• Tschüss Zweifel: Wie ein Tag Ende August zum herausragenden Moment 2010 werden konnte

    Der Tag war ungewöhnlich wolkig gewesen. Von mittags bis zum frühen Abend lagen wir an einem Strand an der Ostküste Sardiniens. Alles verdichtete sich an diesem unspektakulären Tag. Doch wirklich Wichtiges kommt im Leben ja selten spektakulär daher.

    Morgens waren wir wie üblich besucht worden vom international ausstellenden und verkaufenden Collagekünstler der Insel. Auf einer Anhöhe im Wald durften wir in dessen entlegenem Refugium für drei Wochen wohnen. Zahllose Früchte, Gemüse und Kräuter baute er auf etwa zwei Fußballfeldern an.

    An jedem frühen Morgen kam er die Serpentinen aus dem Dorf am Meer zu uns hinaufgefahren und wässerte und pflegte diesen Garten. Unsere Tochter liebte die Tomaten; den Auberginen und Zucchini stand ich dagegen skeptisch gegenüber. Die Melonen, Zitronen und Feigen, die Kaki und Gurken, das Basilikum, Oregano, die Minze und die Rauke aber erfreuten uns täglich.

    Am Rande unseres Frühstückes hatten wir noch die Kurzfassung eines Forschungsantrages in akademisches Englisch übersetzt; dann war unser Kind in seinen rechtschaffenen Vormittagsschlaf hineingedämmert. Später am Strand hatte ich die achtundsiebzigste („Adieu“), recht kurze, von insgesamt einhundert Erzählungen der Comédie Humaine des Honoré de Balzac zu lesen begonnen und beendet.

    Alles war neu für sie

    Wir waren in das Wasser getaucht. Sonnenschirme und Handtücher hatten wir dem Laufe der Sonne folgend fortbewegt, in kleinen Schritten. Unserem kleinen Mädchen, das bald elf Monate alt sein würde, hatten wir den Sand und das Meerwasser nahegebracht. Ich hatte ihr die Flasche angerührt und gegeben. Sogar eine winzige Wasserschildkröte hatte ich ihr zeigen können. Unglaubliches Aufsehen hatte diese unter den fast ausschließlich italienischen Badegästen hervorgerufen.

    Nun stand ich, die Sonne schien noch schimmernd auf meiner Haut zu liegen, unter der Dusche unseres winzigen Badezimmers, der Schatten einer beigen, freundlichen Spinne zeichnete sich auf dem Duschvorhang ab, und aus den sehr kleinen Lautsprechern sang mir weich und fordernd Delphics „Doubt“.

    Meine Top of the Pops 2010:

    Theorie

    Müdigkeitsgesellschaft, Byung-Chul Han
    L’insurrection qui vient, Comité invisible
    La Religion du Capital, Paul Lafargue
    Reality Hunger, David Shields
    Eine Wirklichkeit des Sirenengesangs, Erich Wolfgang Skwara

    Alben

    Christina Aguilera: Bionic
    Interpol: Interpol
    György Kurtág: Kafka-Fragmente
    Magnetic Man: Magnetic Man
    Major Lazer & La Roux: LazerProof
    Underworld: Barking

    Kunst

    Besuch bei Verwandten (Museum für Gegenwartskunst Siegen)
    Harun Farocki (Museum Ludwig Köln)
    Susanne Kriemann (Berlinische Galerie)
    Pop Life (Hamburger Kunsthalle)

    Filme

    Welt am Draht, Rainer Werner Fassbinder
    The Invention of Lying, Ricky Gervais
    The Limits of Control, Jim Jarmusch
    Moon, Duncan Jones
    PINK, Rudolf Thome

    Konzerte

    Gerhard Rühm (Kunsthochschule für Medien Köln)
    Daisuke Ishida (Universität der Künste Berlin)
    Kaleidoskop (Radialsystem V)

    Lecture

    Georgina Born (The University of Texas at Austin)
    Veit Erlmann (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
    Vincent Meelberg (Århus University)
    Michel Serres (Haus der Kulturen der Welt Berlin)
    Mark M. Smith (Museum für Kommunikation Berlin)

    Literatur

    Honoré de Balzac: La Comédie Humaine
    Oswald Egger: Die ganze Zeit
    George Perec: Tentative d’Epuisement d’un Lieu Parisien
    Erich Wolfgang Skwara: Im freien Fall
    Mario Vargas Llosa: Los cachorros. Pichula Cuellar

    Show

    Part Troll, Bill Bailey
    Newswipe, Charlie Brooker
    The Old Spice Man, Isaiah Mustafah
    Lasst uns alle Juden sein, Oliver Polak
    Altes Jagdhaus, Joachim Stern


3 Kommentare zu Tschüss Zweifel: Wie ein Tag Ende August zum herausragenden Moment 2010 werden konnte

  • Silvia am 18.12.2010 10:17
    ein wahres Stück Kurzprosa, sehr stimmungsvoll!
  • Krystian Woznicki am 18.12.2010 14:12
    überrascht, dass Michel Serres Vortrag bei Dir nicht auf Platz Nummer eins gelandet ist... Ist das vielleicht ein Darstellungsproblem innerhalb des 1-5 Rankings?
  • @KW Ganz einfach: Alle Listen sind alphabetisch geordnet;

    das entlastet die Gelisteten von unnötigem Leistungsdruck. :)

    *

    @S Danke!

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