• Live-Blogging: Taugen die “alten” Medien als Vorbild für den neuen Journalismus?

    Das Internet kann das Weltgeschehen in Echtzeit übertragen. Live-Blogs begegnen dieser Herausforderung auf Augenhöhe. Der Berliner Gazette-Autor Joseph Stashko, der derzeit eine Software dafür entwickelt, fragt an dieser Stelle: Taugen die “alten” Medien als Vorbild für den neuen Live-Journalismus?

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    Liveblogging polarisiert. Es lässt sich tagelang darüber diskutieren, ob Prozessjournalismus (d.h. das Prinzip eines endlosen Artikels, in dem laufend Korrekturen und Updates eingebunden werden) immer die richtige Entscheidung ist, wenn es darum geht, über ein fortlaufendes Ereignis zu berichten. Aber fest steht: Liveblogging ist eine einzigartige Art und Weise, Geschichten zu erzählen. Doch es gibt Probleme.

    Beinahe jeder Liveblog, auf den ich je gestoßen bin, scheitert daran, dass er den Kontext nicht mit einbezieht. Wenn ich mit Leuten über die von mir mitentwickelte Software Ocqur spreche, stellt sich heraus, dass die meisten nicht nachvollziehen können, was passiert ist, wenn sie den jeweiligen Beitrag im Liveblog nicht von Anfang an verfolgt haben.

    Frustrierende Leseerfahrung…

    Das ist aus zwei Gründen problematisch. Zum einen werden Besucher des Liveblogs voraussichtlich mehrere Minuten mit dem Versuch verbringen, herauszufinden, was passiert ist, ehe sie die jüngsten Updates verstehen können, was eine ziemlich unbefriedigende Leseerfahrung darstellt. Der zweite Grund ist ein Nebenprodukt des ersten: Solange dieses Problem auftaucht und als Problem wahrgenommen wird, wird der Leser nie ganz ins Erlebnis des Liveblogging eintauchen können.

    Der Erfolg von Plattformen wie Longform und Readability liegt darin begründet, dass sie die Simplizität bewahren, für die das Lesen langer Texte stand, ehe Horden von Feeds, Links und Social Networks auf uns einstürmten. Bei der Lektüre von Liveblogs fehlt dem Leser eben jene Simplizität.

    …und die Frage: Wie kann man es besser machen?

    Nachrichtenkonzerne wie The Guardian, Times oder New York Times haben es hier leichter, ganz einfach deswegen, weil sie zu Tausenden von Artikeln Zugang haben, zu Tags und Spezialseiten, zu Videos, Fotoarchiven, Kommentaren und Analysen. Das sollte die Kontextualisierung von Liveblogs für sie deutlich einfacher gestalten als es bei Einzelanbietern wie Cover It Live oder Scribble Live der Fall ist. Tatsächlich scheint die New York Times auf einem guten Weg zu sein: Schaut euch den Screenshot ihres Liveblogs zum Börsengang von Facbook an.

    Die rechte Spalte zeigt eine Kurve, die den Aktienkurs nachzeichnet, darunter sind die Hauptanteilseigner aufgelistet und ein dynamisches Fenster bietet Links zu weiterführenden Videos und Texten. Die New York Times kommt hier dem Angebot einer umfassenden kontextuellen Leseerfahrung näher als jeder andere Nachrichtenkonzern.

    Für uns bei Ocqur ist das wohl die härteste Nuss, die wir knacken müssen: Wir können viele unterschiedliche Autoren anbieten, mehr Optionen fürs Einbetten und Permalinks für individuelle Einträge – aber was tun wir, wenn es um das abstrakte und subjektive Konzept des Kontexts geht? Der Textbeitrag des einen ist das YouTube-Video des anderen, und es ist verdammt schwierig zu sagen, wie jedermann Geschichten liest, wenn sie live umgesetzt werden.

    Die “alten” Medien als Vorbild für neuen Journalismus

    Ich glaube, die Lösung liegt ironischerweise darin, zu schauen, wie die „alten“ Medien beispielsweise von Wahlen erzählen. Nehmen wir unter die Lupe, wie die BBC von den landesweiten Wahlen 2010 berichtet hat. Die Hauptberichterstattung bestand darin, aktuelle Updates im Nachrichtenband zu zeigen, das den unteren Bildschirmrand entlang läuft und das wir schon aus dem BBC News Channel und Sky News kennen.

    Außerdem wurde immer wieder zu Reportern in verschiedenen Wahllokalen geschaltet, die aktuelle Ergebnisse wiedergaben. Diese Berichterstattung stellt das Äquivalent zum Liveblog dar.

    Zwischen den Updates zu den Wahlergebnissen schaltete die BBC immer wieder zurück ins Studio, wo Jeremy Paxman, David Dimbleby, Emily Maitlis und andere die Zuschauer über größere Zusammenhänge informierten. Wenn ein Journalist im Wahllokal ein Ergebnis verkündete, erklärte ein Studiomoderator, was dieses Ergebnis bedeutete.

    Das Problem dieser Analogie besteht darin, dass wir beim Liveblogging unsere „Studiomoderatoren“ noch nicht gefunden haben. Es gibt im Fluss der Informationen in Liveblogs kaum Kontextualisierung, und genau das ist eine unserer Hauptherausforderungen bei der Entwicklung und Optimierung von Ocqur. @socialtechno hat hier einige exzellente Möglichkeiten aufgezeigt, wie man das Problem lösen könnte.

    Anm.d.Red.: Das Foto oben stammt von Carlo Rainone und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


5 Kommentare zu Live-Blogging: Taugen die “alten” Medien als Vorbild für den neuen Journalismus?

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