• Konstruktion des Skandals: Massenmediale Enthüllungen und die Inszenierung der Gefühle

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    Skandale haben einiges mit Blockbustern gemeinsam. Sie ziehen die Aufmerksamkeit der Massen auf sich, insbesondere wenn private Details ausgestellt und im Zuge dessen große Gefühle wie Mitleid oder Empörung provoziert werden. Der Regisseur und Autor Christoph Hochhäusler dekonstruiert in seinem neuen Film „Die Lügen der Sieger“ diesen Erwartungsraum. Hier teilt er seine Überlegungen zum Thema. Eine Suchbewegung.

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    Wir trafen uns in seinem Charlottenburger Penthouse. Neunziger-Jahre-Schick mit einem Hang zur maritimen Metapher. „Auf Deck”, mit Blick über das Häusermeer Berlin, unterhielten wir uns über seine Zeit als Cheflobbyist eines großen Chemiekonzerns.

    Eines Tages habe man der Geschäftsführung gesteckt, dass ein großes deutsches Nachrichtenmagazin eine Titelstory plane über ein Produkt des Hauses: ein (weit verbreitetes) Lösungsmittel, das irreversible Hirnschäden verursache. Er, der Mann mit den guten Verbindungen in den Journalismus, sollte dafür sorgen, dass die Story nicht erscheint.

    Ich folge hier ganz seiner Erzählung. Er sagte, er habe den Vorstand letztlich „gegen erheblichen Widerstand” von einer Intervention abgebracht. „Warum?” Er: „Weil wir sonst selbst zur Story geworden wären.” Was in jedem Falle schlechter sei.

    So oder so, der Artikel erschien – und nichts geschah. Es wurde kein Skandal daraus. Es gab keine Konsequenzen. Warum nicht? Neben der verschwörungstheoretischen These, der Konzern habe am Ende doch „Schadensbegrenzung” betrieben, gibt es viele mögliche Erklärungen. Andere Themen zum Beispiel, die der Enthüllung nicht genug „Sauerstoff” gelassen haben. Oder ein Mangel an bekannten Personen, die man hätte zurücktreten sehen wollen. Vielleicht auch die Tatsache, dass die Gehirngeschädigten nicht in der Lage waren, sich zu organisieren.

    Zufall, Manipulation oder Verschwörung?

    Ein investigativer Journalist, mit dem ich bekannt bin, hat mir von einem ähnlichen Fall erzählt, mit umgekehrter Stoßrichtung. Nachdem der Bestseller eines deutschen Pharmakonzerns (nach dessen Darstellung) von der US-Konkurrenz „abgeschossen” worden war – lancierte Gerüchte um gefährliche Nebenwirkungen führten zeitweise zum Entzug der Zulassung – wollte man es dem US-Multi mit gleicher Münze zurückzahlen.

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    Mein Bekannter, dessen journalistische Reputation tadellos ist, wurde angefragt, ob er – für eine erhebliche Summe – eine Geschichte gegen Medikament X der Konkurrenz schreiben wolle. Die „unabhängige medizinische Untersuchung” über eine Serie von Komplikationen würde man ihm zur Verfügung stellen. Er hat abgelehnt. Meines Wissens hat die „Revanche” nie stattgefunden. Zufall, Manipulation oder Verschwörung? Das ist völlig offen.

    Oder die Geschichte vom Chef einer kleinen Interessenvertretung in Berlin, der sich einen Vorsprung verschaffen wollte, indem er den IT-Betreuer eines Ministeriums bestach. In Folge hatten er und seine Lobby-Organisation über viele Monate hinweg Zugriff auf den gesamten Datenverkehr der Behörde: erste Skizzen für neue Gesetze konnten sie ebenso lesen wie die Emails mit den Wünschen und Sorgen wichtiger Beteiligter. Als er über die Bande der Presse bestimmte Pläne „vorausschauend” in Misskredit bringen wollte, wurde sein Wissensvorsprung auffällig, er flog auf.

    Drei Momentaufnahmen der Berliner Republik, die mir auf meiner Recherche begegnet sind. Der letztgenannte Fall betraf übrigens die Apotheker-Lobby, die das Gesundheitsministerium angezapft hatte. Aber auch daraus wurde kein „richtiger” Skandal. Das Gesundheitsministerium hatte kein Interesse an der Skandalisierung. Nicht einmal das IT-Unternehmen wurde ausgetauscht. (Die anderen Geschichten kann ich an dieser Stelle nicht mit Klarnamen versehen; ich bin kein Journalist, bin den Geschichten nicht nachgegangen, habe meinen Quellen versprochen, nichts direkt zu verwenden).

    Logik des Skandals

    Was die Beispiele zeigen: ein Skandal ist nur möglich in einer gut gepflegten Erwartungslandschaft. Anstößig ist, was Erwartungen verletzt, gegen „die guten Sitten” geht. Und ein Skandal hat auch immer mit der Lust des Publikums zu tun, sich zu empören. Eine Figur, die stolpern oder fallen soll, muss zuvor in intimen Details anschaulich werden, damit uns die Sache angeht. Ohne Personalisierung keine Gefühle. Ohne Serialisierung pikanter, obszöner Details keine anhaltende Aufmerksamkeit.

    Der Fall des Bundespräsidenten Wulff belegt das eindrücklich. Die Gründe für seinen Rücktritt waren vielfältig, aber die Affäre wäre undenkbar ohne Wulffs zahlreiche mediale Flirts im Vorfeld: er suchte das Rampenlicht in Home-Stories und wurde mit dem Publikum „intim” – erst dadurch wurde sein Sturz zum Spektakel. Auch schien sein Umgang mit den Nachforschungen „verdächtig”.

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    Er hat versucht, direkt Einfluss auf die Medien auszuüben – die berühmte Nachricht auf Kai Diekmanns Mailbox – und ist damit selbst zur Story geworden. Es befeuerte den Eifer der Medien, dass die Geschichte beim Publikum gut ankam. Das ganze Land war emotional involviert, empörte sich. Ganz weit unten auf dieser Liste der Gründe: die eigentlichen Vorwürfe selbst.

    Das zeigt: Es sind gerade die Unterhaltungswünsche des Publikums, die Skandale anfällig für Inszenierungen machen. Kein Zufall also, dass öffentliche Meinung und filmische Erzählung viel gemeinsam haben. Hier wie dort muss die Überraschung, der Regelverstoß oder der Skandal im etablierten „Raum der Erwartung” passieren.

    Mann ohne Eigenschaften

    Interessant in diesem Zusammenhang ist der Fall Edward Snowdens. Seine überlegt platzierte Serie von Enthüllungen, aufbereitet und veröffentlicht von einigen der renommiertesten (oder reichweitenstärksten) Medien der westlichen Welt, hält nun schon zwei Jahre an. Gleichzeitig hat Snowden dezidiert gegen die Skandalisierung seiner Person gearbeitet und sein Privatleben sowie seine persönliche Innenwelt abgeschirmt. Im Zuge dessen ist Snowden bis heute für das Publikum eine Art Mann ohne Eigenschaften geblieben – trotz zahlloser Portraits und Filme, darunter auch Laura Poitras’ „Citizenfour“, in gewisser Weise Snowdens Selfie-Film. Seinem Anliegen hat dies nur bedingt genutzt.

    Die vermutlich größte öffentliche Beteiligung löste das persönliche Schicksal Snowdens aus, solange der Krimi um seinen Aufenthaltsort andauerte. Aber die ganz große Betroffenheit blieb aus: Weder Snowden als kontroverse Figur (Held oder Verräter?), noch seine Erkenntnisse über die umfassende, anlasslose Überwachung durch die NSA sind zum Skandal geworden, der die Massen bewegt.

    Brauchen wir Skandale zur Emotionalisierung und Personalisierung abstrakter Probleme? Hätte Snowden mehr erreicht, wenn er sein persönliches Drama stärker in den Vordergrund gestellt hätte, wenn er Home-Storys gemacht hätte? Oder hätte man den Opfern der NSA Gesichter geben müssen? Hätte man konkrete Fälle der Missbrauchs schildern müssen, um die Relevanz des Themas anschaulich zu machen?

    Hygienische Funktion

    Vielleicht eine gute Gelegenheit, an Jean Seberg zu erinnern. Die US-amerikanische Schauspielerin, Ikone der Nouvelle Vague und vor allem bekannt für ihre Rolle in Godards „Außer Atem”, wurde in den 1960er und 70er Jahren vom FBI überwacht. Man hielt ihren Umgang mit linken Aktivisten für potentiell gefährlich und lancierte deshalb das Gerücht, ihre zweite Schwangerschaft sei das Ergebnis einer ausserehelichen Affäre mit einem befreundeten Black-Panther-Mitglied.

    Diese Kampagne, gespielt über Hollywood-Klatschblätter, setzte Seberg der geballten Doppelmoral der US-amerikanischen Öffentlichkeit aus. Im siebtem Monat schwanger, verlor sie ihr Kind im August 1970, das Frühchen starb zwei Tage nach der Geburt. In beispielloser Rücksichtslosigkeit hat man den – weißen – toten Säugling dann vielfach fotografiert und die Bilder veröffentlicht.

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    Seberg hat sich von diesem Angriff auf ihr Privatleben nie ganz erholen können. Ihre Ehe wurde geschieden, ihre Karriere kam aus dem Tritt. Sie soll mehrmals versucht haben, sich am Todestag des Kindes umzubringen. 1979 dann starb sie unter nie ganz geklärten Umständen, höchstwahrscheinlich durch Schlaftabletten, in Paris.

    Seberg wurde Opfer eines inszenierten Medien-Skandals. Ihr Fall folgt der Logik der Überwachung. Seberg hatte „nichts zu verbergen”, aber die Kenntnis ihrer privaten Entscheidungen hat die Überwacher in die Lage versetzt, die Öffentlichkeit punktgenau zu manipulieren. Ich bin mir sicher, dass Snowden (oder Poitras, Greenwald und Co.) solche Exempel aus der Werkstatt des NSA finden und dokumentieren können. Und gut möglich, dass aus ihren Enthüllungen dann noch ein richtiger Skandal werden kann. Dass es zu einer breiteren öffentlichen Empörung kommt. Doch was dann? Wie nachhaltig sind eigentlich öffentliche Gefühle?

    Skandale, so viel ist klar, sind nicht automatisch „gute Skandale”, im Sinne der hygienischen Funktion, die ihnen so oft bescheinigt wird. Eher beschreiben sie den Wunsch des Publikums nach einer „Vorführung” öffentlicher Figuren. Wer will mehr? Mehr als die Demontage gewählter Volksvertreter oder prominenter Persönlichkeiten? Mehr als Empörung und starke Gefühle? Mehr als ein bisschen gute Unterhaltung?

    Anm.d.Red.: Christoph Hochhäuslers Film Die Lügen der Sieger (Kinostart: 18. Juni) versammelt u.a. Florian David Fitz und Lilith Stangenberg als Enthüllungsjournalisten vor der Kamera und erzählt das Scheitern einer großen medialen Enthüllung. Lesen Sie dazu in der Berliner Gazette Dekonstruktion der Enthüllung. Der Laura Poitras-Film „Citizenfour“ ist soeben auf DVD und bluray erschienen. Die Bilder im Text stammen aus dem Film „Die Lügen der Sieger“ (© 2015 NFP* marketing & distribution. Alle Rechte vorbehalten. made by novagraphix).


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