• Libyen-Krieg im Live-Stream: Wann schlägt Transparenz in blinde Faszination um?

    Der Libyen-Krieg kommt als Sportereignis daher. Während sich der britische Premierminister Cameron und der libysche Machthaber Gaddafi in den Medien präsentieren wie sonst nur Trainer vor Endspielen (“siegessicher”), unterscheidet sich die aktuelle Kriegsberichterstattung kaum noch von Live-Übertragungen aus Fußballstadien: Technische Details von Bomben werden beschrieben wie die Aufstellung einer Fußballmannschaft. Die Kulturwissenschaftlerin und Berliner Gazette-Autorin Mercedes Bunz warnt: Die Medien sollten aufpassen, nicht zu nah am Geschehen zu sein – damit wir die nötige Distanz bewahren.

    Nachdem ich von einer Diskussionsrunde zum Verhältnis von Protest und Medien im Institute of Contemporary Arts am Wochenende zurückgekehrt war, schaltete ich während der Zubereitung des Abendessens die Nachrichten an. Die BBC berichtete quer durch meine WG über die Vorkommnisse in Libyen. Es war erschreckend beunruhigend. Ich versuchte es mit anderen Nachrichtenkanälen, aber die Tendenz blieb die gleiche: Wir waren im Krieg.

    Lassen wir die folgenden Cut-Copy-Paste-Ausschnitte auf uns wirken: Amerikaner haben Tomahawk-Marschflugkörper auf Landziele von einem U-Boot der Trafalgar-Klasse und Storm Shadow Marschflugkörper von Kampfflugzeugen des Typs Tornado GR.4 abgefeuert. Die Düsenjets flogen knapp 5000 Kilometer vom Royal Air Force Stützpunkt Marham im Osten Englands in die Einsatzgebiete und zurück, das ist die weiteste geflogene Distanz eines Angriffseinsatz seit dem Falklandkrieg 1982.

    Unterstützt wurde die Operation durch VC10 und Tristar Luftbetankungsflugzeuge, sowie durch E3D AWACS-Luftaufklärer. Allein ein Militärflugplatz in Libyen soll von 40 Bomben aus amerikanischen Tarnkappenbombern getroffen worden sein. Vielleicht sind wir ja auch bei einem Sportwettbewerb, ja genau, sind wir womöglich bei einer Sportberichterstattung?

    Angst vor der unkommentierten Propaganda

    Was lässt die Berichterstattung über den Krieg zu einem Teil des Krieges werden? Wann sind wir nah am Geschehen, wann zu nah? Was machen wir, wenn das Nachrichtenwesen in Propaganda umschlägt? Die sich vor mir entfaltende Materialschlacht in den Medien ließ mich Unbehagen verspüren. Mehr noch, Angst. Erleichtert stellte ich über Twitter fest, dass andere ähnlich dachten. Zumindest waren ich und das Unbehagen nicht alleine.

    Der britische Premierminister David Cameron betonte in einer umgehenden Stellungnahme, dass die Militäraktion notwendig, richtig und legal sei und die Soldaten die Mutigsten der Mutigen seien. Ein General a.D. ließ sich mit den Worten vernehmen, dass die libyschen Soldaten Angst haben sollten. Genau, wir lassen andere durch unser Nachrichtenwesen wissen, dass sie Angst vor uns haben sollen. Durch die öffentlich-rechtlichen Nachrichten der BBC, die derlei Aussagen unkommentiert sendete.

    Natürlich, die jüngsten Ereignisse in Libyen haben das grausame Desaster in Japan als Topthema verdrängt. Die Aufmerksamkeit hat sich verschoben, da in Libyen so viel auf dem Spiel steht. Nach – nein, man kann eigentlich sagen parallel – zu Afghanistan und Irak sind wir nun in einem weiteren Krieg. Seit Freitag gibt es eine UN-Resolution zum Libyeneinsatz.

    Am Wochenende starb Mohammad Nabbous, das Gesicht des libyschen Bürgerjournalismus und eine zuverlässige Quelle für viele westliche Journalisten, an den Folgen eines Kopfschusses. In solchen Momenten zeigt sich: Gaddafi kämpft gegen sein eigenes Volk. Darf man dann einen Herrscher jagen?

    Gibt es so etwas wie einen gerechtfertigten, gerechten, richtigen Krieg? Können Bomben Demokratie bringen? Ich habe mit meiner Freundin A. über die Vorkommnisse diskutiert, bevor wir ausgingen. Ich glaube, dass wir nicht zum Schutz der Zivilbevölkerung intervenieren, sondern aus eigenen Interessen. A. hingegen findet die Intervention grundsätzlich unterstützenswert.

    Sie ist der Meinung, dass wir mehr Verantwortung übernehmen müssen und wir damit den ersten Schritt vollführen. Auf die Frage, warum dies nun ausgerechnet in Libyen und nicht in Jemen passiert, antwortet sie, dass damit einfach eben ein Anfang gemacht sei. Einig waren wir uns darüber, dass die aktuellen Geschehnisse keinesfalls eine derartige Berichterstattung rechtfertigen.

    Mitten drin statt nur dabei

    Es ist ein Unterschied, ob man über den Krieg berichtet oder berichtend im Krieg ist. Dankenswerterweise gibt es reflektierende Perspektiven, wie die pointiert gezeichneten Animationen von Patrick Blower beim Guardian, das exzellente Meinungsstück von Andrew Rawansly vom The Observer oder auch die ausgeglichen gestaltete Bilderstrecke der New York Times. Doch allgemein fehlt dem Nachrichtenwesen am Wochenende die nötige Distanz. Der Krieg wird propagiert. Wir nehmen am Krieg teil, und unsere Anteilnahme ist beinahe begeistert. Scheußlich.

    Wann ist ein Bild zu ästhetisch? Dürfen wir den Krieg mit guten Bildern wie einen fantastischen Actionthriller aussehen lassen? Die beschriebene Materialschlacht verliert sich in einer präzisen und technisierenden Beschreibung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu nah am Geschehen, also schlichtweg live und detailverliebt sind. Wann schlägt Transparenz in blinde Faszination um? Als Journalisten sind wir immer Teil des Krieges und werden es immer bleiben. Das Wochenende war schlimm.


23 Kommentare zu Libyen-Krieg im Live-Stream: Wann schlägt Transparenz in blinde Faszination um?

  • Kritischer Journalismus oder Kriegs-PR?

    Was mich beunruhigt ist die Schnelligkeit mit der man in diesen Krieg gezogen ist. Ich kann mich noch sehr gut an die publizistische Auseinandersetzung vor den Kriegseinsätzen in Irak und Afghanistan erinnern. Mir scheint, als hätte es diese Auseinandersetzung in den Medien hier überhaupt nicht gegeben. Haben die Westmächte einfach die "Gunst der Stunde" genutzt und einen Krieg durchgesetzt, während die Welt noch zitternd nach Fukushima schaute? Oder gab es Proteste/ Gegenstimmen in der westlichen Welt gegen diesen Kriegseinsatz und es wurde einfach nicht darüber berichtet? Ich finde es im Moment sehr schwer mir eine Meinung zu bilden, denn in den Medienbeiträgen, die ich dazu bisher konsumiert habe (vor allem SpiegelOnline und Tagesschau) stand die Richtigkeit dieses Einsatzes eigentlich außer Frage. Das ist meines Erachtens kein Journalismus sondern PR. WAS DENKT IHR?
  • Spannender Beitrag. Mir erschließt sich eine Sache nicht: Wie lässt sich die im Titel angesprochene Transparenz im Kontext der Textaussagen hier verorten? Ist es denn tatsächlich die (journalistische) Transparenz, die hier umschlägt in "blinde Faszination"?

    Ist es nicht viel eher das journalistische Versagen, eine ausgewogene Berichterstattung zu gewährleisten, das aufgefüllt wird mit dieser hier monierten "LiveBerichterstattung"?

    Ich bedanke mich für die Beantworung meiner Frage, denn dieser Aspekt ist von sehr großem Interesse für mich.
  • neuro am 24.03.2011 11:59
    Ist die Militäraktion gegen Gaddafi richtig und klug?
    Robert Misik macht sich ein paar grundsätzliche und ein paar praktische Gedanken zur militärischen Durchsetzung der Flugverbotszone in Libyen:

    http://www.misik.at/sonstige/ist-die-militaraktion-gegen-gaddafi-richtig-und-klug.php
  • Sanne am 24.03.2011 12:32
    Vor allem der Live-Ticker (wie er auf SPON verwendet wird) ist doch Inbegriff der Fußballübertragung im Netz. Welchen Mehrwert versprechen sich die Medien davon?
  • Hi Mercedes,

    vielen dank fuer den Artikel. ich denke, medien sind einfach medien und als solche pushen sie natuerlich auch zum selbstzweck ihre formate. ob das jetzt besser oder schlechter ist als vor zehn jahren (ich erinnere mich noch sehr genau an die sun headline 1998 "clobba slobba", als die nato begann belgrad zu bombardieren) ist glaube ich nicht die frage - wie vor fünfzehn jahren muss der rezipient entscheiden, wie er informationen selektiert. und ich habe die optimistische grundhaltung, dass in zeiten von wikileaks sowie in folge der fragmentierung des mediennutzungsverhaltens grundsaetzlich das potenzial fuer differnziertere wahrnehmung der realitaet (und deren konstruktion durch die medien) besteht. mehr als vor fünfzehn jahren. ob der krieg in lybien dabei kommentiert wird wie ein fussballspiel oder von wissenschaftlichem standpunkt analysiert wird, hat glaube ich auch wenig einfluss auf die entscheidende komponente - die empathie des betrachters. die wird naemlich nur durch persoenliche erfahrung gefordert. was mich aber viel mehr interessieren wuerde - welche haltung hattest du denn in der diskussion mit a.? lehnst du den einsatz kategorisch ab? erinnert lybien und die rolle der UN nicht etwas an srbrenica? oder sogar uganda? wo doch heute der konsens - auch in linken kreisen - ist, dass der fehlende einsatz in diesen faellen ein versaeumnis war?
  • Der Verweis auf NYT, Guardian und Observer zu Deiner Ehrenrettung. Ich verstehe das Unbehagen - ABER: Was wesentlich ist, steht in einem Satz: "Es ist ein Unterschied, ob man über den Krieg berichtet oder berichtend im Krieg ist. "
    Hier triffst Du den Nagel auf den Kopf.
    Schau mal AlJazeera.net - in Englisch. Ich hätte mir gewünscht, dass es zu einer differenzierteren Betrachtung gereicht hätte, und Du mit dem zitierten Satz deinen Artikel begonnen hättest.
  • Silvia am 24.03.2011 13:46
    danke für den Augenöffner!
  • Jahrelang kaufte Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi Waffen in Ost und West. Es war ein gutes Geschäft - auch für Staaten, die Gaddafi inzwischen mit aller Macht bekämpfen.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/wer-libyen-waffen-lieferte-gaddafis-fleissige-bombenbauer-1.1076108
  • Liebe Magdalena - Japan war für dich wahrscheinlich näher - verständlich, wenn man Freunde dort hat. ABER: Seit 2 Monaten gibt es Berichte über die Greuel unter/von Gadaffi. Gequatscht wurde viel zu lange - was hunderten , wenn nicht tausenden jungen Libyern das Leben gekostet hat. Dabei verschonen Gaddafis Mörder und Söldner weder Kinder noch Frauen.

    ...würde an Deiner stelle also mal umschwenken...vielleicht einen Blick werfen auf:
    Süddeutsche - immer gut, immer am Ball!
    AlJazeera - sehe ich seit 8 Wochen - dann bist Du im Bild!
  • Lieber Rainer, danke für die response. Ich wollte nicht sagen, dass es keine Berichte gab, aber von dem was ich mitbekommen habe, war es eben eine sehr einseitige Berichterstattung, die sich auf den Despoten Gaddafi konzentriert - was ist mit den Interessen der USA, Frankreich? (und was ist mit anderen Despoten?) Aber du hast Recht, ich habe mich noch nicht genug umgesehen und werde die von dir vorgeschlagenen Webseiten aufsuchen. Beste Grüße!
  • Liebe Magdalena,
    wir befinden uns inmitten der großen demokratischen Revolution Arabiens - die so in die Geschichtsbücher eingehen wird.

    Die Obama Administration ist eine ANDERE, als der Bush-Neokon Pakt zur Versklavung der Welt. Obama hat eine wegweisende Rede in Kairo gehalten (zu Beginn seiner Amtszeit) und den Prozess in Ägypten klug und schließlich großer Entschiedenheit begleitet. Das Ergebnis ist eine fast unblutige Revolution und die beginnende Demokratisierung dort. In Libyen ist mit Gaddafi ein anderes Kaliber am Werk. Der so genannte "Irre von Tripolis" ist ein Hitler des nahen Ostens, der sein eigenes Volk von angekauften Söldnern meucheln läßt, wenn es nicht spurt.
    Was Sarkozy betrifft - bin ich nun kein FAN, aber Frankreich verhält sich im Prinzip in einer historischen Situation richtig!
  • ..liebe Gazette Redaktion - http://english.aljazeera.net/ - zur Kenntnisnahme und Erweiterung eures Spektrums in sachen Libyen und arabische Welt - tagesschau.de könnt ihr eigentlich vergessen...
  • apropos Sportjournalismus: Dieser übernimmt in den Medien schon immer eine Vorreiterrolle (so eine Studie aus dem Jahr 1998).

    An aktuellen Entwicklungen im Sportjournalismus kann man das auch erkennen: Vor kurzem machte die Meldung die Runde, dass dank datenjournalistischer Auswertung Berichte von Sportereignissen wie Fußballspiele, automatisch erstellt werden können.

    Ein Vorgeschmack auf die zukünftige Kriegsberichterstattung?
  • niruman am 25.03.2011 19:57
    warum interveniert man in libyen, wo man doch viel wichtiger und dringener für die gesamte welt in japan intervenieren sollte? da gibt es auch eine "autoritäre situation", die zigtausnde von menschen und vielleicht noch viel viel mehr das leben kostet...
  • bereits im Umfeld des dritten Golfkriegs konnte man beobachten, wie der Krieg nach der Logik des (Fußball- bzw. Computer-Spiels durchgeführt und dargestellt wird:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14486/1.html
  • [...] auf eine Stufe mit Tschernobyl gestellt wird, engagiert sich die so genannte Weltgemeinschaft in Libyen. Die UNO könnte zu ihrer Entlastung sagen: “Aber Japan hat uns nicht um Hilfe gerufen. Im [...]
  • [...] Krystian Woznicki verfasst 7 journalistische Thesen zur Erdbebenkatastrophe (mehr zur Diskussion : Libyen-Livestream,  Twitter-Style, unterträgliches Twitter, Weltuntergang live, mehr [...]
  • Wenn ich an Kriegsjournalismus denke, dann kommen mir immer wieder die Bilder von James Nachtwey in den Sinn: http://www.jamesnachtwey.com/
    Ich glaube dass diese Bilder "wahrer" sind, als vieles was uns sonst gezeigt wird.
  • Rafik am 01.04.2011 15:45
    “Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen lähmen mich. Mein Katastrophenaufnahmevolumen ist ebenso überschritten wie meine Verständniskapazität für aktuelle politische Handlungen.”

    http://www.spreeblick.com/2011/03/25/lahmung/
  • Peter Zehnk am 05.04.2011 16:17
    nichts Neues wirklich, aber man kann es ja nicht oft genug, wiederholen "Libya is a showcase in the new arms race"

    http://www.reuters.com/article/2011/04/04/us-libya-arms-idUSTRE7331OO20110404
  • [...] In Bezug auf die ersten vier Punkte ist hierzulande während der aktuellen Katastrophe in Japan einiges zu beobachten gewesen. Vieles davon ist problematisch. Die intensive Nutzung der sozialen Medien während der Katastrophe hat in Deutschland zu Hysterie geführt. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher führt dies auf die “Erregunspotentiale der neuen Echtzeitmedienwelt” zurück. Beispielhaft dafür sind Live-Ticker, die bei den großen Online-Portalen wie Guardian, CNN oder Spiegel das Twitter-Prinzip des Live-Internet so stark verinnerlichen, dass sie kaum noch Distanz zulassen und das Geschehen zu einem Sportereignis machen (siehe auch Libyen-Krieg). [...]
  • [...] sind und uns meistens nur für uns selbst interessieren. Sondern auch, weil die journalistischen Formate des Speicherns und Erinnerns, nicht darauf ausgerichtet sind, Komplexität [...]
  • [...] Die Print-Ausgabe des Spiegel war für das Live-Protokoll etwas zu spät. Anders als bei der Enthüllung der US-Depeschen war der Zeitpunkt dieser Aktion offenbar nicht exklusiv mit dem Wochenmagazin abgesprochen worden. Statt Bin-Laden-Tod gabs Mordswut. Nun ist man eine Woche später, aber immerhin einen Tag früher als sonst am Kiosk. Titelgeschichte: Codename Geronimo. Auch hier ist die Berichterstattung der Distanzlosigkeit des Actionfilms verpflichtet. Jeder Satz soll uns tiefer in das “unglaublich spannende” Katz-und-Maus-Spiel hineinziehen. Hier wird nichts anders als Augenzeugenschaft simuliert. Es ist als wäre man live dabei. [...]

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