• Tante Emma braucht die totale Kontrolle

    Ein Heer von Monitoren, die Bilder von Überwachungskameras zeigen – so kennen wir den Kontrollraum im Hochsicherheitstrakt von Staat oder Privatwirtschaft. Inzwischen ist dieser Raumtypus auch im Eigenheim oder im Tante-Emma-Laden auf dem Vormarsch. Berliner Gazette-Chefredakteurin berichtet aus einer nordbrandenburgischen Kleinstadt.

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    Der renovierte Altbau ist dreigeschossig. In ihm sind zwei Geschäfte, eine Wohnung und ein Zimmer zum Vermieten untergebracht – letzteres für Schüler des lokalen Oberstufenzentrums. Parterre befindet sich die Tabakbörse, die Frau Michel gehört. Sie ist die Tochter von Frau Kolbe, die die Videothek „Movieline“ im ersten Stock betreibt. Um in die Videothek zu gelangen, muss eine Holztreppe erklommen werden, die sich U-förmig das Treppenhaus hinaufschlängelt.

    Oben angekommen, betritt man zunächst einen kleinen Vorraum – dort werden alle Playstation und X-Box-Spiele präsentiert, die Frau Kolbe im Programm hat. Auf der rechten Seite befindet sich der Eingang zur Videothek. Im Türrahmen sind auf der einen Seite die aktuellen DVD-Charts angebracht, auf der anderen Seite hängt ein weißes A4-Blatt: Dieses Geschäft wird videoüberwacht! Diebstähle werden zur Anzeige gebracht usw. usf.

    Im Kopf des Dschinnis aus Disneys Aladin

    Wer den Türrahmen durchschreitet, betritt die Videothek. Auf der rechten Seite zieht sich eine L-Förmige Theke durch den Raum, hinter die man durch einen kleinen Einlass gelangt. Der Raum hinter dieser Theke ist das Zentrum der Videothek. Hier befinden sich die Kasse und der Computer (auf der kurzen Seite des L – also weit im Raum), der CD-Spieler, der Fernseher, DVD- und Videogerät.

    Frau Kolbe benutzt all diese technischen Geräte, um den Laden zu koordinieren, zu organisieren und um ihn zu kontrollieren. Sie hat verschiedene Kameras anbringen lassen. Eine befindet sich direkt über dem Türrahmen. Die Kamera ist versteckt in dem Kopf des Dschinnis aus Disneys Aladin, dessen Abbildung sich auf einer Wanduhr befindet. Die Kamera bietet quasi Blick auf denjenigen, der hinter der Theke steht.

    Frau Kolbe hat diese Kamera jedoch nicht angebracht, um sich selbst zu beobachten, sondern um die Arbeitsstunden ihrer Angestellten (Schüler aus der Oberstufe) aufzuzeichnen und ggf. Verstöße zu ahnden. Die Kamera gewährt Einblick in einen Raum, über den sie – oder die Angestellten – sowieso die totale Übersicht haben. Die zweite Kamera befindet sich im hintersten Raum der Videothek, dem „Ab -18 – Bereich“. Diesen Bereich kann Frau Kolbe vom Tresen aus wirklich nicht einsehen – doch zu klauen gibt es in dem Zimmerchen eigentlich auch nichts, außer die leeren Cover der Porno-, Splatter- und Horrorfilme.

    Die dritte Kamera befindet sich unten in der Tabak-Börse. Wenn Frau Michels mal nicht da sein sollte und ihre Lehrlinge sich allein unten im Laden befinden, dann kann Frau Kolbe mit der Kamera überwachen, ob auch wirklich gearbeitet wird. Sollten die Auszubildenden rumstehen, quatschen oder gar Zeitungen aus dem Regal lesen, dann sieht sie das auf ihrem Bildschirm und wählt auf ihrem Telefon sofort die „12“. Über die hausinterne Leitung lässt sie das Telefon im Tabakladen klingeln und fragt eingeschüchterte Auszubildende: „Haben Sie denn gar nichts zu tun?“

    Die vierte Kamera ist in Planung. Sie soll über dem Eingang zur Straße hin angebracht werden, weil es in letzter Zeit vermehrt Schmierereien an der Eingangstür gab. Durch stundenlange nächtliche Videoaufzeichnungen sollen jugendliche Vandalen überführt werden.

    Leben im Kontrollraum

    Die Kabel aller Kameras laufen an einem zentralen Ort zusammen: Hinter Frau Kolbes Theke oben in der Videothek. Dort befindet sich der kleine Fernseher, auf dem sie zwischen den verschiedenen Kanälen ihrer Videoüberwachungsanlage hin und her zappen kann. Überhaupt verbringt sie ziemlich viel Zeit hinter dieser Theke. Der PC dort verfügt über den einzigen Internetzugang im ganzen Haus und sie hat einen rückenschonenden Stehstuhl, der ihr die langen Arbeitszeiten erleichtert. Im Grunde ist alles so eingerichtet, dass sie diesen Ort niemals verlassen muss.

    Frau Kolbe verbringt an diesem Ort ihren Tag, von morgens um acht bis abends um zehn. Sie isst dort (Aufgewärmtes aus der Mikrowelle, manchmal auch Bestelltes vom Italiener), sie treibt dort ihren Sport (vorwiegend das Stemmen handlicher Hanteln), sie pflegt dort ihre sozialen Kontakte, sie telefoniert, sie arbeitet, sie surft im Internet, checkt Mails, erledigt Bankgeschäfte.

    Vor allem dient ihr der Raum hinter der Theke, den ein Kunde übrigens nie betreten darf, dazu, den Verkauf ihres Restbestandes an Videokassetten zu koordinieren. Um nicht auf ihrem Altbestand an Kassetten sitzen zu bleiben, hat sie ein kleines eBay-Geschäft aufgebaut. Auch dafür befindet sich das ganze Equipment quasi hinter der Theke. Es gibt eine Digitalkamera, mit der sich die Cover der Videos abfotografieren lassen, die dann sofort am PC mit Photoshop bearbeitet werden, danach wird eine Kurzbeschreibung des Films verfasst und das ganze bei eBay eingestellt. Nach erfolgreicher Versteigerung wird auch der Versand der Ware von hier aus geregelt.

    Natürlich kann es in einer Videothek auch zu unschönen Situationen kommen: Betrunkene, die Ärger machen, gibt es nach neun Uhr Abends zuhauf. Doch auch auf diese Situation ist Frau Kolbe hinter ihrer Theke eingestellt: Sie hat dort an einem geheimen Ort ein Pfefferspray liegen. Wenn man den ganzen Tag an ein und demselben Ort verbringt, dann darf es auch an privaten Dingen nicht fehlen. Neben unzähligen Kosmetikprodukten wie Cremes, Tüchern, Tuben, Parfums, liegen auch Fotos hinter der Theke, die aus Frau Kolbes Privatleben stammen. Das intimste unter ihnen ist das ihrer Katze „Maxi“.

    Endstation Unterhaltung

    Frau Kolbe hört sich dort oben auch die ein oder andere Klassik-CD an (direkt über der Anlage befindet sich übrigens der Sicherungskasten, von hier aus kann Frau K. im ganzen Haus den Strom abstellen), und schaltet auf dem Videoüberwachungsmonitor auch mal auf ihr privates DVD-Menü oder in das normale Fernsehprogramm. Sie lässt es sich nicht entgehen, auch mal bei „explosiv!“ oder „GZSZ“ hineinzuschauen.

    Nachrichtensendungen erreichen Frau Kolbe hier ebenfalls. Neuste Meldungen von der Front: Damaskus, Bagdad, Rangun. „Ach, die schießen sich doch eh nur die Köpfe ein!“, sagt sie, wird aber von den blinkenden Infotainment-Angeboten doch in den Bann gezogen. Gern erinnert sich Frau Kolbe daran, als Global Security parallel zum Release von „Black Hawk Down“ (Ridley Scott, 2002) Satellitenbilder ins Netz stellte, die die Route der folgenschweren Operation von 1993 rekonstruierten.

    Ist der lange Arbeitstag vorbei, kann auch Frau Kolbe endlich den Platz hinter der Theke verlassen. Sie hat aber auch schon öfter darüber nachgedacht, einfach dort zu schlafen. Oft brauchen sie ihre Hilfe unten im Laden schon in den frühen Morgenstunden. Da lohnt es sich fast gar nicht mehr nach Haus zu gehen. Wenn sie dann doch geht, dann darf sie auf keinen Fall vergessen, die Alarmanlage scharf zu machen.

    Anm.d.Red.: Alle Namen im Text sind geändert worden.Das Foto oben stammt von obeck und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


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