• Kritik an Offenheit: Steht „Open“ (wie in Open Access) nicht mehr für Fortschritt?

    Offene Staatskunst

    „Open“ hat es als Schlagwort geschafft: es ist ein Wort geworden, mit dem man uns gerne vor dem Gesicht herumwedelt. Von „Open Society“, einem Nachkriegskonzept des Philosophen Karl Poppers, über emanzipatorische Bewegungen wie Open Acces ist es in den Mainstream gewandert und taucht heute in Wahlkampagnen und bei Geschäftsstrategien auf. Doch ist Offenheit überhaupt noch fortschrittlich? Ist das Prinzip noch politisch brauchbar? Kulturwissenschaftlerin und Berliner Gazette-Autorin Mercedes Bunz kommentiert.

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    Mit dem Attribut „Open“ (wie in Open Access oder Open Source) verbinden wir generell etwas Positives. Auf den ersten Blick ist das Gefühl auch berechtigt: Wenn etwas „offen“ ist, geht man davon aus, dass allen Zugang gewährt wird. Und das kommt einer gerechten und ausbalancierten Gesellschaft zugute. Deshalb werden digitale Bewegungen wie Open Access und Open Source auch als fortschrittlich wahrgenommen. Leider ist das aber erst die halbe Geschichte des Begriffes.

    Zunehmend wird der Begriff als Deckmäntelchen für Macht-Interessen genutzt: Google-Geschäftsführer Eric Schmidt kritisiert den IT-Konkurrenten Apple für seine „Kernstrategie der Geschlossenheit“. Und auf der Konferenz „Offen für Wachstum“, hielt der britische Premierminister David Cameron ein Loblied auf „Steuern und Transparenz“. Das zeigt: die Entscheider und Lenker haben das Konzept des Offenen für sich entdeckt. Da niemand was gegen „offen“ und „transparent“ haben kann, bringen sie unter dem Begriff geschickt ihre Interessen in Stellung. Offen ist also nicht nur gut.

    Eine Kritik an Offenheit

    Doch was heißt das für den Begriff? Steht „Offen“ damit nicht mehr für Fortschritt? Es ist komplizierter. Wenn Offenheit und Transparenz Verwendung als Deckmantel von Macht-Interessen findet, funktioniert der emanzipatorische Teil des Begriffes offensichtlich noch. Sonst könnte er ja nicht Deckmantel sein. Wir stehen also vor einem theoretischen Begriffs-Kuddelmuddel. Der Grund für dafür sind die heutigen neoliberalen Kräfte, die sich des Prinzips des „Offenen“ angenommen haben. Und was da passiert guckt sich der Wissenschaftler Nathaniel Tkacz in seiner feinen Studie genau an: “From open source to open government: A critique of open politics.”.

    Tkacz arbeitet sich nicht nur durch politische Theorien wie Karl Poppers Offene Gesellschaft durch, sondern beschäftigte sich auch mit der Free-Software Bewegung (GNU, Open Source), Googles Geschäftsstrategien oder den US-Wahlkampagnen der Tea Party. Er hält an dem prinzipiell fortschrittlichen Potential von Offenheit fest, aber untersucht zugleich dessen politische Schwächen und sondiert das Problem des Begriffes der „Offenheit“ wie folgt:

    “There is something about openness, about the mobilisation of the open and its conceptual allies, that actively works against making (…) closures visible.”

    Anders gesagt: Offenheit kann zur Tarnung von Geschlossenheiten und Ausschlüssen verwendet werden. Es hilft, Interessen auszublenden, die eigentlich das Gegenteil von Offenheit bilden. Eine wichtige und weitreichende Diagnose, die zeigt, dass der neoliberale Teufel im Detail steckt und man sich die Mühe machen muss, genau hinzuschauen.

    Denn Nathaniel Tkaczs Punkt ist interessant und wichtig: Offenheit ist heute auch Tarnung von Geschlossenheit. Jedoch bedeutet dies nicht, dass Offenheit für einen linksgerichteten, politischen Fortschritt unbrauchbar geworden ist. Genau: Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

    Tarnung und Fortschritt

    „Offen“ ist ein mehrdeutiger Begriff: er kann gleichzeitig eine Tarnung sein und für Fortschritt stehen. Beispielsweise sind aktuelle Experimente im Open Journalism eine überaus ambivalente Sache. Dennoch: In dem neoliberalen Chaos, in dem wir gerade leben, kann das Prinzip Offenheit trotzdem immer noch benutzt werden, um öffentlichen Raum zu schaffen – im Grunde wie es die ganzen Open-Bewegungen seit und je versuchen, von Open Access und Open Source über Open Data bis hin zu Open Knowledge.

    Zugleich hat Tkacz aber Recht, “‘open’ has become a master category of contemporary political thought” und das heißt: Wo auch immer das Prinzip als Konzept oder als Schlagwort in Erscheinung tritt, befinden wir uns im Herzen des heutigen politischen Kampfes und müssen sehen, was Sache ist. Und hoffentlich stoßen wir dann auf die richtige Seite.

    Anm.d.Red.: Die Open Knowledge Foundation (kurz OKF, deutsch: Stiftung für offenes Wissen) wurde als gemeinnützige Organisation im Jahr 2004 in Cambridge in Großbritannien gegründet und ist inzwischen eine weltweite Bewegung mit Zweigstellen und Unterstützern von Nepal über Deutschland bis hin zu Südafrika. Zwischen dem 15.-17. Juli findet in Berlin das große internationale Open Knowledge Festival statt. Das Motto: Open Minds to Open Action. Foto-Credit: Das Motiv oben wurde von Julia Schramm aufgenommen und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


7 Kommentare zu Kritik an Offenheit: Steht „Open“ (wie in Open Access) nicht mehr für Fortschritt?

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