• Lass die Fingerpuppen tanzen!

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    Im Auslandsjahr lernt man als Student am meisten, heißt es. Dabei ist es für Professoren und Lehrer genauso wichtig, ab und zu mal ihren Horizont zu erweitern. Die Künstlerin Nina Fischer hat mit ihrem Partner Maroan el Sani drei Jahre lang an einer Kunst-Uni in Japan unterrichtet. Neben der Sprache und Kultur haben sie vor allem gelernt, wie japanische Kids ticken.

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    Als Künstlerin lerne ich eigentlich die ganze Zeit. Erstmal setze ich mich ständig inhaltlich mit den Themen und Orten auseinander, an denen ich zum Beispiel eingeladen werde, eine ortsspezifische Arbeit zu realisieren. Ich gucke mir in dem Zusammenhang auch alle möglichen Filme zu dem Ort an, die ich verpasst habe. Ich arbeite als Künstlerin immer mit meinem Partner Maroan el Sani zusammen und in unserer Arbeit spielt das mediale Gedächtnis von Orten eine große Rolle.

    Aufnehmen und weitergeben

    Diese Weiterbildung kommt oft einem „Blitzstudium“ gleich, wenn man nicht gerade eingeladen ist, einige Monate vor Ort zu verbringen, sich Geschichte und gesellschaftliche Zusammenhänge näher anzugucken. Oft sind Orte die sich in einem Übergangszustand befinden, ein guter Weg der Annäherung. Dort manifestiert sich, was die Gesellschaft mal für Werte oder Utopien hatte, die sie nicht mehr braucht, und wie lange es dann dauert, den Ort neu zu bespielen oder neu zu definieren. Ein Beispiel ist der Palast der Republik in Berlin.

    Und dann lerne ich dauernd Sprachen. Dazu kommt dann, wie man das eigene Wissen und Wirken weitervermittelt, in Vorträgen und auch im Unterricht. Ich habe jetzt gerade drei Jahre als Associate Professorin in Sapporo unterrichtet und werde im Wintersemester wieder für 2-3 Wochen für eine Media Art Class dort sein.

    Kunst zu lehren finde ich eigentlich nicht schwer, da ich aus eigener Erfahrung schöpfen kann. Es erfordert aber eine Menge Zeit für die Lernenden, denn sie müssen Etliches ausprobieren können. Wenn es optimal läuft, sollten die Studenten viel Input, aus allen Bereichen und aus allen Epochen der Kunst bekommen. Gerade im neuen Bachelorstudium wird dafür oft die Zeit fehlen, die es braucht, um das alles zu verarbeiten und daraus eigene Positionen zu entwickeln.

    It’s Japan 2010, baby!

    In Japan kam nochmal eine besondere Herausforderung auf uns zu, denn die Studenten haben eine völlige andere Vorbildung mitgebracht, als Kunst- und Gestaltungsstudenten bei uns, was teils zu lustigen Ergebnissen führte. Kunstgeschichte wurde zum Beispiel nur partiell unterrichtet, je nach Highschool-Schwerpunkt, und im Studium sind es oft nur Einzelpositionen der klassische Moderne, die vermittelt werden, Solitäre, wie der Schrei von Munch, der sich klasse als eco-bag-Design eignet.

    Die Kunst von der Deko wieder in eine zeitgenössische Bewegung zu kanalisieren (jede Kunst war mal zeitgenössisch) und Interesse für das Revolutionäre darin zu wecken, ist die eigentliche challenge, die mit dem Input von entsprechenden Referenzen aus der Kunst und Filmgeschichte meist auch gelingt.

    Die Gefahr, das der Output der Studenten aber wieder Richtung art goods, t-shirt print oder character design geht, ist allerdings ungebrochen. Denn die japanischen Kids sind in der Welt der mangas, games, und characters aufgewachsen und somit ist es oft ihr größter Wunsch eigene Wesen und Welten zu schaffen, eigene consumer goods zu gestalten, etc.

    Da wird aus einem Kurs über „Erinnerung und Zeitebenen im Film“, in dem wir Chris Markers „La jetée“ gezeigt haben, gerne mal ein Animationsfilm mit Fingerpuppen und niedlich gezeichneten Hintergrundbildern. Die Tiere beamen die Menschen in die Zukunft (Wüste), um sie zu warnen, ja nicht die Umwelt zu zerstören. Der liebe Mensch, der dann alles macht, was das Eco-Tierchen von ihm fordert, übersieht aber seine Artgenossen, die derweil die blaue Kugel anderenorts per Bombe hochjagen. Message: Eco bringts manchmal auch nicht. Haha! Kann man so machen. It’s Japan 2010, baby!

    Gesundes Essen ist wichtig

    Wenn man an so einer Kunsthochschule unterricht, fragt man sich natürlich auch, was alles noch besser sein könnte, was die Utopie einer Kunsthochschule wäre? An diesem Ort müsste es ein ausgeglichenes Verhältnis von Input und Infrastruktur für Output geben, kombiniert mit einem Lehrangebot das permanent auch alle Techniken vermittelt, die die Studenten lernen möchten. Von analogen bis hin zu digitalen skills – neben demWissenstransfer. Und die Möglichkeiten sich außerhalb der Uni auszuprobieren. Dazu gehören auch gute Exkursionen, die in der utopischen Version von der Uni bezahlt werden, und Künstlergespräche, sowie Workshops, Ausstellungsprojekte.

    Außerdem würde der internationale Austausch eine noch wichtigere Rolle spielen: In Form von einem obligatorischen Auslandsjahr an Partneruniversitäten, aber auch mittels digitaler Techniken, Projekte mit anderen Hochschulen. Ich wünsche mir eine Uni, in der nicht das Administrative einen größeren Stellenwert einnimmt als das Lehrangebot, um die kreativen Lehrkräfte nicht so schnell zu verschleißen.

    Last but not least sollte es eine Kantine mit wirklich gutem gesunden Essen geben; da war die japanische Küche an meiner Uni in Sapporo ein gutes Vorbild. Leider wurde auch diese kürzlich eingestellt. Woraufhin ein Enquete ergab: Der Grund für die Schließung war, dass 50 Prozent der Studenten ein Bento von zuhause mitbekommen, die meisten anderen sparen lieber und kaufen im convenient shop ein Fertiggericht. Yummie.


3 Kommentare zu Lass die Fingerpuppen tanzen!

  • [...] Menschentypus wird Otaku genannt. In Japan versteht man darunter etwas mehr als die westliche Interpretation des Otaku als fanatischer Fan, [...]
  • [...] oft ist es nicht einmal nötig weit zu reisen, denn die Globalisierung und die Beziehungen in der EU bieten Schülern viele Möglichkeiten im eigenen Land Fremdsprachen [...]
  • [...] Und dann kommt der Moment, in dem sie sie verstehen, dass sie etwas verstanden haben. Das ist großartig. Im Grunde ist mir ist alles recht, was die Lehrer-Student-Hierarchie durchbricht. [...]

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