• Feminismus im Softporno-Modus: Roland Rebers Film „Engel mit schmutzigen Flügeln“

    Roland Rebers Film „Engel mit schmutzigen Flügeln“ versucht den Spagat zwischen Feminismus und Soft-Porno. Kann das gutgehen? Berliner Gazette-Autor Anton Scholz schaut genau hin.

    „Ich bin eine verlogene, geile Schlampe“, zu dieser Einsicht kommt Lucy in dem Film Engel mit schmutzigen Flügeln. Lucy ist ein Engel. Sie ist auch eine Frau in ihren 40ern, die versucht, zu sich selbst zu finden. Gespielt wird sie von Antje Nikola Mönning, bekannt als Nonne aus der ARD-Serie „Um Himmels Willen“. Von der Nonne zum Sexstar – das ist der BILD eine Schlagzeile wert.

    Man könnte den Film in die Softpornoabteilung stellen, mehr als ein pseudo-feministisches Machwerk scheint er auf den ersten Blick nicht zu sein. Wenn es nicht diese bemerkenswerten Dia- und Monologe gäbe. „Ich ficke, also bin ich“, sagt Lucy. Zuvor hatte sie sich ihr Leben lang moralische Ausreden dafür einfallen lassen, warum sie ist wie sie ist. Sie hat sich Liebe eingeredet, um ihre Lust ausleben zu können.

    Auf dem Weg vom reinen zum schmutzigen Engel lässt Lucy sich nackt vor Jesus am Kreuz fotographieren. Sie will raus aus dem Himmel, wo es durch die göttlichen Gebote todlangweilig geworden ist. Sie will auf die Erde, um sich von einzwängender Moral frei zu machen und um sich dort zu beschmutzen. Nur das sei wahres Leben. „Menschen sind kastrierte Engel“, sagt sie. Sie finden nicht zu wahrer Liebe, weil sie unfrei sind. Sie können nicht dazu stehen, wer sie wirklich sind.

    Das Gefängnis der Moral

    Man kann den Film als künstlerisches Gegenstück zu Wilhelm Reichs „Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“ sehen. Die menschliche Sexualität ist durch Moralvorstellungen belastet. Diesen Umstand hat Regisseur Reber genutzt, um auf die immer noch sehr starken und unterdrückenden gesellschaftlichen Konventionen aufmerksam zu machen, die dazu führen, dass man im Spiegelbild immer jemand anderen als sich selbst sieht. Als Leitmotiv dafür ist im Film wiederum der wiederkehrende Gesang „Ich kenn‘ alles bis auf Punkt und Strich/nur eines nicht, und das bin ich, ich, ich.“ zu hören.

    Das Thema ist derzeit mal wieder in aller Munde. Kürzlich titelte beispielsweise die ZEIT: Sexualität und Moral. Dabei ging es um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Nimmt man den Film ernst, so fragt man sich, ob nicht nur die Kirche, sondern tatsächlich die ganze Gesellschaft von der als göttlich gegebenen Moral auf gewisse Weise vergiftet ist.

    Als Independent-Film kann „Engel mit schmutzigen Flügeln“ sich eine radikale Bildsprache erlauben, die anfangs stark irritiert. Doch ohne die schamlosen, andauernden Sexszenen hätte man die Problematik nicht so eindrucksvoll schildern können. Wer in dem Film einen Skandal sehen will, der verkennt den wertvollen Inhalt und ist schon voll vereinnahmt von genau der Art von Moral, gegen die der Film sich wendet.


10 Kommentare zu Feminismus im Softporno-Modus: Roland Rebers Film „Engel mit schmutzigen Flügeln“

  • Ich bin auch eine verlogene geile Schlampe ;) durch dieses Eingeständnis auch gleich ein Engel mit schmutzigen Flügeln?
  • Joerg Offer am 21.03.2010 18:12
    Klingt interessant, wir sollten uns kennenlernen...
  • Rafik am 21.03.2010 20:43
    Sollte man da die Mißbrauchsfälle in der katholischen tatsächlich in diesen Topf werfen?
  • In den Kritiken kommt der Film ja eher schlecht weg - wie bist Du denn darauf gekommen, Anton?
  • Anton am 22.03.2010 09:49
    @Rafik: Was heißt in diesen Topf werfen? Die Mißbrauchsfälle sind halt Präzedenzbeispiele dafür was passieren kann, wenn Sexualität mit moralischer Oppression überladen wird. Und genau das ist die Parallele zum Film.
    @Lena: Was meinst du, worauf bin ich gekommen? Dass der Film entgegen anderer Kritiken gut ist?
  • Das Thema der falschen Moral ist in dem Film schon echt gut aufgegriffen und bringt den Zuschauer dazu sich von Beginn an konfrontiert zu sehen, aber man stellt sich da automatisch auf Glatteis will man die sexuelle Freiheit einer Frau thematisieren und ich finde nicht dass dieser Weg nicht immer gleich zwangsläufig darüber führen muss die Darstellerin im Puff mit Dildo in der Hand anzusiedeln. Und an sich, macht einen die 08/15 Bildsprache in dem film irgendwann auch nur noch kirre, was eigentlich echt schade ist angesichts der interessanten Fragen die hier aufgeworfen werden. Aber perfekt für ein erstes date vielleicht..:-)
  • netzprofi am 22.03.2010 14:15
    Boah, auf so ein erstes Date möcht ich ja mal eingeladen werden. Wenn ich ne Lady ausführe, dann heißt es immer nur: Romantische Komödie, kein Fummeln...
  • Nee ich meinte wie Du überhaupt von dem Film gehört hast!
  • [...] Nonne drängt sich an mir vorbei, schmeißt sich auf die Knie und lässt zehn kleine Holzkreuze, noch in [...]
  • [...] Nonne drängt sich an mir vorbei, schmeißt sich auf die Knie und lässt zehn kleine Holzkreuze, noch in [...]

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