• Kapitalismus als Rennen: Keine Regeln, alle müssen mitmachen, Hauptsache es hört nie auf

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    Die große Erzählung unserer Zeit, der Kapitalismus, kennt nur Fabeln über Gewinner und Verlierer. Doch wie ließe sich die Geschichte des Kapitalismus selbst mit Hilfe einer Fabel beschreiben? Der Philosoph und Schlagzeuger Markus Perschon zeichnet die Geschichte eines ziellosen Rennens auf, an dem wir alle seit mehr als 200 Jahren teilnehmen sollen. Eine Erzählung.

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    Die Liberalisierung von Märkten nützt vor allem denen, die schon einen wirtschaftlichen Vorsprung haben. Je größer der ist, desto besser, denn desto größer ist ihr Wettbewerbsvorteil. Es ist übrigens auch evident, dass die meisten wohlhabenden Länder durch eine Kombination von Subventionen (öffentliche Gelder), Schutzzöllen, Regelung des Kapitalverkehrs, also ganz allgemein mit Protektionismus und anderen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, zu Wohlstand gelangt sind.

    Ja sogar jene Regeln, die die momentanen Gewinner dieses nunmehr seit über 200 Jahren andauernden absurden Wettbewerbs ständig einfordern und verschärfen wollen, haben sie zu Beginn der Industrialisierung und des Wachstums selbst immer wieder gebrochen.

    So hat zum Beispiel Großbritannien zu Beginn seiner kapitalistischen Produktion sich wenig um Patentrechte gekümmert und stattdessen „deutsche“ Ideen gestohlen, und es hat mit Schutzzöllen seine Textilindustrie abgesichert. Wirtschaftsliberal wurde es erst später (so um 1860), als es technologisch an der Weltspitze stand.

    Auch die EU sorgt lieber dafür, dass Rohstoffe aus dem Ausland ohne Abgaben hierher verschifft werden können, verarbeitete Produkte aber mit Zöllen belegt werden. Deshalb sitzen die guten Kaffeeröstereien alle im Norden. Und in Peru, wo der Kaffee wächst, trinken die Leute Nescafé.

    Was sich ändern muss

    Ja selbst das derzeit verhandelte Wirtschaftsabkommen zwischen der EU und den westafrikanischen Ländern wird wieder unter neo-liberaler Agenda abgewickelt und perpetuiert die Armutssituation in den betroffenen Regionen. Man möchte annehmen, dass es ein gemeinsames Interesse gibt der Wirtschaft in diesen Ländern auf die Beine zu helfen. Denn es ist nicht Armut, sondern vor allem wirtschaftliche Aussichtslosigkeit, die Migranten aus Afrika nach Europa treibt.

    Die Situation der Welt ist skandalös. Über zwei Milliarden Menschen „leben“ von unter zwei Dollar Kaufkraft pro Tag. Von diesen zwei Milliarden Menschen kommt niemand. Keiner von diesen kann es sich leisten, bis an die europäischen, nordamerikanischen oder australischen Grenzen vorzustoßen. Die wirklich Armen dieser Welt können von transkontinentaler Migration allenfalls träumen. Sie können sie nie realisieren. Deswegen ist die richtige Antwort auf die Elends- und Armutssituation der Welt die Veränderung der weltwirtschaftlichen Strukturen und nicht (nicht nur) Entwicklungshilfe und die Erhöhung der Transferzahlungen.

    Wir festigen auch mit CETA, TTIP, TISA und Co. eine Weltwirtschaftsstruktur, die diesen Skandal aufrechterhält. Und dies zu bekämpfen wäre die große politische Aufgabe.

    Auch bei sogenannten Freihandelsabkommen muss die erste Frage lauten: Freiheit für wen, um was zu tun?
    Im Kern geht es um den Erhalt der Privilegien einiger weniger. Es geht um die Reproduktion und Weiterentwicklung der bestehenden und auf Eigentum basierenden Machtverhältnisse. Offiziell geht es um Freihandel. Doch in Wahrheit sollen neue Schutzmauern um das Eigentum der Konzerne gezogen sowie weitere Möglichkeiten zur Aneignung von dem, was noch allen gehört, geschaffen werden.

    Abkommen wie TTIP determinieren unsere Möglichkeiten der gesellschaftlichen Veränderung auf Dekaden im Voraus. Hier stellt sich die Freiheit bereits als ihr Gegenteil vor. Und wir werden sie bitter notwendig haben, diese ganz fundamentale Art der Freiheit.

    Kein Stein auf dem anderen

    Die kommenden Jahrzehnte werden unabwendbar eine revolutionäre Zeit sein. Die rasante Weiterentwicklung in den Bereichen Technologie im Allgemeinen und der digitalen Reproduktion und Produktion von Welt im Besonderen wird zu einer Neuordnung der Wertschöpfungsketten und somit der Produktionsverhältnisse führen. Und das wiederum hat radikale Änderungen von Gesellschaft zur Folge. Hier wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

    Und es wird kollektive Anstrengungen brauchen, um die Stoßrichtung der Veränderung zum Vorteil der Menschheit festzulegen. Es werden transnationale, globale Regeln und ethische Dogmen notwendig sein, um den Vektor gesellschaftlicher Weiterentwicklung auszurichten. Hier geht es sozusagen um die Freiheit unserer Freiheiten.

    Es geht um jenes abgesteckte Feld, das festlegt, was möglich ist und was nicht. Und die fundamentale Freiheit des Menschen besteht unter anderem darin sein Schicksal jederzeit kollektiv ändern zu können und den Bereich seiner Möglichkeiten neu zu definieren.

    Hier ist vor allem die Politik aufgefordert die Weltbühne in ihrem ursprünglichsten Gewand zu betreten. Und zwar nackt, ohne Scham, und mit Schwert und Schild.

    Politik als die Summe jener gesellschaftlichen Prozesse, welche die Menschheit zu neuen Möglichkeiten in Bezug auf ihr Schicksal befähigen und gleichzeitig ein Subjekt (einen Souverän) hervorbringen, dass die Möglichkeiten auch progressiv einfordert, und zwar im Notfall auch gegen den König (institutionelles Privateigentum) und das Empire (Establishment).

    Sogenannte Freihandelsabkommen beschneiden gesellschaftliche Freiheit zu Gunsten einer pervertierten Freiheit für einige wenige Besitzende. Sie legen den Vektor der „ziellosen Rennstecke“ so, dass sie ihren Vorsprung immer weiter ausbauen können.

    Die ziellose Rennstrecke

    Man stelle sich folgende absurde Situation vor. Ein Rennen auf einer Rennstrecke ohne Ziel. Alle fahren nur dahin und jeder will vorn dabei sein. Niemand weiß so recht, wann das Ganze angefangen hat und warum, und ob es je einen Startschuss gegeben hat und wer ihn abgefeuert hat.

    Waren es die Engländer zu Beginn des 19. Jahrhunderts die den Startschuss gaben? Oder ist das Rennen ewiger Bestandteil menschlichen Seins und die Engländer waren nur die ersten, die Maschinen eingesetzt haben, um im ewigen Wettbewerb buchstäblich und zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte über sich hinauszuwachsen und schneller zu sein, als die menschlichen Kräfte es zulassen – mit Maschinen übrigens, deren zugrundeliegende Mechanik die Engländer, wie schon erwähnt, größtenteils aus dem „Rennstall“ der Deutschen entwendet hatten.

    Und auch in Deutschland wurden nicht wirklich grundlegende technologische Innovation geschaffen. Das Konzept der Dampfkraft kannten schon die alten Römer. Nur hatten die keinen Bedarf an Dampfmaschinen, Sklaven gab es ja genug, also haben sie mittels Dampfkraft Spielzeug hergestellt. Zeichnungen von Heron von Alexandria, einem Mathematiker, der vor Rund 2000 Jahren lebte, zeigen Miniaturtempel, deren Tore sich mit Dampfkraft öffnen ließen. Aber nun zurück in die Gegenwart und zum „ziellosen Rennen“, welches in vollem Gange ist.

    Schon jetzt lassen die stets von den Führenden des Rennens beeinflussten Regeln zu, dass ihr Einfluss auf den Rennverlauf weiter steigt und ihr Abstand zum Rest des Feldes größer wird. Auch haben die vordersten und potentesten Vehikel eine direkte Verbindung zur Rennleitung, bzw. wechseln Fahrer und Rennleiter öfter auch hin und her. Im Verlauf des Rennens gibt es auch oft Safetey-Car-Phasen, die es den Führenden erlaubten ihren Vorsprung in schwierigen Streckenabschnitten auszubauen, um nach mehr oder weniger erfolgreicher Absolvierung der Schikane das Renntempo wieder zu ihrem Vorteil zu erhöhen. Das vorgegeben Renntempo ist hier auch eine Besonderheit.

    Vorgabe der Mindestgeschwindigkeit

    Es ist nämlich keine Deckelung der Höchstgeschwindigkeit, sondern eine Vorgabe von Mindestgeschwindigkeit, bei deren Unterschreitung der Teilnehmer nicht nur nicht vorwärtskommt, sondern einige, die noch mit Zweirädern unterwegs sind, zwingend umfallen, und den restlichen „Temposündern“ der Motor einfach abstirbt. Auch kann das Spitzenfeld die Motorleistung der restlichen Teilnehmer insofern selektiv beeinflussen, als sie es sind, die die Gesamtmenge, die Qualität und den Preis des nötigen Kraftstoffes kontrollieren.

    Findet aber ein schlechter gestellter Teilnehmer eine Abkürzung, schneidet eine Kurve oder beginnt gar sich abseits der offiziellen Rennstrecke eine Ersatzroute zurechtzulegen, im schlimmsten aller Fälle auch noch eine mit einem klar definierten Ziel und einem besonnenen Tempo, welches dem Menschlichen angemessen ist, dann werden in enger Absprache mit der Rennleitung schwerste Geschütze aufgefahren, um die Regelverstöße zu ahnden, und die Teilnehmer mit Bomben und Granaten zurück zum Start zu schicken – wo der auch immer sein mag.

    Das Rennen hat auch keine Zuschauer. Alle sind irgendwie dabei, auch wenn sie nicht mehr mitfahren oder nie wirklich von der Stelle gekommen sind. Der Anteil der Anteilslosen sammelt sich am Streckenrand. In zermürbender Wiederholung gefangen durchkämmen sie das Kiesbett nach Wracks und Leichenteilen, um (als Tote) zu überleben.

    Die Metaregeln eines absurden Rennens

    Sogenannte Freihandelsabkommen sind sozusagen Metaregeln dieses absurden Rennens, die dafür sorgen, dass niemand ausbricht, niemand aussteigt, das Rennen an sich weitergehen kann und nicht in Frage gestellt wird. Das Mehr an Freiheit zeigt sich eigentlich nur in den wachsenden Möglichkeiten der Führenden in Zukunft mehr denn je die vor allen liegende Strecke zu ihrem Vorteil umzubauen, zu begradigen, mit dem ihnen genehmen Belag auszustatten, und ein Tempo vorzugeben, dass ihnen mit ihrer spezifischen Masse und ihrem Anpressdruck eine sichere Fahrt bei ständiger Erhöhung der Geschwindigkeit erlaubt.

    Was nach ihnen auf der Strecke los ist kümmert sie nur insofern als es im hinteren Feld genug verschuldete Kraftstoffkonsumenten geben muss, die weiter unter horrendem Verbrauch von geborgtem Kraftstoff von Leitplanke zu Leitplanke taumeln und ihr Vehikel mit schier übermenschlicher Anstrengung und unmenschlichen Entbehrungen vor dem bevorstehenden Motorentod zu bewahren versuchen.

    Selbst wenn sich einige Teilnehmer wieder einigermaßen vom Schleudern erholt haben und bereit wären einige Gänge höher zu schalten stellt das für das Spitzenfeld keine Gefahr da. Denn bei der Abschlepphilfe für einige besonders schwächelnde Rennteilnehmer handelt es sich nicht um ein Seil, dass ihnen Starthilfe gibt und danach ausgeklinkt wird. Vielmehr haben wir es mit einer Stange als Verbindung zu tun. Diese hält den Hinteren auf Abstand und zwingt im gleichzeitig die eigene Linie auf. Ausklinken kann die Stange nur der jeweils Führende.

    Diese Stangen verbinden das gesamte Teilnehmerfeld als ein komplexes Machtnetzwerk. Vorne weg jene mit (Renn)Vermögen und dahinter jene, die schuldig sind, wenn es zum Crash kommt.

    Wie man besser wird

    Der Name für diese Stangen ist Kredit. Und der Zins sorgt dafür, dass der Abstand nicht zu gering wird.
    Aber was passiert, wenn es den einen Gewinner (in unserem vorherrschenden Verständnis von Ökonomie kann man nicht einmal unentschieden spielen) gibt, der alle anderen im Kampf der Nationen an die Wand gefahren hat? Denn nur, weil das Rennen ziellos ist, heißt das nicht, dass es kein Ende hat. Und eigentlich ist es auch nicht ganz ziellos. Sein fragwürdiges Ziel liegt in der Idee schneller und besser zu sein als die anderen. Und das nicht nur, indem man sich selbst verbessert, sondern vor allem, indem man den anderen an seiner Verbesserung hindert und einschränkt.

    Und zu guter Letzt sind da noch die Wettbüros, die hoch über der Rennstrecke in ihren Zeppelinen schweben. Diese Luftschiffe haben kaum Fenster. Nur ein paar Luken, durch die Zwielicht hereinfällt, und durch die man das Wetter beobachten kann. Vom tatsächlichen Rennen bekommt man hier nichts mit.

    Aber alle reden ständig über das Rennen. Die Informationen, die hier in stetiger Kreisbewegung ausgetauscht werden, nähren sich zum einen aus abstrakten Zahlencodes auf unzähligen Bildschirmen (Hier kann man sämtliche, für den reibungslosen Wettbetrieb relevanten Daten ablesen. Platzierung der Teilnehmer, Abstände zwischen den Teilnehmern, Reifendruck, Kraftstoffverbrauch absolut und relativ, und vieles mehr …) und zum anderen vom Wetter.

    Und zwar von einem ganz speziellen Wetter, nämlich dem Wetter innerhalb des Zeppelins. Kurz, es sind die jeweiligen Gemütszustände und Tendenzen innerhalb des Zeppelins, die den Ton angeben. Diese Leute treffen ihre Entscheidungen auf Grund ihrer Einschätzungen, was andere Teilnehmer derselben Sphäre tun werden. Der größte und wichtigste Teil der Informationen, die in den Casinozeppelinen verarbeitet werden stammt also aus den Casinozeppelinen selbst. Dieser Mix aus abstrakten Daten und endogenem Informationsinhalt ist die Grundlage für ihre Wettgeschäfte.

    Sie wetten, wer als nächstes die Leitplanke durchbricht oder wie lange diese oder jene Abschleppstange noch halten wird. Sie wetten auf die Kraftstoffmenge und ihren Preis. Sie wetten darauf, ob dieser oder jener Motor noch anspringt oder nicht. Und sie setzen große Summen auf die Anzahl der Totalausfälle beim nächsten Ausflug eines „Big Players“ ins Kiesbett, der jedes Mal einer beträchtlichen Anzahl an „Streckenposten“ sogar das Überleben unmöglich macht.

    Auch hat es sich eine kleine Gruppe, unter Absprache mit den Führenden des Rennens zur Aufgabe gemacht mittels einer großen Projektionsfläche an der Unterseite des Luftschiffes die Performance der einzelnen Rennteilnehmer zu bewerten und dementsprechende Noten zu vergeben. Noten, auf deren Grundlage dann das Regelwerk der Veranstaltung von der Rennleitung in Absprache mit den Führenden angepasst wird.

    Konsumiere und bete

    Am Rande der Strecke, hinter der Kieswüste mit den Streckenpostenzombies ragen große Werbetafeln empor und auch über der Rennstrecke schweben, für alle gut sichtbar, große Displays mit Aufschriften und Durchhalteparolen wie: „Tanken und fahren hilft Identität zu bewahren“; „Die letzten werden die Ersten sein“; „Konsumiere und bete“; „Road to Wealth“ und unzählige mehr, die Liste wäre endlos. Nach diesem kurzen Ausflug in die Realität, zurück zum Freihandelsabkommen.

    Die jetzt sich gerade in Verhandlung befindlichen und in der Vergangenheit zum Abschluss gekommenen „Freihandelsabkommen“ hatten und haben alle zum Ziel, diese absurden Verhältnisse weiter in Stein zu meißeln und das Verhältnis Gläubiger und Schuldner weiter zu Gunsten einiger Weniger zu festigen.

    Dieses weltumspannende Machtgefüge, dessen Ressource der Kredit ist, hat uns voll und ganz im Griff. So ist der Kredit ein Versprechen auch in Zukunft schön artig mitzuspielen und seine Pflicht als schuldiger Mensch und todesmutiger Rennfahrer zu leisten, und zwar um jeden Preis und letztlich zu keinem Preis. Denn am Ende des Rennens wird kein Siegerpodest stehen, sondern ein Grabstein auf dem steht: „Zu schnell und zu viel war nicht genug“.

    Anm. d. Red.: Das Foto stammt von Mario Sixtus und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


1 Kommentar zu Kapitalismus als Rennen: Keine Regeln, alle müssen mitmachen, Hauptsache es hört nie auf

  • Hans Meiser am 07.12.2016 19:16
    Ernstgemeint: Bitte die Geschichte als Animation verfilmen und bei youtube einstellen, dann erreicht ihr auch die aktuelle Generation.

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