• Nach dem Hangover: Haben wir die Kraft, unseren Anspruch auf Commons durchzusetzen?

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    Wählen ist out, Demonstrieren irgendwie auch. Übrig bleibt „Slacktivism“, der Protest per Mausklick und Online-Petition. Kann das wirklich schon alles gewesen sein? Der Aktivist und Autor Andrew Boyd, der sich seit mehr als 20 Jahren engagiert, zeigt: Am Horizont politischer und ökonomischer Teilhabe blüht eine grenzübergreifende Alternative: Commons. Doch haben wir die Kraft, unseren Anspruch darauf durchzusetzen? Ein Feldbericht.

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    Commons ist heute ein Anliegen, eine Strategie und eine Sehnsucht für viele soziale Bewegungen. Das Protest-Format Reclaim the Streets hat dieses Thema besonders wirkungsvoll auf die Agenda gesetzt. Das waren Straßenfeste und große Tanzpartys, in öffentlichen Räumen oder auf umkämpften öffentlichen Plätzen. Bei den Protesten ging es ursprünglich um die Blockade von unnötigen Straßen in England. Dann wuchs die Bewegung und erweiterte ihr Spektrum. Eine gemeinsame Frage blieb: Wie erkämpfen wir uns Gemeingüter?

    Heute gibt es diese Kämpfe allerorten. Zum Beispiel: Nachdem in den Bereichen Versorgung und Transportinfrastruktur in den letzten Dekaden vieles privatisiert worden ist, besteht ein aktueller Ansatz darin, diese Einrichtungen zu Rekommunalisieren. In den Vereinigten Staaten passiert das ein Stück weit. Ein bekanntes Beispiel gibt es in Boulder, Colorado. Da wird ein großer Kampf mit dem Energieunternehmen Xcel Energy geführt. Die AktivistInnen ringen darum, die Kontrolle über das Stromsystem zurück zu erhalten. Bislang mit Erfolg. Rekommunalisierung ist nicht nur ein kluges Konzept, Dienstleistungen anzubieten. Sie ist auch demokratischer und wirtschaftlich vorteilhafter für „Durchschnittsbürger“.

    Alaska Permanent Fund wäre ein weiteres Beispiel aus den USA. In Alaska gibt es eine Menge an Öl. Anstatt alles zu privatisieren, wurde beschlossen, dass alle Einwohner Alaskas davon profitieren sollten. Das Projekt ermöglicht es, dass BürgerInnen eine bestimmte Menge an Geld aus diesen Öleinnahmen ausgezahlt werden kann. Rund 300 US Dollar pro Jahr. So etwas geschieht an vielen anderen Orten auch. Vor Kurzem erhielt ich eine E-Mail von einem Kollegen aus Goa in Indien, wo es Mineralressourcen wie Eisenerz gibt. Die Leute verfolgen dort ein ähnliches Ziel wie die Aktivisten in Alaska. Sie wollen, dass allen Bewohnern ein wirtschaftlicher Nutzen aus dieser Rohstoffgewinnung zufließt.

    Lösungsansätze zum Selbermachen

    Ich habe Commons-Bewegungen lange beobachtet und begleitet, übrigens auch im Bereich der Wissensallmende, also der so genannten immateriellen Güter: Kunst, Kultur und Wissen. Daraus sind Beautiful Trouble und Beautiful Solutions entstanden. Ersteres ein Buch, letzteres eine Initiative. Beides zielt darauf, einen Werkzeugkasten für kreativen Widerstand zu entwickeln. Dabei geht es um Protest als Kunst und Disziplin.

    Nicht nur: Wie stoppen wir die schlechten Dinge? Wie können wir uns Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung widersetzen? Sondern: Wie bauen wir eine Welt, die gerecht, demokratisch und ökologisch nachhaltig ist? Welche alternativen Institutionen sind möglich? Welche Prinzipien gibt es? Welche Werte? Wie würde diese Welt aussehen? Und wie können wir sie ins Leben rufen? Wir können nicht einfach die Regierung stürzen, und dann plötzlich eine neue Welt bauen. So funktioniert das nicht. Wir müssen sie jetzt bauen. Und wir müssen experimentieren. Lebensentwürfe aufstellen. Alternative Einrichtungen. Bessere Wege, Dinge zu tun.

    Der Übergang von Klimakrise zu Nachhaltigkeit kann ein lebendiger Beweis sein, kann Menschen überzeugen. Oder Einkaufsgemeinschaften für regionale Lebensmittel wie Foodcoops. Oder eine Rekommunalisierung der Energieversorgung. Nach dem Motto: „Hey, es gibt einen anderen Weg Dinge zu tun. Dieser sieht gut aus, fühlt sich gut an. Menschen gehen besser miteinander um, sie sind gleichberechtigt. Es funktioniert tatsächlich.“

    Die Keystone XL Ölleitung in Kanada

    Eine Foodcoop kann skalierbar sein und zu einer echten alternativen sozialen Institution werden. So etwas zeichnen meine Projekte „Beautiful Solutions“ und „Beautiful Trouble“ nach, in Form von Geschichten über Menschen, die bereits jetzt so handeln. Und warum diese Herangehensweisen erfolgreich sind, oder warum sie keinen Erfolg haben. Bestmögliche Methoden, Lösungsansätze, Theorien. Die Leute hungern nach so etwas. Sie sagen: „Yeah. Was für Lösungen gibt es? Ich möchte die Lösung in meiner Stadt, in meiner Gemeinde umsetzen.“

    Ein Beispiel, über das ich gerne rede, ist die Keystone XL Ölleitung. Da geht es um die Koch Brüder und kanadische Teersande, alles. Es gibt viele Wege, um sich gegen den Bau dieser Ölleitung zu wehren. Es gab Druck auf das Außenministerium und auf Obama. Menschen, die zivilen Ungehorsam leisteten, wurden festgenommen. Es gab auch Widerstand entlang der Strecke der Ölleitung. Menschen haben Camps errichtet. Es gab Massenverhaftungen, als die Polizei versuchte, die Menschen aus dem Weg zu räumen. Die Flächen wurden überwacht, und so weiter. Doch da gab es diese wunderbare Sache bei der „Beautiful Solutions“ und „Beautiful Trouble“ zusammentreffen. Auf einem Stück Land in Nebraska, direkt auf dem Pfad der Pipeline.

    Dort bauen Menschen eine Scheune, die mit Strom aus Solar- und Windenergieanlagen versorgt wird. Sie produziert nicht viel Strom, doch es ist eine Lösung die sozusagen Widerstand leistet. Nach dem Motto: „Wir bauen ein Beispiel der Welt in der wir leben möchten.“ Es ist eine Zukunft nach dem Ende des Kohlezeitalters, die funktionieren kann. Und wir bauen sie als einen Akt des Widerstandes gegen das weltweit schlimmste Projekt mit fossilen Brennstoffen. Wir versuchen die Ölleitung zu stoppen, und zeigen auch die Lösung auf. Wenn das beides zeitgleich passiert, ist das sehr kraftvoll.

    Bruchstücke einer besseren Welt

    Ein anderes Beispiel ist Critical Mass. Hier geht es darum, Fahrradkultur zu feiern. Eine Gemeinschaft wird aufgebaut, zwischen Menschen, die an Fahrräder glauben. Es ist eine Art von Spüren der eigenen Macht. Ein Erkennen davon, dass Straßen freundlich mit Fahrrädern fließen könnten. Critical Mass ist eine Feier und ein Akt der Macht. Aus einem „wir sind hier“ wird „wir sind auch Verkehr“.

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    Es fühlt sich so nur dann an, wenn wir in einer Gruppe zusammentreffen. Es ist eine Übung in Selbstermächtigung. Eine Art Fahrrad-Utopia, ein kleines Stück davon. Ein Akt des Widerstands ist es auch. Nun, führt diese Critical Mass zu diesem einen neuen Fahrradstreifen? Es unterstützt die Gemeinschaft unter Radfahrern. In Kopenhagen gibt es jeden Tag Critical Mass, das ist sehr schön. Niemand trägt einen Helm. Nicht wie in den USA. Man musst ein Krieger auf dem Fahrrad sein in New York.

    Mut ist gefragt, wenn alles auseinander fällt

    Kampagnen und Aktionen brauchen viel Zeit, manchmal Generationen, manchmal Jahrzehnte, manchmal Jahre. Oft, wenn Veränderungen sehr schnell geschehen, wurden sie in Gang gesetzt. Also es gibt beides, Erfolge, die nicht zu konkreten Gesetzesänderungen führen, oder viel verändern, doch allerdings zukünftige Erfolge vorbereiten. Zum Beispiel existiert in Spanien die Partei Podemos; sie hat Unterstützung in der Bevölkerung. Die Bewegung der Indignados („Die Empörten“, Anm. d. Red.) führte zur Gründung dieser Partei. Doch sind dadurch irgendwelche guten Gesetze in Spanien erlassen worden? Nein.

    Allerdings entsteht ein Aufbruch, der wirklich kraftvoll und wichtig ist. Es geht um Mobilisierung, die zu neuen Taktiken ermutigt. Eine neue politische Dimension entsteht. Das sind vielleicht wegweisende neue Spielregeln. Auch dann, wenn dadurch noch keine Gesetze geändert wurden. Es verändert die politische Debatte, und es ist ein Erwachen von Generationen. Das sind Erfolge. Es gibt unterschiedliche Arten von Erfolgen. Mir gefällt ein Zitat von Jamie Henn. Er ist Mitbegründer der Organisation 350.org und sagt: „Alles ist dabei, zusammen kommen, während alles auseinander fällt.“.

    Diese Zeilen beschreiben meiner Meinung sehr gut, wie es sich anfühlt, gerade jetzt in dieser Zeit zu leben, und in der Bewegung für Klimagerechtigkeit aktiv zu sein. Die Bewegungen erkennen, wie sie bessere Verbündete untereinander sein können. Zeitgleich bricht die Welt gerade zusammen. Der Kapitalismus zerstört den Planeten. Es ist eine spannende Zeit, es ist eine verunsichernde Zeit. Wir können nicht scheitern, dieses Mal. Wir müssen gewinnen.

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    Es ist nicht notwendig, gesellschaftliche Probleme zu lösen, um den Mut zu haben, ein lebenswertes Leben zu leben. Das große Thema, an dem ich gerade arbeite, ist die Klimakrise. Den Mut zu haben, die gegenwärtige Situation zu betrachten, ohne Täuschung, das erfordert Mut auf mehreren Ebenen. Einfach nur zu leben erfordert Mut. Und wir wissen, dass jeden Tag in der Welt schreckliche Dinge geschehen.

    Mut, um das einfach nicht als trockene Statistik zu betrachten; sondern uns vorzustellen, wie das Leben für Menschen ist, die in Armut leben. Und dann, wenn man sich die Folgen von Kapitalismus und Kohlenstoff-Emissionen anschaut; betrachtet, was das unerbittliche Streben nach Wachstum und Gewinnmaximierung um jeden Preis dem Planeten antut. Das ist entsetzlich. Also, wenn es so weiter läuft, und wir dieses Szenario jahrzehntelang durchspielen, dann hätte das katastrophale Folgen.

    Es erfordert Mut, das zu erkennen, und es erfordert noch mehr Mut, etwas dagegen zu tun. Mut, um sich trotz Unsicherheiten wohl zu fühlen. Mutig sein, um Zuversicht und Vertrauen zu entwickeln, dass wir zusammen herausfinden, wie wir Sachen anders und besser anpacken. Nicht einfach überleben, sondern zusammen ein lebenswertes Leben gestalten. Unter ganz unterschiedlichen Bedingungen.

    Nicht einfach für Menschen aus der Mittelschicht in einer kapitalistischen Großstadt. Sondern für Menschen die viel verwundbarer sind angesichts der Klimakrise. Die viel weniger Ressourcen haben, um dagegen anzukämpfen. Menschen in Bangladesch, in afrikanischen Ländern, in verarmten Gemeinden, die durch die Hurrikans Sandy und Katrina in New York getroffen wurden. Wir brauchen Mut, um offen zu sein, für die Erfahrungen anderer Menschen, die anders sind, als unsere eigenen Erfahrungen.

    Anm.d.Red.: Der Beitrag entstand auf der Basis von Fragen der Berliner Gazette-Redaktion: aufgezeichnet und übersetzt von Tatiana Abarzúa. Mehr zum Thema in unserem Schwerpunkt UN|COMMONS und in dem Buch „Beautiful Trouble – Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution“ (Orange Press). Die Fotos stammen von Krystian Woznicki und wurden September 2014 bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration in Tokyo aufgenommen. Sie stehen unter der Creative Commons Lizenz cc by nc.


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