• Der Klang des Krieges: Begegnungen im Donbass

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    Wie klingt Krieg? Und ist das, was momentan im Donbass passiert, eigentlich ein Krieg? Die Aktivistin und Journalistin Christiane Reymann hat sich auf den Weg in die Ukraine gemacht, um Spenden in ein Kinderkrankenhaus zu bringen und um sich selbst umzuhören. Eine Reportage.

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    Gibt es eine Melodie des Krieges? Wie klingt Krieg? Nach dem Krach von Detonationen, den Schreien der Flüchtenden, dem Zersplittern von Glas, dem Pfeifen von Granaten? Er kann auch völlig lautlos sein. Wie während der Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr in der ostukrainischen Stadt Gorlowka. Nicht Busse oder Autos, nicht Gespräche von Nachtschwärmern, nicht Kneipenmusik, noch nicht einmal von Nachbarn verschmelzen zu dem nächtlichen Hintergrundgeräusch einer Stadt. Es ist vielmehr unglaublich still.

    Das Leben hält den Atem an. Kurz vor fünf dann machen sich als Erstes die Hunde bemerkbar. In Rudeln heulen sie ihren Schmerz in die immer noch stockdunkle Nacht. Sie wurden zurückgelassen, als von den ehemals 250 000 ein Drittel der Einwohner ihre Stadt verließ. Sie sind vor dem Krieg geflohen. Gorlowka liegt an der wichtigen Verbindungsstraße zwischen Lugansk und Donezk und war besonders hart umkämpft.

    Besuch in Gorlowka

    Ende November 2015 hatten wir mit einer kleinen Gruppe Medikamente in das dortige Kinderkrankenhaus gebracht. Zu diesen Spenden hatten Andrej Hunko und Wolfgang Gehrcke, Bundestagsabgeordnete der LINKEN, aufgerufen. Zugleich war diese Reise für uns eine Gelegenheit, im Ukraine-Konflikt auch einmal die andere Seite wahrzunehmen aus der Perspektive der Menschen, die in einer Region leben und arbeiten, die sie selbst als Donezker Volksrepublik bezeichnen.

    Als Gorlowka 2014/15 immer wieder unter Dauerbeschuss der Kiewer Armee stand, lag das Krankenhaus direkt an der Frontlinie, Granaten schlugen mitten im Hof ein, sie versetzten dem Mauerwerk tiefe Risse, die Fenster zersplitterten, die Heizung wurde getroffen, im kaputten Dachstuhl finden wir noch die scharfen Metallteile aus Splitterbomben, jedes etwa halb so groß wie eine Streichholzschachtel.

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    Noch stehen in den Mittelgängen der Klinik die leichten Liegen und Feldbetten. Hierher konnten, wenn der Beschuss wieder einsetzte, die Pflegenden ganz schnell die Kinder bringen und mit ihren Körpern schützen. Heute werden hier auch kriegstraumatisierte Kinder behandelt. Aufgefordert zu malen, was sie sich wünschen, malen sie, was ihnen geschehen ist: Bomben, tote Menschen, Zerstörung. Das soll aufhören, kein Krieg im Donbass, Mir, Frieden. Weiter in die Normalität von Kinderträumen reichen ihre Wünsche noch nicht.

    Krieg gegen Zivilisten

    In der Stadt gibt es keine einzige militärische Einrichtung. Doch mit Artilleriegranaten, Raketen und Splitterbomben wurden alle acht Krankenhäuser beschossen, 21 der 23 Schulen, 16 von 19 KiTas und Häuserblocks in relativ dicht bebauten Quartieren. Durch Beschuss abgefackelt wurde die neu errichtete Holzkirche in Gorlowka, geblieben sind nur ihre Fundamente aus Stein.

    Symbolträchtig die schwere Beschädigung des Stadions von Schachtjor Donezk, die Donbass-Arena, eine Spielstätte bei der Fußball-Europameisterschaft 2012. Und in der mutwilligen Vernichtung der im Donezker Stadtmuseum ausgestellten kulturhistorischen Ausgrabungen durch eine ferngesteuerte Rakete sieht der ehemalige Museums- und heutige Theaterdirektor Jewgenij Denissenko einen Akt der Barbarei: „In Syrien zerstört der IS die Artefakte, bei uns die ukrainische Armee.“

    Diese Art Kriegsführung bestürzt die Betroffenen – und verändert sie. Ludmilla treffen wir vor einem Wohnhaus mit mehreren Treppenhäusern. An einer Seite haben Granaten das Dach aufgerissen, manche Balkone sind abgestürzt, viele leere Fensterhöhlen. „Wir leben nicht, wir vegetieren nur noch“, sagt die Rentnerin. Armut bedrückt sie und … Angst. Wenn die Granaten kommen, läuft das immer Gleiche ab: „Wir schnappen uns die Kinder und die nehmen auf dem Weg zum Keller keine Kleidung, keine Decken mit, nein, sie klauben so viel Spielzeug zusammen wie sie nur zu fassen bekommen“. Die Erwachsenen retten die Kinder und die retten sozusagen ihre Kinder.

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    Bis vor zwei Jahren hätte sie die Ukraine mit Zähnen und Klauen verteidigt. Aber jetzt, nach dem Krieg – das Wort sagt sie auf Deutsch – führe kein Weg zurück. Zweimal ist sie selbst verletzt worden und „ein einziges Grauen“ waren die Granaten auf den Marktplatz voll mit Ständen und Menschen. Als der Beschuss vorbei war, lagen dort abgerissene Arme, offene Köpfe, zerrissene Kinder. „Wie soll man nach all dem sagen, man liebt die Ukraine und will zu ihr zurück?“ fragt sie und weint. Sieht so eine „Separatistin“ aus?

    Völlig unerwartet treffen wir am Stadtrand von Gorlowka in einer zerschossenen Schule auf eine Gruppe älterer Frauen. In der Zeit des Dauerbeschusses hatten sie sich im Keller in Sicherheit gebracht. Erst waren sie zu dritt, dann wurden sie mehr. Wenn eine Neue zu ihnen stieß, fragten sie als Erstes: Hast du Hunger? Sie teilten miteinander etwas Brot in klitzekleinen Stücken. Sie rückten ganz dicht zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. All das erzählt Valentina in Sätzen, die einander überschlagen. Sie haben so viel durchgemacht und es war niemand da, dem sie ihre Erlebnisse mitteilen konnten.

    Für kurze Zeit, keine Angriffe: Paradies

    Valentina ist wohl die jüngste von den Frauen, die sich selbst als „Babuschki“, Großmütter, bezeichnen. Im Sommer hatten die Angriffe nachgelassen, die Frauen mussten nur noch nachts in den Keller, wenn vereinzelt Schüsse fielen. Es war, so Valentina, „das Paradies“. In diesen Zeiten haben sie sich einen kleinen Ofen selbst gemauert. Er steht in einem fensterlosen Raum von vier mal vier Metern mit vier Betten. Nebenan reichen zwei mal vier Meter für vier Betten, an den Querseiten ist unter der niedrigen Kellerdecke gerade noch Platz für halbhohe Liegen. Doch schon im November fallen Schatten auf ihr Paradies.

    Der Winter steht vor der Tür und sie haben keine Kohlen, vor allem aber hat der Beschuss wieder eingesetzt, regelmäßig. Er kommt von der anderen Seite der Demarkationslinie. Ist es die Kiewer Armee, sind es Freischärler? Weggehen wollen die Babuschki trotz alledem nicht. Sie schützen ihre Wohnungen, kleinen Häuser, sie haben doch nichts anderes. Valentina hat die Hoffnung nicht aufgegeben. „Wir haben doch friedlich zusammen gelebt, ich wollte mich nie von der Ukraine lossagen“. Jetzt sei es so, als ob zwei Menschen auf einem engen Steg aufeinander zukommen. Sie müssten sich verständigen, miteinander reden, sonst stürzen sie beide in die Tiefe.

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    Miteinander reden wird in Minsk versucht, wenigstens über Ecken und unter Zuhilfenahme menschlicher Pufferzonen, denn das direkte Gespräch mit den Repräsentanten von Donezk und Lugansk lehnt die Kiewer Regierung bis heute ab. Höchst unregelmäßig treffen sich Arbeitsgruppen zu den einzelnen Punkten des Abkommens, so zu Waffenstillstand, regionalen Wahlen, Straffreiheit für Aufständische, humanitäre Hilfe, Verantwortung der Ukraine für die Entwicklung von Donezk und Lugansk oder Dezentralisierung der Ukraine, namentlich zum Status jener „Oblaste Donezk und Lugansk der Ukraine“.

    Beide Seiten stürzen noch nicht in die Tiefe

    In allen Bereichen wird das Minsker Abkommen zwar verletzt, aber es wird noch miteinander gesprochen, in den Worten Valentinas: Beide Seiten stürzen noch nicht in die Tiefe. Sehr fragil ist der Waffenstillstand. Als wir den gespenstig zerstörten Flughafen von Donezk in Augenschein nehmen, schlägt in unserer Nähe eine Granate ein. In unserem Hotel in Gorlowka wachen wir nachts von einem lauten Knall auf. Beide Male können wir die Richtung orten. Die Geschosse kamen von der anderen Seite der Demarkationslinie. Die OSZE-Beobachtermission stellt regelmäßig Verstöße gegen den Waffenstillstand durch beide Seiten fest.

    Die Verfassungsänderung zum Status von Donezk und Lugansk hängt in der Luft, nachdem die extreme Rechte zur ersten Lesung Schießereien und gewaltsame Auseinandersetzungen in und vor dem Kiewer Parlament provoziert hatte. Der Pflicht zur sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Oblaste Donezk und Lugansk kommt die Ukraine nicht nach, sie zahlt den Menschen dort keine Renten, keine Krankenversicherung, die Wirtschaftsblockade hält sie aufrecht. Auf der russischen Seite der Grenze sind wir an kilometerlangen LKW-Schlangen vorbeigefahren. Ohne diese Lieferungen würde es den Menschen noch schlechter gehen.

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    In Gorlowka und Donezk konnten wir sehen, dass hier eine komplette Verwaltung aufgebaut wurde, die im Wesentlichen funktioniert. Bezahlt werden die Beschäftigten dafür aus Kiew nicht, sie erhalten vielmehr den Titel „Terroristen“. Das Kinderkrankenhaus von Gorlowka hatte keinen Tag geschlossen, doch seine Ärzte und Ärztinnen gelten als „Terroristen“. An den Schulen ist kaum Unterricht ausgefallen, doch die Lehrerinnen und Lehrer sollen „Terroristen“ sein. Das Theater von Donezk hat unter Beschuss den Spielbetrieb aufrechterhalten, ist deshalb sein Direktor ein „Terrorist“?

    Kurz nach unserer Abfahrt hat am 04. Dezember 2015 Alexander Hug, stellvertretender Chef der OSZE-Mission in der Ukraine, vermehrt Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen festgestellt, namentlich in der Nähe des Donezker Flughafens und Gorlowkas. An dem Tag wurde Viktoria Bondar, Krankenschwester des Kinderkrankenhauses, nahe Gorlowka von ukrainischer Seite aus mit einem Schuss in den Rücken durch einen Scharfschützen ermordet. Sie war 37 Jahre alt und hatte zwei Kinder. Frieden herrscht im Donbass nicht. Doch: Was ist die Abwesenheit von Frieden? Noch Vorkrieg? Schon Krieg? Oder Bürgerkrieg?

    Anm.d.Red.: Alle Fotos im Text wurden im Donbass aufgenommen und stammen von Reporteros Tercerainformacion. Sie stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


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