• Leaking am Lagerfeuer? Julian Assange weitet seine digitale Revolution auf das Fernsehen aus

    Das Fernsehen gilt als das Lagerfeuer der Nation. Ausgerechnet dieses reichweitenstarke Medium hat sich der WikiLeaks-Gründer Julian Assange für seine neueste Offensive ausgesucht. So tritt er als Gast-Star bei den Simpsons auf und will noch in diesem Monat seine eigene TV-Sendung im russischen Fernsehen starten. Berliner Gazette-Chefredakteurin Magdalena Taube fragt sich, ob Assange seine digitale Revolution im Zeichen des Leaking in dem „alten“ Medium erfolgreich fortsetzen kann.

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    Ein sonniger Nachmittag in den Outlands: Homer Simpson und seine Familie sind aus ihrer Heimatstadt Springfield verjagt worden und schlagen sich nun mit anderen Aussätzigen im Hinterland durch. Bei einem Spaziergang treffen Homer und sein Sohn Bart auf ihren neuen Nachbarn „Mr. Assange“. Der hat einen Grill neben seiner Bleibe aufgestellt – einem Bunker, an dessen Front in Großbuchstaben „WikiLeaks“ prangt und auf dessen Dach eine riesige Parabolantenne für den Satellitenrundfunkempfang rotiert.

    Homer und Bart wissen sofort, mit wem sie es zu tun haben: Julian Assange, Gründer von WikiLeaks und Staatsfeind Nummer Eins der USA. In guter Whistleblower-Manier steckt Homer dem Mann auch gleich ein ganz wichtiges Geheimnis: „I don’t wear any underwear.“

    Was treibt Assange im Fernsehen?

    Mit seinem Gast-Auftritt in der 500. Folge der US-Serie landet Julian Assange einen neuerlichen Coup im Mediengeschäft. Wohlgemerkt, der Hacker-Superstar selbst soll um diesen Auftritt gebeten haben. Allein der Klatsch-Effekt ist gigantisch: Im Vorfeld der Ausstrahlung verbreiteten viele Medien die Story, Assange habe seine Dialogzeilen von einem supergeheimen Ort in Großbritannien aus eingesprochen – per Telefon! Wie un-internet!

    Sein Gig bei den Simpsons wird nicht der einzige TV-Auftritt des WikiLeaks-Gründers in diesem Jahr bleiben. Wie die Whistleblower-Plattform bekannt gab, bekommt er eine eigene TV-Sendung bei Russia Today. Der staatliche TV-Sender aus Moskau berichtet in englischer Sprache und richtet sich an ein internationales Publikum. Von Kritikern wird der Kanal als der „englischsprachige Propaganda-Arm des Kremls“ bezeichnet. Assange soll in einer 10-teiligen Reihe Interviews mit „Schlüsselfiguren aus der Politik, wichtigen Denkern und Revolutionären“ führen.

    Von den subversiven Simpsons zum russischen Staats-TV: Berechenbar ist Assange noch immer nicht. Doch warum hat er sich für seinen neuen medialen Vorstoß ausgerechnet das Fernsehen ausgesucht? Warum wählt der Hacker und Netzaktivist ein vermeintlich totgesagtes Medium als Plattform?

    Das Fernsehen als digitale Leaking-Plattform

    Auch Julian Assange wird davon gehört haben, dass 2012 das Jahr des Fernsehens werden könnte. In diesem Jahr soll die digitale Revolution endlich auch im verrosteten One-Way-Medium TV ankommen. Das Stichwort lautet Fernsehen 2.0. Die Viewser sind in aller Munde, also Zuschauer, die mitbestimmen können, anstatt einfach nur zu empfangen.

    Vielleicht wittert Assange im relativ rückständigen Medium Fernsehen ein großes Veränderungspotenzial, vielleicht sieht er hier Wege und Möglichkeiten, aktiv Einfluss zu nehmen bei den Umbrüchen, die dem Massenmedium Fernsehen ins Haus stehen. Die Idee der Leaking-Plattform auf das Fernsehen zu übertragen, stünde jedenfalls nicht nur im Geiste aller Trends eines sich öffnenden Altmediums, sondern wäre auch schlichtweg bahnbrechend für die gesellschaftliche Debatte über Transparenz.

    Das Fernsehprinzip ist, wenn man so möchte, gar nicht nicht so weit entfernt vom Prinzip WikiLeaks. Nicht zufällig wird die Whistleblower-Plattform in der Simpsons-Folge als Sendestation dargestellt. Auch bei WikiLeaks geht es um die Aussendung von Informationen an ein möglichst großes Publikum – revolutionär freilich ist die Programmgestaltung des „Senders“ WikiLeaks.

    Hier stehen nicht Produzenten oder Redakteure hinter den Inhalten, sondern gewöhnliche Menschen, die über brisante Informationen verfügen und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Ohne dabei ihr eigenes Leben zu riskieren. Um dieses Vorgehen technisch zu realisieren, brauchten Assange und seine Mitstreiter bislang das Internet. Und eben dieses Internet durchdringt nun immer stärker das Fernsehen. Die Geburtsstunde des iTV hat geschlagen, davon könnten auch Whistleblower profitieren.

    Revolution vs. Geltungsdrang

    Assange ist so etwas wie ein Ur-Digital Native, vielleicht sogar der inoffizielle Sprecher der jungen politischen Netz-Generation. In ihren Reihen hat das Internet längst das Fernsehen verdrängt. Doch wenn jemand wie Assange sich nun dem Fernsehen zuwendet, könnte er das Interesse der jungen Generation am TV neu beleben.

    Mit WikiLeaks hat Assange gezeigt, was im Netz möglich ist. Ob er Ähnliches im Fernsehen bewirken kann, sei dahingestellt. So oder so, Assange weiß: Fernsehen ist nach wie vor das Medium mit der größten Reichweite. Die entscheidende Frage ist: Will er es nutzen, um Leaking und Transparenz zu einer größeren Öffentlichkeit zu verhelfen? Oder geht es eher darum, seiner eigenen Person die größtmögliche Bühne zu bieten?

    Assanges Geltungsdrang ist inzwischen legendär und besonders stark zu Tage getreten in den zahlreichen TV-Interviews, die er in den letzten Jahren gegeben hat. Möglicherweise werden wir daher nicht allzu bald erfahren, wie ein WikiLeaks fürs Fernsehen aussehen kann. Und der Simpsons-Auftritt? Er wird möglicherweise in die Geschichte eingehen. Aber nicht als großer Akt der Subversion. Anders gesagt: nicht als popkultureller Meta-Leak. Sondern als die Vorstufe seiner Verewigung auf Hollywoods Walk of Fame.


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