• Juwel mit Wasserlage

    Gen-tri-fi-zie-rung. Zumindest Berliner können dieses Wort nicht mehr hören. Dass sich Berlin von einer alternativen Hausbesetzerstadt zu einem Yuppietraum entwickelt, wollen viele nicht wahr haben. Berliner Gazette-Autor Alexander Krex zeigt allerdings mit einem Blick auf eine der wenigen letzten Ruinen Berlins, dass Stillstand auch keine Lösung ist.

    *

    Ja, es passiert. Ja, es ist auch schon andernorts passiert. Und ja, es ist eine irgendwie logische Entwicklung in einer gefragten Stadt wie Berlin. Weil Gentrifizierung ein so großes Wort ist, nehme ich die Lupe zur Hand, halte sie über die kleine Halbinsel Stralau in Friedrichshain, und suche den Flaschenturm.

    In dem 1929 erbauten Klinkerbau wurde bis 1990 vornehmlich Bier in Flaschen abgefüllt. Daneben liegt ein ehemaliges Glaswerk. Noch in den 90ern konnte, wer dort mit der S-Bahn vorbeifuhr, einen gläsernen Scherbenberg ausmachen. Im Sommer brach das gebrochene Glas das Sonnenlicht millionenfach. Das ist lange her.

    Jetzt geht es wieder um Millionen. Diesmal Euro. Seit Monaten schon wird die Ruine des alten Flaschenturms in ein Appartementhaus verwandelt. Ein weiterer magischer Berliner Ort transformiert sich in Eigentum. Was bis vor kurzem niemandem und somit jedem gehörte, gehört bald einigen wenigen. „Juwel mit Wasserlage“ steht auf dem Transparent, das die Aktivitäten von Baggern und Bauarbeitern erklärt.

    Reizvoll und gefährlich

    Das Juwel ist verkauft. Das ist verständlich, denn irgendwem gehört ein Edelstein immer, noch bevor er aus den Tiefen einer Mine ans Tageslicht gefördert ist. Und es ist schade, weil das Juwel Flaschenturm eigentlich groß genug ist, um es an mehrere Besitzer zu vergeben – an alle Berliner zum Beispiel.

    Natürlich, nicht jeder urbane Raum mit Potenzial kann durch die öffentliche Hand erhalten werden. Der bis zum Beginn der Bauarbeiten vorranschreitende Verfall des Flaschenturms verdeutlicht das. Außerdem war das Gelände ohnehin nicht begehbar. Es war abgesperrt, weil Treppengeländer fehlten und Dächer zu Teilen eingestürzt waren. Alles in allem viel zu gefährlich, und viel zu reizvoll für Fotografen, Abenteurer und Kinder. Stralauer Eltern sind sicher glücklich, dass das scharfkantige Juwel nun rund geschliffen wird.

    Und wem nützt ein Stück funktionsloses Land, auf dem Eltern für ihre Kinder haften? Es nützt der Idee. Es ist ein Ort, an dem Gedankenspiele möglich sind, weil die Ruine nichts leisten muss – anders als die wertschöpfenden Bürotürme, Wohnblocks und Einkaufscenter. Dort darf geträumt werden.

    Aber: eine Ruine, ist auch nicht per se erhaltenswert. Dies allein zu fordern, ist nichts als ein konservatorischer Reflex. Statt dessen sollten Ideen verwirklicht werden, die die verbliebene Substanz als Rampe für die Entstehung von etwas Neuem, etwas Sinnvollem nutzen. Das darf gerne einmal etwas anderes als ein Luxus-Loft-Setzkasten sein. Ein gutes Konzept kann Privatbesitz und Teilhabe vereinbaren.

    Der genaue Blick zeigt: Im Einzelfall, ist es gar nicht immer so einfach, die Gentrifizierung zu verteufeln, ohne dabei unehrlich zu werden. Dazu gehört am Ende vielleicht auch das Eingeständnis, dass man vielleicht selbst gerne so ein schickes Appartement beziehen würde – ein Juwel mit Wasserlage.


9 Kommentare zu Juwel mit Wasserlage

  • Joshua Adani am 05.08.2010 09:56
    Ach, ich werde ganz nostalgisch, wenn ich das lese. In meiner Heimat Ruhrgebiet wimmelt es nur so von solchen Ruinen!
  • Ich habe eine ganz blöde frage: wo sollen die Yuppies hier her kommen? Gibt es viele Leute die gutes Geld verdienen aber in schmale Räume wohnen? Gibt es viele neue Industrien in Berlin die viele Manager Jobs bringen? Reine Spekulation aber ich glaube die ganze Immobilien Honks Kämpfen über die gleiche 50000 Yuppies und ignorieren die 3 Millionen normale Leute die auch nette Wohnräume brauchen.
  • ich glaube auch: es gibt eine gewaltige Schieflage in Berlin, die entstanden ist in der Annahme, dass plötzlich ganz viele reiche Menschen nach Berlin ziehen und eine exklusive Bleibe suchen, oder umgekehrt: wenn wir erst ganz viel superklasse bauen, dann kommen auch die entsprechenden Leute. Aber die sind nicht gekommen, zumindest nicht in den Massen. Jetzt steht ganz viel leer...
  • @zk Und warum wird dann immernoch gebaut?
  • weil das baugewerbe eines der größten wirtschaftszweige der welt ist und hier genauso spekuliert wird wie andernorts (siehe börse, etc.)
  • [...] Weiterlesen in der Berliner Gazette [...]
  • [...] Teil zwei: Im Falle des viel diskutierten Carlofts in Berlin-Kreuzberg scheint die Front der Befürworter und [...]
  • [...] im Prenzlauer Berg oder auf der Kreuzberger Admiralsbrücke betrachtet und sich in die Probleme der Gentrifizierung begibt, taucht freilich die Frage auf, ob die postindustriellen Modell-Botschaften doch nur wieder [...]
  • [...] Gentrifizierung wird ganz groß geschrieben, Freiräume verkauft, bebaut, geräumt. Die Mieten steigen. Die Stadt wird zu einer Spielwiese von Immobilienhaien und Investorengruppen, die ganze “Landstriche“ verspießern. Alles wird normal, normal in den Grenzen des Systems. Eine düstere Prognose wie ich finde, aber das ist bloß meine Meinung, meine Einschätzung. [...]

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