• Hyperkonnektiv – und dann? Neue Kulturen der Autonomie und Solidarität

    matsuri_tokyo_DSC03673
    Alles, was wir denken und schreiben, entsteht im Austausch mit unzähligen Menschen über Texte, Diskussionen, Filme und Events. Anders gesagt: Alles, was wir tun, ist dadurch beeinflusst, dass wir in einer hyperkonnektiven Kultur leben. Doch was bewirken wir damit? Darüber reflektiert der Netztheoretiker und Berliner Gazette-Autor Felix Stalder. Ein Essay über die Neubestimmung von Autonomie und Solidarität.

    *

    Commons, Versammlungen, Schwärme, schwache Netzwerke. Unsere Gegenwart ist von diesen neuen sozialen und gesellschaftlichen Formen geprägt. Bezogen auf die Form, die Größe und die Ausrichtung, kommen sie in einer schier unendlichen Vielfalt vor. Daraus erwächst eine Art gemeinsamer Kultur: eine Kultur der Autonomie und Solidarität.

    Autonomie lässt sich verstehen «als die Fähigkeit eines sozialen Akteurs, zum Subjekt zu werden, und zwar durch die Definition des eigenen Handelns über Projekte, die unabhängig von den gesellschaftlichen Institutionen sind und stattdessen auf den eigenen Werten und Interessen des sozialen Akteurs basieren».

    In der heutigen Zeit sind die gesellschaftlichen Akteure, die neue Räume für Autonomie schaffen, kollektive Akteure oder genauer gesagt Verknüpfungen schaffende Akteure, die die Kapazitäten von digitalen Netzwerken nutzen, um Menschen horizontal miteinander zu verbinden. Aus einer soziologischen Perspektive betrachtet, handelt es sich dabei um Akteure, die meist gut gebildet, häufig jung und im Umgang mit digitalen Medien geübt sind. Zugleich stehen sie den etablierten Institutionen, denen eine immer umfassendere Legitimationskrise droht, eher feindselig gegenüber.

    Technische Systeme als Katalysator

    Digitale Netzwerke sind ein wesentliches Element des derzeitigen Prozesses der Rekonstitution von Autonomie und Solidarität, obwohl ihre empirische Präsenz und Bedeutung von Fall zu Fall variiert. Es ist daher kein Zufall, dass viele der Werte, die man in den digitalen Technologien wiederfindet, in dieser neuen Kultur eine prominente Rolle spielen.

    Dies trägt zu einer Wiederbelebung von autonomen Ansätzen bei. Die Beziehung zwischen der Netzwerktechnologie und autonomen Bewegungen ist komplex. Viele der (nordamerikanischen) Pioniere dieser Technologien waren stark von den dezidiert nichttechnologischen Erfahrungen der amerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre beeinflusst und entwickelten technische Systeme als eine Möglichkeit, diese Werte voranzutreiben.

    Heute ist die Praxis digitaler Netzwerke ein Kernelement ihrer Neuausrichtung. Das Ergebnis ist allerdings nicht eine virtuelle, sondern eine hybride Kultur, in der die Erfahrungen mit der digitalen Kommunikation auf alle möglichen gesellschaftlichen Institutionen und Praktiken übertragen werden, einschließlich der Neuordnung des physischen Raums. Angetrieben werden diese Entwicklungen durch die sich stetig wandelnden Bedürfnissen der gesellschaftlichen Akteure.

    Charakteristisch für die autonome Kultur der Solidarität sind zentrale Werte, die in den verschiedensten Umgebungen wirksam sind, auch wenn sich die hier formulierten Forderungen und Themen im Einzelfall widersprechen mögen. Manuel Castells beschrieb diese Werte als «Vertrauen, Toleranz und soziales Miteinander».

    Diversität in Netzwerken

    Es erscheint sinnvoll, sie noch weiter auszudifferenzieren in Teilen, Kooperation, Individualität, Partizipation und Diversität. Beginnen wir die Betrachtung mit dem letzten dieser Werte. In
    Netzwerken kommt Diversität sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene zum Ausdruck. Auf der Mikroebene geht es um die Identität einer einzelnen Person. Über die Praxis des Vernetzens kann eine Person gleichzeitig in verschiedenen sozialen Kontexten präsent sein und ihrer eigenen Persönlichkeit Ausdruck verleihen durch die einzigartige Verbindung dieser im eigenen Leben verankerten Bereiche. Jeder dieser Kontexte ist partiell, und keiner umfasst die Person vollständig und als Ganzes. Deswegen wird die Identität einer Person weniger als eine essentialistische Individualität zum Ausdruck gebracht, sondern vielmehr als eine relationale Singularität. Dies eröffnet eine größere Vielfalt von Rollen und Identitäten, aber zugleich auch ein größeres Maß an Freiheit und Flexibilität, was die verschiedenen Ausprägungen angeht.

    Dies hat jedoch weder, wie in ersten Theorien zum Internet angenommen wurde, zu multiplen Persönlichkeitsstörungen noch zu einem freien Spiel verschiedener Identitäten geführt. Stattdessen haben wir es heute mit Patchwork-Identitäten zu tun, deren Bestandteile sich unterschiedlichen Rhythmen anpassen können, die den immer weniger standardisierten Lebensläufen der Menschen entsprechen. Diese Mannigfaltigkeit auf der individuellen Ebene erweitert die Kapazitäten für mehr Diversität in den kollektiven und sozialen Bewegungen auf der Makroebene. Die neuen sozialen Formen sind nicht Ausdruck in sich geschlossener Lebensprojekte, viel eher sind sie Handlungsoptionen in einer Welt mit variierendem Horizont. Sie benötigen daher keine umfassenden Ideologien und Verbindlichkeiten, sondern erfordern
    ein pragmatisches Experimentieren bei der Suche und Entwicklung von Handlungsperspektiven in bestimmten Situationen und der Berücksichtigung der Sehnsüchte, die all dies vorantreiben.

    Die aktive Förderung von Diversität dient dem Wunsch, zum einen die Isolation zu überwinden und zum anderen das Soziale neu zu begründen. Darüber hinaus ist sie eine Strategie, um das Feld für Experimente und gegenseitiges Lernen zu erweitern und damit die Grenzen einer überholten kulturellen Landschaft zu durchbrechen. Die größere Vielfalt in diesen neuen Formen von Solidarität wird durch die erweiterten Kommunika­tionsmöglichkeiten der digitalen Netzwerke, die sich selbst koordinieren, möglich. Es gibt kaum Gründe, Äußerungen zu beschränken. Kommunikation kann ungehindert auf einer Vielzahl von Plattformen, Medien und in verschiedenen Umgebungen stattfinden.

    Filter Bubble und Anonymous

    Die technischen und sozialen Möglichkeiten zum Suchen, Filtern und Auswählen von Informationen aus all diesen Quellen erlauben es den kollektiven Akteuren, nur das aufzunehmen, was für ihre jeweilige Gruppe relevant ist, und den Rest zu ignorieren, ohne diese Informationen jedoch zu unterdrücken, sodass man gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt auf sie zurückgreifen kann. So gibt es zum Beispiel eine unbekannte oder gar unbestimmbare Anzahl von Twitter-Accounts für die vielen Schwärme, aus denen Anonymous besteht.

    Viele davon, so scheint es, werden von Jugendlichen ohne tatsächlichen Bezug zu Anonymous oder von Leuten betrieben, die einfach nach Aufmerksamkeit suchen, indem sie beispielsweise solch abstruse Behauptungen verbreiten wie die, man wolle Facebook zu Fall bringen. Während die großen Medien solche Dinge gern aufgreifen und verbreiten, erzielen derartige Aufrufe keinerlei Wirkung unter denjenigen, die sich tatsächlich daran beteiligen könnten. Allerdings tut das dem Ansehen oder der Handlungsfähigkeit anderer Anonymous-Schwärme keinen Abbruch, weil erst nach der Veröffentlichung einer solchen Meldung diese dezentral gefiltert wird. Jede und jeder muss persönlich entscheiden, welche der vielen Accounts sie/er verfolgen will.

    Und dieser dezentralisierte Prozess entscheidet dann darüber, welcher davon an Bedeutung gewinnt und welcher nicht. Der gleiche Prozess findet bei der Entscheidung der NutzerInnen statt, ob und wie diese auf eine erhaltene Nachricht reagieren. Die Bedeutung eines Tweets hängt weder von der Person ab, von der er stammt, noch vom Inhalt der Nachricht, sondern liegt allein in der Reaktion, die er auszulösen vermag. Gerade dies macht es aber so schwierig, wenn nicht gar unmöglich, diese neuen Formen von traditionellen Führungsfiguren übernehmen zu lassen.

    Bei den neuen Formen der Solidarität steht tatsächlich das Mitmachen und nicht die Repräsentation im Vordergrund. Das bedeutet nicht, dass es überhaupt keine Führung gäbe, aber der Anspruch zur Führung erwächst aus der Fähigkeit, AbonnentInnen, MitstreiterInnen und ZuträgerInnen anzulocken, und löst sich auf, sobald man nicht mehr dazu in der Lage ist. Bei dieser Art der Führung geht es nicht länger um Repräsentation und die Einnahme einer zentralen Position, sondern um die Inspiration, autonom zu handeln, und die Förderung und Koordinierung solcher Aktivitäten.

    Flexible Form der Meritokratie

    Immer wieder ist die Führungslosigkeit in diesen neuen Formationen ein Thema. Hierarchische Befehlsstrukturen werden abgelehnt. Bevorzugt werden multiple, sich überlappende Strukturen, um eine horizontale Beteiligung zu ermöglichen. Die Strukturen sind auf die Erreichung von Teilzielen ausgelegt. Insgesamt herrscht eine flexible Form der Meritokratie, wobei das, was jeweils als «Leistung» angesehen wird, allerdings immer wieder neu verhandelt werden muss. Die Praxis der progressive stacks und die Vorstellungen von Verdienst und Leistung, die damit verbunden sind, sind beispielsweise ein Ergebnis solcher komplexer Aushandlungen.

    Obwohl Partizipation und Kooperation zentrale Werte dieser solidarischen Kultur sind, ist das stark ausgeprägte Gefühl von Individualität oder Einzigartigkeit jedes Mitwirkenden ähnlich wichtig.
    Der Widerspruch zwischen Individualität und Kollektivität ist inzwischen zwar nicht vollständig (auf-)gelöst, aber zumindest ein weitaus geringeres Problem als noch im 20. Jahrhundert. Die digitale Vernetzung ermöglicht und verlangt womöglich sogar die Verknüpfung von Differenzen (wie bereits erwähnt), während sie die fast unendliche und automatische Reproduktion von Gleichem befördert. Durch neue Formen der Erkennbarkeit ist es leichter geworden, aus der Masse herauszutreten und zum Individuum zu werden und umgekehrt. Der Nachteil: Maßstäbe und Details verlieren an Bedeutung, weil das Hinein- und Hinauszoomen zum Standard geworden ist.

    matsuri_tokyo_DSC03670

    Der Maßstab kann mittlerweile auf der Ebene von Details angepasst werden, abhängig vom jeweiligen Zweck, und dies nicht nur auf Karten. So wie wir ohne Probleme von der Gesamtansicht der Erde bis zur Straßenansicht herunterzoomen können, so ist es uns nun möglich, von der Lektüre eines Wikipedia-Artikels als einem einzelnen zusammenhängenden Text zu all den Änderungen und Ergänzungen, die zahllose Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten an diesem vorgenommen haben, zu wechseln.

    Gleiches gilt für die Beziehung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv, die zunehmend als die entgegensetzten Pole eines Kontinuums verstanden werden. Einzigartigkeit ist eine Vorbedingung, um in Netzwerken sichtbar zu werden. Teil eines größeren Netzwerks zu sein, ist wiederum eine Voraussetzung dafür, bestimmte Dimensionen der eigenen Persönlichkeit weiterentwickeln zu können.

    Interdependenz von Einzigartigkeit und Kollektivität

    Das Bestehen auf Privatsphäre ist in diesem Kontext keine erfolgsversprechende Strategie zum Schutz der eigenen Individualität mehr und birgt die Gefahr, eine Person unsichtbar zu machen und zu (negativer) Selbstselektion und Selbstausgrenzung beizutragen. Die neue gegenseitige Interdependenz von Einzigartigkeit und Kollektivität wird besonders sichtbar in Freie-Software-Projekten, in denen eine starke Kooperation (reagierende Kollektivität), eine intensive Statuskonkurrenz und sehr ausgeprägte Meinungen und Positionen (die die Individualität bestätigen und differenzierte Positionen innerhalb des Netzwerks ermöglichen) parallel existieren und voneinander abhängen. Alldem liegt das Prinzip des Teilens zugrunde, was man vielleicht auch als den Meta-Wert dieser Kultur bezeichnen könnte.

    Teilen bedeutet das Zurverfügungstellen einer Ressource, ohne dafür sofort oder direkt etwas zurückzuerwarten. Das unterscheidet das Teilen sowohl vom Tausch auf dem Markt, wobei immer
    Tauschäquivalente gehandelt werden (z. B. ein Gebrauchsartikel gegen Geld), als auch von Geschenken, bei denen erwartet wird, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt mit einem Geschenk von ähnlichem Wert erwidert werden, wie Marcel Mauss bekanntermaßen ausgeführt hat. Dennoch ist Teilen kein karitativer oder altruistischer Akt wie das Spenden für einen guten Zweck, das einen nicht persönlich berührt, sondern ein Akt, bei dem der Vorteil indirekt ist. Anstatt Beziehungen zwischen einzelnen Akteuren herzustellen (das heißt zwischen natürlichen oder juristischen Personen), werden Beziehungen vermehrt über kollektive Formen (wie die vier weiter oben beschriebenen) vermittelt. Das Teilen findet innerhalb dieser Formen und unter der Annahme statt, dass die Zuarbeit zum Kollektiv den eigenen sozialen Kontext erweitern wird und damit mehr Ressourcen für die Verfolgung der eigenen Ziele bereitstehen werden und diese zudem eine größere Bedeutung erhalten.

    Dem Teilen unterliegt somit eine gewisse Berechnung, aber diese ist nicht auf die individuelle Nutzenmaximierung auf Kosten anderer ausgerichtet. Als Wert drückt Teilen die Transformation der Beziehung zwischen Individuen und Kollektiven aus. Als Methode reduziert es die Transakionskosten in einem Kontext, in dem die produktiven Kapazitäten hochgradig verteilt und flexibel in Projekte eingebunden sind, die leicht zustande kommen und sich auch leicht wieder auflösen lassen. Somit stellt dies einen Weg zum Umgang mit dem eingangs beschriebenen Spannungsfeld zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und dem privaten Charakter der Aneignung der Profite dar. Denn der gesellschaftliche Charakter der Produktion kann so in den Mittelpunkt rücken, während die private Aneignung des Profits an den Rand des Systems gedrängt wird.

    Anm.d.Red.: Felix Stalder ist Keynote-Speaker bei „Slow Politics“ und gemeinsam mit Marina Sitrin (The City University of New York) auf dem Public Talks-Panel THE BIG WE, am 15. November um 14:00 Uhr. Hier das vollständige Programm der Konferenz. Dieser Beitrag bildet die Basis für Stalders Vortrag bei „Slow Politics“. Er ist ein Auszug aus seinem neuen Buch „Digitale Solidarität“, das just erschienen ist. Die Fotos im Text stammen von Krystian Woznicki und stehen unter einer Creative Commons Lizenz (cc by nc).


4 Kommentare zu Hyperkonnektiv – und dann? Neue Kulturen der Autonomie und Solidarität

  • [...] Felix Stadler betrachtet das gleiche Thema in der Berliner Gazette unter dem Gesichtspunkt der  Autonomie und Solidarität. Ob es da Gegensätze und/oder Überschneidungen gibt entscheidet Ihr nach dem [...]
  • [...] Originaltext [...]
  • Rainald Krome am 18.11.2014 11:56
    Wir müssen die Frage nach dem Sinn und Zweck unserer Mittel immer wieder neu stellen. Das ist in unserer Zeit sehr schwer geworden, da die Mittel zum Zweck selbst geworden sind. Warum drücke ich Knöpfe auf irgendwelchen Maschinen? weil die Maschinen gemacht worden sind, damit Menschen ihre Knöpfe bedienen und Programme aktivieren und bedienen. Ob das Sinnvoll ist, fragen die Menschen immer seltener. Gleichzeitig gibt es die Totallverweigerer. Die wollen die Maschinen erst gar nicht in die Hand nehmen, weil sie ihnen nicht glauben. Aber das führt auch zu nix - in einer Gesellschaft der "hyperkonnektivität". Danke für diesen Beitrag!
  • Silvia am 21.11.2014 10:08
    normalerweise bin ich dankbar für fast alles, was hier erscheint. Dieses Mal bin ich auch dankbar, aber auch ein bisschen traurig. Das Thema des Artikels ist so menschlich, aber die Sprache ist ziemlich technisch und abstrakt. Ist das wirklich notwendig? Kann man das nicht auch anders sagen?

Kommentar hinterlassen