abstrakter Narrationen angeordnet sind. Ihre Kompositionen machen Klänge greifbar.

    In zeitlicher Nachbarschaft dazu entwickelt der Technokomponist Ken Ishii Cover-Artworks, Videos und Visuals, die immer auch den Wunsch oder vielmehr: das oft unausgesprochene Projekt vieler Komponisten zum Ausdruck kommen lassen, die eigene Musik zu visualisieren. Ein Bedürfnis, das unter anderem der veränderten Produktionssituation durch die Verbreitung von Software Rechnung trägt: Klänge lassen sich mit Hilfe von Ikons oder Farbflächen aktivieren und ordnen.

    Sehen, was andere hören

    Als wollte Ishii seine Partitur offen legen, zeigt das Cover des ambientösen Green Times (1995) eine hochvergrößerte Aufnahme von grüner, lose gestrickter Naturwolle. Metal Blue America (1997) hingegen, ist auf einem monochromen, rotlackierten Hintergrund in einer eigens von Ishii abgewandelten Blindenschrift ausbuchstabiert. Das Artwork von Grip (1996) eröffnet seine Bedeutungsebenen und -falltüren ebenfalls ausgehend von der zentralen Fragestellung eines adäquaten Notationssystems.

    Eine prankenartige Hand – es ist anzunehmen, die Hand des Komponisten – greift nach einer schwebenden Masse. Was aus einem flüssigem, mattglänzendem Metal besteht und an den Formen-Chamäleonismus des T-1000 aus Terminator 2: Judgment Day (1991) erinnert, nimmt durch ein mathematisch errechnetes Gitter feste Ausmaße an. Bei genauerem Hinschauen, lässt sich der Album-Titel entziffern: Grip. Hier macht sich das Bezeichnete an der Bezeichnung zu schaffen. Eine semiotische Spielerei?

    Ich lese es als Ishiis Vermächtnis für ein Zeitalter, indem der Konnex „Ich und Welt“ sich aufs Neue konfiguriert. Ein Zeitalter, in dem die Synästhesie (die altgriechische Wendung für „zugleich wahrnehmen“) durch Multimedia (die Wendung des Informationszeitalters für die Konvergenz audio-visueller Medien) auf neuen Boden gestellt wird.

    Synästhetisches In-der-Welt-Sein

    Mit einer Anzeige der Telefongesellschaft NTT lassen sich Ishiis Impulse fortspinnen. Sie präsentiert den bekannten Kabuki-Schauspieler Yoshio Kataoka in einem traditionell hergerichteten Zimmer. Der in Versform angeordnete Werbetext ist mit „Ach ja! Der Mensch ist Multimedia“ übertitelt und thematisiert mit Hilfe von zahlreichen synästhetischen Metaphern eine neue Wahrnehmung der Umwelt.

    Die in einen beige-braunen Anzug getauchte Figur sitzt auf beige-braunen Tatamis. Alles ist farblich mit dem Grundton des weitläufig-flächigen Zimmers abgestimmt. Konzentrische Kreise umgeben die Figur; sie sind so zahlreich, dass sie den Tatami-Fußboden wellig erscheinen lassen.

    Im traditionellen Ukiyo-e-Stil gezeichnete Blumen, Blätter und Zweige deuten auf den Schiebetüren des Zimmers Landschaften an. Landschaften, die sich von den Schiebetürflächen lösen, in den Raum und über den Bildrand hinaus ragen: Rechts ist Wind und Sturm leicht dämonisch-aggressiven Charakters zu sehen, links eine von Nebelschwaden umgebene Gebirgslandschaft.

    Der Mensch erscheint hier als von strömenden, fließenden und nicht zuletzt immersiven Daten durchdrungenes Subjekt. In ihm bündelt sich der Datenstrom nicht nur, in ihm nimmt er auch eine neue Gestalt an: Reize sind so angelegt, dass sie vom System der Sinne in die fünf verschiedenen Sprachen der menschlichen Wahrnehmung übersetzt werden können und erfahren dadurch etwas, das man totale Plastizität nennen könnte.

    Es sind darüber hinaus Daten/Reize, die, wie Äther, die obere Himmelsregion rund um die Welt ausfüllend, den Erdball umschließen. Die auditiven Daten unter ihnen repräsentieren die Komplexität dieses globalen Rauschens nicht nur aufs Beste. Durch ihre synästhetische Qualität synthetisieren sie diese Komplexität auch am Besten.

    Globales Lauschen

    Als der Universalgelehrte Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert an seiner Idee der Weltharmonie arbeitete, entwarf er einige zukunftsweisende Maschinen. Darunter waren Lauschapparate und ein Musizierzimmer, welches mit Hilfe eines in der Decke eingelassenen Trichters den Ton über mehrere hundert Meter hinweg übertragen sollte.

    Als Ken Ishii 200 Jahre später sein international gefeiertes Erfolgsalbum Jelly Tones (1995) veröffentlichte, stand er an der Sperrspitze einer Kultur, die im Zeichen von Slogans wie „Japanimation“ in weiten Teilen der Welt auf offene Ohren stieß.

    Bezeichnend für die Verschiebung: „Jelly Tones“ wurde als „ein neuer Typus elektronischer Bombe“ beworben, die über der Großraummetropole Tokio gezündet wurde, um augenblicklich Schockwellen in allen Städten der Welt zu verursachen. Der Übertragungsradius der Töne war im Kontrast zu Kirchers Ära global.

    So kann man konstatieren: Das Ohr nimmt nicht nur im übertragenen Sinn den großen Zusammenhang wahr, sondern vermag ihn tatsächlich zu hören. Paranoide Phantasmen der weltweiten Überwachung haben das schon immer gewusst: Sie rekurrieren häufig auf Ohr- und Hörmetaphern.


10 Kommentare zu Manifest für die Ohropax-Generation

  • Ohropax= Ohrenfrieden, für Frieden bin ich immer zu haben. Wo kann ich das Manifest unterzeichnen?
  • Marti Hinrichs am 15.02.2010 11:44
    Ich erinnere mich an den Film: Mr. Hollands Opus. Der Musiklehrer Mr.Holland hat einen gehörlosen Sohn und will ihm seine Musik näher bringen. In einer sehr schönen Szene macht sein Orchester eine Aufführung mit Lichteffekten. Und natürlich nicht zu vergessen: Herbert Grönemeyers Song "Musik nur wenn sie laut ist". Darin heißt es: "sie mag Musik nur wenn sie laut ist wenn der Boden unter den Füßen bebt
    dann vergisst sie dass sie taub ist". Hören mit den Füßen!
    Hier kann man sich den Song anhören: http://www.youtube.com/watch?v=7mu5KgukGG4
  • Die Wendung zum Schluss gefällt mir. Globales Lauschen als Antwort auf den globalen Lauschangriff!
  • Joerg Offer am 15.02.2010 15:28
    Hört, hört!
  • Krystian Woznicki am 15.02.2010 18:27
    @Magdalena: Ich glaube, wir können Deine digitale Unterschrift an dieser Stelle schon akzeptieren : )

    @Marti Hinrichs: Mit den Füßen hören... Ganz in meinem "Sinne"... Haptik, Resonanzkörper, Gleichgewichtssinn und die Frage nach dem Fußabdruck, die sich von dort auf jene Spuren übertragen lässt, welche die Ohren hinterlassen. Kurz: es eröffnen sich gänzlich neue Perspektiven, wenn man Sinne "auf den Kopf" stellt.

    @ Alf: vielleicht muss das Ohr noch dringender als andere Sinne von der Umklammerung der Überwachungs- und Disziplinarindustrie befreit werden, da es kaum in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten ist, dass es diese Umklammerung überhaupt gibt --- aber das ist wohl ein anderes Thema, ich bin mir nicht sicher, wie bald ich mich der Sache werde annehmen können.
  • Das Manifest habe ich mit großem Interesse gelesen, Anregungen zum Thema sind auch bei dem italienischen Sprachwissenschaftler Raffaele Simone, insbesondere in seinem Buch "La terza fase. Forme di sapere che stiamo perdendo".
  • [...] auszumachen. Meine Augen finden keine Ruhe, meine sind Ohren ungeschützt. Ich habe die Ohropax zu Hause gelassen, um mein Frühwarnsystem nicht zu deaktivieren: ich will die Bedrohung so früh [...]
  • [...] hört. Alle singen. Alle hören. Planetarische Gemeinschaft – eine Grenzerfahrung zwischen Lärm und Übermorgenklang. Krystian Woznicki · 13.03.2010 2 Kommentare Share [...]
  • [...] meine Grenzen führt, was sich mir ständig entzieht. Bis sie nicht mehr vernehmbar ist und sich in Stille auflöst, eine Stille, die nicht leblos und statisch ist, sondern eine Resonanz wie in Jean-Luc [...]
  • [...] es gibt auch die Low-Tech-Variante: Oropax. Mit oder ohne Lamellen. Bedenklich finde ich nur diesen Namen: Vuvu-Stop. Statt das Filtern [...]

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