• Netzwerke lesen: Wer hat in der Fukushima-Debatte die lauteste Stimme im Internet?

    Die Dreifachkatastrophe vom 11. März vergangenen Jahres hat im Internet eine schier unüberschaubare Gemengelage von Stimmen hervorgebracht: staatliche vs. zivilgesellschaftliche Quellen. Der Medienwissenschaftler Jean-Christophe Plantin hat sie untersucht und seine Analyse in einer Karte (Detail oben) visualisiert. Hier fasst er seine soeben abgeschlossene Studie zur Online-Debatte über Fukushima zusammen.

    *

    Die Freisetzung von radioaktiver Strahlung nach der Explosion von verschiedenen Reaktoren am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi hat in der digitalen Zivilgesellschaft verschiedene Aktionen ausgelöst: offizielle Daten wurden geschabt („scraping“) und verfeinert, um strukturierte Daten zu publizieren, Strahlungswerte wurden mit Geigerzählern überwacht, Daten-Visualisierungen und Karten wurden erstellt, um einen alternativen Blick auf die Strahlung in Japan zu ermöglichen.

    Beziehen diese gescrapten Daten und alternativen Strahlungskarten eine besondere Position im Internet? Welchen Platz nehmen diese Akteure im “Online-Issue-Network” (Rogers & Marres) über die Post-Fukushima-Strahlung ein? Sind sie als Lieferanten von ganz spezifischen Daten und Informationen aufgetreten und haben andere Akteure in der Debatte versorgt?

    Eine Analyse und erste Ergebnisse

    Um die Position der alternativen Online-Stimmen zu analysieren, ist es notwendig, zuerst ein großes Bild von der Online-Debatte herzustellen. Die zentrale Frage lautet: Wie sieht die Geografie der Online-Debatte über die Strahlung aus? Die Karte unten (hier groß) liefert ein derartiges großes Bild: Jeder Punkt ist eine Website, die an der Debatte über Strahlung teilgenommen hat. Allen Beteiligten ging es darum, die Art und Weise, den Standort und die Höhe der Strahlung zu reflektieren, zu diskutieren oder festzustellen.

    Meine Analyse hat ergeben, dass die Online-Diskussion über Post-Fukushima-Strahlung augenscheinlich von offiziellen Quellen dominiert wird. Das sind vor allem die blauen Punkte auf Karte, um die sich Communities bilden, die ausschließlich auf offizielle Quellen verlinken. Auf der anderen Seite der Kontroverse weisen die zivilgesellschaftlichen Akteure ebenfalls Praktiken der gegenseitigen Vernetzung auf, um das Web-Territorium zu besetzen.

    Netzwerke von Akteuren, die Daten und Informationen mit dem Geigerzähler zusammentragen, bilden einen eigenen Bereich. Es bestehen enge Beziehungen zwischen Anbietern, Veredlern und Karthographierern von Daten. Sie können sogar eine Einheit bilden, wie bei SafeCast. Anders gesagt: Die Daten-Lieferanten sind auch gleichzeitig die hauptsächlichen Konsumenten dieser Daten. Das hat wiederum zur Folge, dass in sich geschlossene Netzwerke auf der Basis von Beziehungen und Hyperlinks entstehen.

    Doch die betrachteten Websites und die zusammengetragenen Strahlungsdaten haben keinen “Empowerment”-Prozess hervorgerufen. Sie haben also nicht dafür gesorgt, dass alternative Positionen innerhalb der Debatte gestärkt werden und diese vielleicht sogar mit den offiziellen, nach wie vor dominanten Quellen in ernsthafte Konkurrenz treten.

    Was nicht unter den Tisch fallen sollte

    Ich habe das Web zu diesem Thema im August 2011 durchsucht und analysiert. Bekanntlich ist das Internet ein sehr schnelllebiges Umfeld. Die Online-Topologie dieses Problems dürfte heute eine andere sein.

    Fukushima ist noch immer eine „hot controversy“ (Venturini) und die öffentliche Debatte über die Folgen von Fukushima geht weiter. Meine Karte sollte als eine Momentaufnahme der Online-Situation aus der besagten Zeit verstanden werden – und nicht als abgeschlossenes Bild.

    Diese Karte berücksichtigt lediglich die Praxis des Hyperlinkings, während Einzelpersonen und Gruppen auf andere Formen der Kommunikation und Veröffentlichung von Informationen und Daten zurückgreifen. Formen, die sich nicht in einer solchen Karte wiederfinden (z.B. die Teilnahme an einer Google-Gruppe). Darüber hinaus werden hier die vielen Offline-Aktionen nicht berücksichtigt, die die digitale Zivilgesellschaft in Sachen Post-Fukushima-Strahlung beflügelt und ergänzt haben. All das müsste in Rahmen einer Feldforschung untersucht werden.

    Anm.d.Red.: Der Verfasser des Beitrags hat in seinem wissenschaftlichen Blog eine ausführlichere Version seiner Ergebnisse veröffentlicht. Dort finden sich Details zu den Methoden, Technologien, aber auch weitere Grafiken und Listen von Webseiten und Akteure. Dieser Beitrag findet sich hier. Eine frühe Version dieser Studie wurde bei der “Berliner Gazette”-Konferenz Learning from Fukushima vorgestellt.


7 Kommentare zu Netzwerke lesen: Wer hat in der Fukushima-Debatte die lauteste Stimme im Internet?

  • sehr aufschlussreich, insbesondere im hinblick auf die macht der offiziellen quellen und die ohnmacht der aktivisten - hätten sie keinen offline-support oder neue wege der vernetzung und kommunikation.
  • [...] (12/03/2012): a shorter version of this blog post was published on the online journal Berliner Gazette as part of their great thema: Fukushima / 11 März; they [...]
  • Rainald Krome am 14.03.2012 08:33
    "Diese Karte berücksichtigt lediglich die Praxis des Hyperlinkings, während Einzelpersonen und Gruppen auf andere Formen der Kommunikation und Veröffentlichung von Informationen und Daten zurückgreifen. Formen, die sich nicht in einer solchen Karte wiederfinden (z.B. die Teilnahme an einer Google-Gruppe)."

    Diesen Punkt kann man nicht stark genug betonen...

    Das Internet wird heutzutage von großen sozialen Netzwerken "okkupiert". Diese sind meistens geschlossenen, also nicht Teil der Hyperlink-Struktur.

    Man kann zwar von Twitter und Facebook aus ins Netz linken aber nicht umgekehrt. Bzw. nicht ohne Schranke.

    Twitter wird in Japan (gerade während der Katastrophe) extensiv genutzt - man sagt, weltweit am stärksten.

    Facebook ist nicht nur Katalaysator von Revolutionen sondrn auch von Hilfe bei Katastrophen...
  • BG Redaktion am 14.03.2012 10:19
    @#3: Wir haben dazu in dem Fukushima Dossier auch einige Beiträge, die diese Einschätzung durchaus belegen, zum Beispiel der Beitrag “Facebook und Twitter sind meine Rettungsanker.”

    http://berlinergazette.de/japan-erdbeben-lagebericht-twitter-facebook/
  • nadja auermann am 14.03.2012 15:36
    ist so eine Analyse ohne Sprachgrenzen möglich? ich meine, die japanische Sprache der offiziellen Quellen und dann ein paar englischsprachige Websites der offiziellen Quellen - muss man da nicht unterscheiden und differenzieren, wenn es um die Dichte der Netzwerke geht?
  • @nadja auermann : there is obviously a language issue in this study, thanks for highlighting that. However, what I meant to show is not that the geiger sphere is the opposite of the official sources: in the fact, lots of alternative maps were actually using governmental data, but after having scraped-refined them or fact-checked them by layering geiger counter data.

    If there is an opposition to the official sources, it is rather to be found in the (japanese) civl society, which is not as important as the official websites, numerically and cluster-wise, but which occupies a fait significant position in the debate, not to speak about the everyday offline actions organized by grassroots japanese organisations, not shown in this graph.

    My main point was rather to say that the possibilities to publish online alternative data does not necessarily mean that you are going to be heard, nor that you are going to take part in the debate. In this extend, it relates to the thesis defended by Morozov (2011), going against an utopian vision of online participation as empowerment.
  • [...] Netzwerke lesen: Wer hat in der Fukushima-Debatte die lauteste Stimme im Internet? [...]

Kommentar hinterlassen

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.