• Beteiligung und Spektakel: „Die Maidan-Proteste finden jetzt statt – ganz in der Nähe.“

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    Während die westlichen Medien den „Europakrieg“ an die Wand malen, ist der Auslöser des „europäischen Flächenbrands“ (die Maidan-Proteste) in Vergessenheit geraten – sowohl was die Ursachen angeht, als auch die Rolle der Medien. Dabei haben die Maidan-Proteste vor Augen geführt, was einen Volksaufstand im Zeitalter von Twitter und Handyvideos ausmachen kann: Die ganze Welt ist dabei, wenn es passiert und doch versteht niemand, was wirklich vor sich geht. Die Autorin Josephine Ziegler kommentiert.

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    In der Luft hängt roter Rauch. Menschen in dunklen Jacken, Bauhelme auf dem Kopf, Tücher oder Atemmasken vor dem Gesicht, werfen Molotowcocktails in den Hintergrund. Sie verschanzen sich hinter Barrikaden aus alten Reifen und allem möglichen Schrott. Stoßtrupps schützen sich mit selbstgebastelten Schilden vor den Rückschlägen der Polizei in Riot-Uniform. Knall auf Knall, Brandsatz auf Brandsatz, Knüppel schlagen auf Metall. Dazwischen das Johlen und Rufen, der Menge, die rund um die Kamera zu vermuten ist. Die Aufnahmen von den Maidan-Protesten Anfang dieses Jahres haben sich rasend durchs Internet verbreitet.

    Eine neue Art der Berichterstattung manifestierte sich in ihrem Beispiel: Handyvideos, Twitter und Livestreams kreieren für die internationale Netzgemeinde Nachrichten in Echtzeit. Im Gegensatz zu ähnlichen Videos, die uns schon während des arabischen Frühlings erreichten, liegt der Handlungsort Kiew beinahe um die Ecke. Man kann die Vibration fast spüren. Und damit erzählt uns das Beispiel Maidan noch viel mehr, als ein Stück Historie, auch mehr als ein Lehrstück über die Undurchsichtigkeit eines medialen Propagandakrieges. Wir bekommen ein besonderes Verhältnis von Medien und Menschen vor Augen geführt.

    Als das Nachrichtenwesen noch in den Kinderschuhen steckte, fanden Berichte über Ereignisse in der näheren Umgebung nur unregelmäßig gebündelt, vielleicht ein Mal im Monat oder in der Woche, ihren Weg zu den Lesern. Das war im 17. Jahrhundert und änderte sich nicht wesentlich bis etwa 150 Jahre später die Telegrafie und die Rotationspresse erfunden und verbreitet wurden. Das Einzugsgebiet der Aufmerksamkeit erweiterte sich und die berichtenswerten Ereignisse wurden zahlreicher, während das neue Druckverfahren es ermöglichte, hohe Auflagen in kurzer Zeit zu produzieren.

    Livestream: Ereignisse in Reinheit und Permanenz

    Zeitungen wurden nun nicht mehr herausgegeben, sobald eine nennenswerte Anzahl von Ereignissen zusammengekommen war. Nein, der Platz, den die nun regelmäßig veröffentlichten Blätter bieten, will gefüllt werden. Journalisten suchen so denn wie stromernde Hunde nach den kleinsten Nachrichten – im Sinne der Wirtschaftlichkeit der ständig laufenden Druckmaschinen. Aber auch die Erwartungshaltung der Leser, die in einer freien Presse eine Säule einer transparenten Demokratie sehen, ist gestiegen. So ist der Livestream eine elegante Lösung in dieser Kaskade der Inhaltsproduktion und des Nachrichtenkonsums. Er überliefert Ereignisse in Reinheit und Permanenz. Allein die Form des Livestreams schürt praktischerweise schon die Erwartung auf den nächsten Superlativ. Sie ist ihr eigener Cliffhänger.

    Neue Szene, selbes Programm: Auf einem gut ausgeleuchteten Platz ist eine rhythmisch klatschende Menge versammelt. Sie verfolgt Musikdarbietungen und Reden, die auf einer mit allen Schikanen ausgestatteten Bühne gehalten werden. Am Rande werden belegte Brote und dampfende Suppe ausgeschenkt. Festivalstimmung, Gruppengefühl. Die Journalistenkaste auf der Suche nach dem spektakuläreren Ereignis inmitten all der blattfüllenden Pseudo-Ereignisse ging rund um den Maidan-Protest auch eine Symbiose mit den Protestlern ein.

    Diese erhofften sich Schutz und Verbreitung ihres Anliegens, sowie vielleicht Motivierung von Mitstreitern. Hier tut ihnen die Spektakel-Logik, in der die Geschehnisse auf dem Platz inszeniert sind, sogar einen besonderen Dienst. Der Livestream thrillt nicht nur, er setzt die Grenzen herab: die der Distanz ebenso, wie die Hemmungen. Denkt man sich die bereitgestellte Infrastruktur innerhalb der Ukraine dazu – Busse, die zum Maidan shutteln – ist die Entscheidung, sich der Menge anzuschließen, womöglich schnell gefällt.

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    Vielleicht braucht es im Sog der Bilder wie aus einem Actionfilm nicht mal einen rationalen Entscheidungsprozess. „Wenn du siehst, dass gleich nebenan etwas Wichtiges passiert, während du in deinem Alltag steckst, möchtest du weg, raus aus deinem langweiligen Leben. Du möchtest zu diesem Ort gehen, wo die Leute vereint sind in einer bestimmten Idee, du möchtest dabei sein, mit ihnen reden. Und für einen Moment fühlen, was sie fühlen.“ So beschreibt ein polnischer Filmemacher in „MyRevolution“ die Wirkung der Bilder, die ihn erreichten. Vielleicht genügt das Verlangen, eine Rolle in diesem Streifen zu spielen schon aus, sich vom Bildschirm weg zu bewegen. Ist das noch etwas anderes, als eine Rolle in der Geschichte zu spielen? Skripted Reality bleibt Skripted Reality.

    Die Medien als Helfershelfer der Geschichte?

    Dass Medien Helfershelfer für später als historisch eingestufte Prozesse sein können, wissen wir spätestens seit Temesvar. Berichte westlicher Medien über ein Massaker an demonstrierenden Regierungsgegnern in dieser rumänischen Stadt 1989 leiteten dort die Revolution ein. Später stellte sich allerdings heraus, dass die gezeigten Leichen nicht Opfer eines Erschießungskommandos gegen die Protestler waren, wie behauptet, sondern schon länger unter der Erde gewesen sind.

    Doch nicht immer ist die Instrumentalisierung, die mit der allgegenwärtigen Medialisierung einhergeht, so deutlich sichtbar, wie in diesem Beispiel. Die Fülle an Pseudo-Ereignissen, die die Journalisten zusammenkratzen, verhüllt sich für gewöhnlich selbst. Im Volksmund spricht man davon, den Wald vor Bäumen nicht mehr zu sehen.

    Und tatsächlich ist es genau diese Blindheit inmitten der Unmengen authentisch verwackelter Aufnahmen, diese träge Gewohnheit an die Bilderflut der zeitgenössischen Medien, die es auch schwierig macht, den aktuellen Propagandasumpf um die Geschehnisse in der Ukraine zu durchschauen – und diesen erst ermöglicht. Medien repräsentieren den sozialen Raum also nicht nur, sie konstituieren ihn tatsächlich. Gesellschaft spielt sich auf der Oberfläche von Bildern ab. Wie Guy Debord schon in den 1960er Jahren feststellte, leben wir in einer „Gesellschaft des Spektakels“.

    Die Maidan-Protestler – oder ihre Protegers – haben die Spielregeln also sehr gut verstanden und genutzt. Durch ihre genuine Partnerschaft mit den internationalen Medienvertretern sind sie in die westliche Gesellschaft geboren. Durch die Mimesis an die Drehbücher von Hollywood-Filmen und Großereignissen, eröffnete sich ihnen die einzige tatsächliche Möglichkeit, sich in der Gesellschaft zu bewegen und auszudrücken, Anerkennung und Verständnis in dieser sozialen Sphäre zu finden.

    Verschwindet der Inhalt im Rauschen der Medien?

    Die Rezipienten aus dem Rest der Welt sind derweil vor allem eins: passiv. Wir bilden uns eine Meinung. Das sogar ziemlich schnell und recherchieren dennoch weiter um unser Gefühl objektiv zu urteilen, zu nähren. Medien vermitteln auf Distanz, garantieren Transparenz, geben uns eine Stimme? Wahrlich kreieren sie eine einzigartige Gleichheit. Durch sie werden wir alle Zuschauer. In Anbetracht der Livebilder sollte man meinen, würde eine qualitative Änderung im Verhältnis der Nachricht zum Rezipienten stattfinden. Schließlich ist das doch echt, passiert gerade, sind die Verletzten und Leichen keine tauben Zahlen, keine toten Informationen.

    Und doch ist es möglich einfach zuzuschauen, ohne vom Sessel aufzuspringen und etwas gegen die zum Himmel schreienden Zustände zu tun. Berührt werden die Zuschauer von der Action im Kontrast zu ihrer Langeweile, nicht von humanitären Regungen. Involviert sind sie über die Form der neuen Berichterstattung – der Inhalt verschwindet in einem Rauschen. In Web2.0 und Livestream spiegelt sich selbstverliebt die aufgeklärte, demokratische Gesellschaft.

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    Die ersten Protestler zeigten wahrhaft politisches Handeln. Nach Hannah Arendt bedeutet das unter Gleichen zu kommunizieren und zu gestalten. Das sei die eigentlich menschliche Freiheit – koordiniertes Agieren im Moment. Die originär anscheinend spontanen Regungen der Protestler standen außerhalb eines vorgeformten Deutungszusammenhangs, außer Kontrolle. Damit gaben sie revolutionäre Impulse. Gil Scott-Herons behält, entgegen dem Spiegel, aber doch Recht : Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen. Ihre Anfänge wurden von der Matrix aus Spektakel und Konsum, die die moderne Gesellschaft prägt, einverleibt.

    Die Medien spielten ihre Rolle als Mephisto. Die Protestler gewannen als Darsteller oder Filmer gesellschaftlich akzeptiertes Dasein, in jenem postnationalistischen Diskurs, dessen Image sie erstrebten. Sie verkauften damit aber ihre Seele, das eigentlich Politische. Sich auf einen solchen Handel einzulassen, deutet schon im Ansatz die Gefahr, seine Anliegen nur noch für andere darzustellen, statt sie für sich durchzusetzen. Nun gibt es immer noch Leute auf dem Maidan. Die Zuschauer aus Europa haben aber längst zu einem anderen Programm umgeschalten, für das der Maidan nur eine Vorabendsendung war. Der Blockbuster „Kalter Krieg“ wird wiederholt. Für die Menschen in Kiew oder auch der Ostukraine ist das vielleicht gar nicht so schlecht.

    Anm.d.Red.: Mehr zum Thema in unserem Dossier Europakrise. Die Fotos stammen von Christopher Titzer und stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


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