• Zustimmungsgesellschaft: Der globale Erfolg des ‚Gefällt mir‘-Buttons offenbart eine Krise der Kritik

    Facebook missioniert mit seinem ‚Gefällt mir‘-Button die Welt. Die Konturen einer Zustimmungsgesellschaft treten immer deutlicher hervor. Hier wirkt Kritik out of date – nicht zuletzt Kritik an globalen Netz-Giganten. Kulturwissenschaftlerin und Berliner Gazette-Autorin Mercedes Bunz kommentiert.

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    Das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz in Kiel beklagte vor einem Jahr einen Verstoß gegen das Telemediengesetz durch das Verwenden des ‚Gefällt mir‘-Buttons auf Webseiten, die in dem norddeutschen Bundesland angemeldet sind. Doch der Facebook-Button hätte auch aus anderen Gründen Stein des Anstoßens sein können: Scheinbar unaufhaltsam setzt sich der Gestus der Zustimmung in dem größten sozialen Netzwerk der Welt durch. Was sagt das über unsere Gesellschaften aus? Wird es negative Kritik in Zukunft überhaupt noch geben?

    Auschwitz? Gefällt mir

    Das Gefallen nimmt in unserer digitalisierten Gesellschaft mittlerweile geradezu absurde Züge an. Beispielsweise ist auf der Facebook-Seite der Gedenkstätte Auschwitz folgender Beitrag zu lesen: Am 28. Juni 1943 meldet Bauleiter Heinz Kammler die Fertigstellung des Krematoriums III und verkündet die Kapazität von täglich 4756 Menschen im Falle eines 24 stündigen Betriebs. 181 Personen haben geklickt, ihnen gefalle das und bei vielen hat die Computermaus dabei erschrocken gezuckt. Mangels Alternativen müssen sie so zum Ausdruck bringen, dass sie nicht vergessen haben.

    Und eins klar: Alternativen sind nicht vorgesehen. Alles muss sich dem nach oben zeigenden Daumen des Facebook-Buttons unterordnen. Das entsprechende Pendant eines ‚Missfällt mir‘-Buttons ist jedenfalls nicht vorhanden. Negative Äußerungen müssen aufwändiger in Kommentaren dargelegt werden. Aber wer will das schon? Das Meiden der Konfrontation fördert natürlich eine Haltung des Zuspruchs. Eine Entscheidung, die damit begründet werden kann, dass man sich in Freundschaften nun einmal eher Positives zu sagen habe. Ist man doch befreundet, weil man Gemeinsamkeiten teilt, sich schätzt und respektiert.

    Doch weil Facebook eine Angelegenheit unter Millionen von Freunden ist, geht die Gestaltung der Kommunikation weit über das Private hinaus. Facebook ist hier symptomatisch. Denn der Gestus der Befürwortung geht offensichtlich weit über die Plattform hinaus. Und all das ist nicht ohne Vorgeschichte. Schon seit einiger Zeit konnte man bemerken, dass sich die Dialektik auf dem Rückzug befindet: Mit dem Fall der Mauer hatte zunächst die Blockpolitik das Zeitliche gesegnet. Und auch innenpolitisch war dann immer wieder zu lesen, dass sich rechte und linke Positionen nur noch schwer von einander unterscheiden lassen.

    Out of date: Dialektik

    In der Tat: Im politischen Machtdiskurs ist an die Stelle der Opposition die Zustimmung getreten. Das verdeutlicht ein kurzer Blick auf die britische Regierung und ihre Stellung zur Europäischen Union unter Thatcher und Cameron. Ihre politische Linie ist dieselbe, heute wie damals ist man als Tory der EU gegenüber kritisch. Doch wie zwei Ausschnitte auf YouTube zeigen, wird das von Premierminister Cameron deutlich anders vertreten als noch von Margaret Thatcher.

    Während die eiserne Lady 1990 einer Erweiterung der EU im Parlament trotzig und laut No, no, no! entgegenschmettert, erklärt Cameron 21 Jahre später am selben Ort einfühlsam, dass sein „Nein“ zur Erweiterung des Vertrages doch eigentlich als ein „Ja, ja!“ zur EU gedacht war: Er wollte doch gar nicht dagegen sein, er wäre doch an einer Einigung interessiert gewesen.

    Bei Thatcher tritt die Macht noch offen als Kritik zutage. Bei Cameron versteckt sie sich dagegen in einem Winkel der Zustimmung: Ist man dagegen, lenkt man durch das Wedeln eines unterstützenden Fähnchens ab. Denn dann kann einem keiner was: man war doch eigentlich dafür.

    Wie soll die Zustimmungsgesellschaft vorankommen?

    Wenn der gesellschaftliche Diskurs an die Stelle der Dialektik und ihrer Kritik nun mehr und mehr die Zustimmung setzt, ist das beunruhigend. Kritik garantiert unseren Gesellschaften Pluralität. Sie gilt seit Hegel als ein zentrales Moment, durch welches eine Gesellschaft vorankommt, wird doch ein Bestehendes durch Kritik erweitert und tritt als Synthese auf eine neue Stufe. Der Philosoph nennt das „Aufhebung“. Es stellt sich die dringende Frage: Wie kommt eine Zustimmungsgesellschaft eigentlich voran?

    Auf einer von der DFG geförderten Tagung im Berliner Haus der Kulturen der Welt zum Thema Gegen/Stand der Kritik mahnte die Philosophin Kathrin Thiele neulich, dass es höchste Zeit sei, eine „affirmative kritische Praxis“ zu entwickeln. Sie schlug vor, an die Stelle der dialektischen „Aufhebung“ die Kant’sche Herangehensweise, den „Ausgang aus der Unmündigkeit“ zu setzen. Denn Kant bezeichnet mit dem Begriff der Kritik keine negative Haltung, sondern eine tiefgreifende Analyse.

    Anstatt eines Negierens erfordere diese Analyse ein Engagieren. Setze an die Stelle der Opposition die Beziehung. Und gewinne Fakten nicht durch mehr Distanz, sondern durch Nähe, sprich: durch ein genaueres Hinsehen, so Thiele. Post-dialektisch stellte sie damit Kritik vom Kopf auf die Füße. Wäre das ein Modell für die ‚Gefällt mir‘-Gesellschaft?

    Und in Kiel? Aufklärerische Irritation!

    In Kiel laufen derweil am Verwaltungsgericht Schleswig drei Klageverfahren gegen Webseitenbetreiber, die noch Ende des Jahres entschieden werden sollen. Ob sich Facebook dadurch aufhalten lässt, bleibt fraglich, ist aber vielleicht auch nicht das Ziel des Ganzen. Interessanter Weise geht es dem Landeszentrum für Datenschutz ja nicht darum, Facebook abzuschaffen. Vielmehr setzt es aufklärerische Irritation an die Stelle der Negation. Facebook habe freundlich das Gespräch mit dem Landeszentrum gesucht, so ein Sprecher der Behörde.

    Aus ihrer Sicht habe die Plattform aber weder technische Unterlagen bereit gestellt, noch angekündigte Transparenzverbesserungen umgesetzt. Die kann Facebooks Direktor für Public Policy Gunnar Bender praktischer Weise auch gar nicht zusagen. Aus steuerlichen Gründen agiert Facebook in Deutschland als irisches Unternehmen. Und das heißt: die Datenschutzbehörden in Irland und nicht der Ansprechpartner hierzulande sind hier zuständig.

    Dieser absurde Umstand zeigt das Treiben von Macht im Zeitalter der Zustimmung: vorne wedelt man mit einem freundlichen Fähnchen, während man hinten die Auseinandersetzung in unerreichbar entfernte Winkel verlagert. Dennoch reden wir darüber. Folglich zeigt der Beschluss des kleinen Datenzentrums dem großen Facebook Grenzen auf. Und unserer Gesellschaft ein neues Werkzeug: die Irritation. Hoffentlich kann sie der in die Krise gekommenen negativen Kritik helfend zur Seite treten.

    Anm. d. Red. Mehr kritische Gedanken zu Facebook gibt es bei der Berliner Gazette-Konferenz Digital Backyards vom 18.-20.10. Das Foto stammt von Philippe Leroyer und steht unter einer Creative Commons-Lizenz.


13 Kommentare zu Zustimmungsgesellschaft: Der globale Erfolg des ‚Gefällt mir‘-Buttons offenbart eine Krise der Kritik

  • Schade, das Interessanteste an diesem Artikel ist die Überschrift. Statt über Politik zu sinnieren, hätte man doch die Auswirkung der Zustimmung per Facebook-Daumens etwas genauer analysieren können.
  • Silvia am 23.09.2012 17:27
    Dinge, die nicht auf den ersten Blic zusammengehören, aber dann doch, wenn man genauer schaut ud drüber nachdenkt, danke!
  • Mercedes Bunz am 24.09.2012 16:58
    Lieber Sean, liebe Silvia,

    interessant wie verschieden ihr reagiert. Dieser Text ist ein erster Text von etwas, das mich schon länger beschäftigt. Vielleicht habe ich es an manchen Ecken und Enden noch nicht detailliert genug auf den Punkt gebracht, aber Silvia scheint ja schon ein wenig verstanden zu haben - Danke der Mitdenkmühe! Es ist noch ein wenig eine Reise, das stimmt sicher.

    Demnächst gibt es im InC-Reader eine etwas ausführlichere Version auf Englisch. Der nächste erscheint bald im etwas tieferen Herbst http://networkcultures.org/wpmu/portal/publications/inc-readers/

    Herzlich, mercedes
  • Martina am 26.09.2012 14:20
    Als ich neu bei facebook war, fand ich es schön, so offen gesagt zu bekommen und offen zu sagen "Gefällt mir", bei dem, was man unter Freunden (mit)teilt. Das schien mir zunächst -anders als in der Realität- ein netter Umgang zu sein, und ein ordentliches Ego-Pushing nebenbei. Das Ausschwitzbeispiel zeigt allerdings besonders krass, was ich auch mittlerweile sehe. Danke dafür, das kannte ich nicht, und Danke für einige mehr Denkanstöße.
  • MIR GEFÄLLT an diesem Ansatz: hier gibt es eine Suche nach dem NEUEN. Also: die Frage, nach der Möglichkeit von Kritik nach der Kritik. Postdialektisch, ich zitiere:

    "...ein Engagieren. ...an Stelle der Opposition die Beziehung... Fakten nicht durch mehr Distanz, sondern durch Nähe, sprich: durch ein genaueres Hinsehen..."

    Aber die Frage "Wäre das ein Modell für die ‘Gefällt mir’-Gesellschaft?" --- diese Frage ist spannend! Wir sollten sie diskutieren.

    Allgemein kann man doch sagen: JA.
  • "Eine Tradition des offenen Debattierens hat sich (in Deutschland) nie entwickelt. Entweder warf man sich gleich in den Straßenkampf, oder es wurde hinter dem Ofen geschmollt. Daraus entwickelte sich mit der Zeit das beliebte kritische Denken.

    Allerdings kritisiert man sich dabei nur selten selbst, sondern lieber die anderen. Die Linken kritisieren die Rechten und kommen sich dabei toll vor; die Rechten kritisieren die Linken und festigen damit ihre Zusammengehörigkeit; alle kritisieren die da oben und erzeugen damit ein heimeliges Gemeinschaftsgefühl, bevor das Ganze noch in eine Kneipenschlägerei ausartet.

    Man merkt es nicht sofort, aber das kritische Denken lässt keine Selbstkritik oder gar neue Positionen zu. Wo kämen wir denn da hin? Wenn ich mal eine neue oder gar andere Perspektive hören will, muss ich mich der angloamerikanische Presse zuwenden. In bestimmten Fragen – zum Beispiel, ob Atomenergie, Genmais oder Mitt Romney als Präsident doch gewisse Vorteile hätten – wissen viele meiner deutschen Freunde nicht mal, dass es zwei Seiten gibt.

    Kritisches Denken ist keine Debatte, sondern Konsensfindung, oder, wie ich es nenne, Harmonienörgeln: Zwei Menschen kritisieren gemeinsam solange einen Dritten, bis sie Freunde werden. Für die Deutschen ist alles ernst, und sie wollen sofort wissen: "Wer ist mein Freund, wer ist mein Feind?" Für die Amerikaner mit ihren Debattierclubs ist immer ein Hauch Spielerei dabei."

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-10/usa-wahlkampf-obama-romney-tv-debatte/seite-2
  • Tanja M. am 04.10.2012 08:53
    ich like also bin ich
  • A. Rebentisch am 16.10.2012 11:57
    Die Renitenten sterben aus? Pah! Ich habe doch schon das Waldsterben überlebt. Kritikauslichtung Fehlanzeige!

    Das Konzept des Geschichtsprozesses verleitet zu zwei Fehlern, erstens zu dem Versuch zu synthetisieren, was überhaupt nicht synthetisiert werden braucht, zweitens permanente Disruption mit dem Ziel der Progression.

    Der in der Romantik schon immanente Bruch, das ruinöse Ganze, ist geistreicher als seine kommentierte Fassung und der selbstgewisse Holzhammer.

    "Gefällt mir" ist die sozial angemessene Funktion für die Tamagotchi-Gesellschaft.
  • Xing Benutzer am 20.10.2012 12:19
    Die Analyse geht sehr ins Detail und zeigt schon auf Effekte, die bei der Konstruktion der "Like"-Wanze wahrscheinlich nicht im Vordergrund gestanden hatten.

    1) Tracken von Usern via "invisible .gif" oder "counter" sollte durch Sozialtechniken vor dem Filter der Endbenutzer geschützt werden
    2) prinzipiell eher negativ-anonymes Kritik- (Trolltendenzen!)-Verhalten welche im Internet grassiert etwas entgegen zu setzen. Es gibt z.B. keinen "Dissen" Knopf

    Besonders den zweiten Punkt finde ich sehr positiv. Das daraus im Grenzfall eine Zustimmungsgesellschaft entstehen kann habe ich bisher noch nicht so erkannt. Darum DANKE für diesen Artikel!

    Auf die Fakebook zugrunde liegende Geschäftsmotivation (siehe Punkt 1) muss man mittlerweile hoffentlich nicht mehr hinweisen.
  • [...] Wo bleibt der ‘gefällt-mir-nicht’ Button? [...]
  • [...] via berlinergazette.de [...]
  • Auf Seiten wie SchülerVZ (bevor diese geschlossen wurde), wurde auch ein Likebutton eingeführt.
    Dieser musste entfernt werden, da der Seiteninhaber sonst 50.000 Euro Bußgeld hätte zahlen müssen.
    https://www.aid24.de/rechtsblog/facebook-button-der-kritik-von-thilo-weichert
    Für alle anderen Seitenbetreiber: Falls ihr auf die Idee kommt einen "Likebutton" einzuführen,
    lasst es! Sonst könnt ihr auch mit einem Bußgeld rechnen.. Informiert euch auf der Seite oben,
    was eine fehlerhafte umsetzung des Likebuttons verursachen kann.
    Hat mich weitergebracht!
  • Werner Bernd am 14.11.2014 12:24
    Auf Seiten wie SchülerVZ (bevor diese geschlossen wurde), wurde auch ein Likebutton eingeführt.Dieser musste entfernt werden, da der Seiteninhaber sonst 50.000 Euro Bußgeld hätte zahlen müssen.
    https://www.aid24.de/rechtsblog/facebook-button-der-kritik-von-thilo-weichert
    Für alle anderen Seitenbetreiber: Falls ihr auf die Idee kommt einen "Likebutton" einzuführen,lasst es! Sonst könnt ihr auch mit einem Bußgeld rechnen.. Informiert euch auf der Seite oben, was eine fehlerhafte umsetzung des Likebuttons verursachen kann. Hat mich weitergebracht!

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