• Proteste in Istanbul: „Zehntausende demonstrieren am Times Square und in den Medien gibt‘s NICHTS!“

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    Von Wallstreet über Tahrir nach Taksim: die Welle der lokalen Proteste und Platzbesetzungen ist im Wirtschaftswunderland Türkei angekommen. Und der Aktivist Tayfun Guttstadt ist mittendrin. Sein subjektiver Erfahrungsbericht aus Istanbul zeichnet ein plastisches Bild der Protestbewegung in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit.

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    Zunächst kurz zum Hintergrund: Die Türkei hat sich in den letzten zehn Jahren durch eine radikal neoliberale Wirtschaftspolitik in eine Art Wirtschaftswunderland verwandelt – kennen wir spätestens seit Schröder hierzulande auch sehr gut: Deregulierung, mehr Markt, privatisieren, flexible Arbeitskräfte schaffen… Entsprechend wird in der Türkei überall investiert, was die Börsen weltweit sowie den einfachen Arbeitnehmer, den vor allem interessiert, ob er Brot und Miete bezahlen kann, sicherlich freut. Die Folgen sind überall sichtbar: Naturzerstörung ohne Ende (wirklich in erschreckenden Ausmaßen), riesige Projekte (z.B. die größte Brücke ihrer Art über den Bosporus und den größten Flughafen der Welt in der Nähe von Istanbul).

    Gleichzeitig hat die AKP langsam aber sicher viele der Symbole und Standbeine der alten kemalistischen, nationalistischen Elite abgerissen, verhaftet, verkauft oder übermalt, was mich persönlich nicht weiter stört, in manchen Fällen gar freut (z.B. die Verhaftung der Foltergeneräle, die für die Putsche in den letzten Jahrzehnten und die damit verbundenen Morde und Folterungen – es geht um Zehntausende verantwortlich sind).

    Ein weiterer revolutionärer Schritt war das Friedensabkommen mit der PKK (seit ein paar Monaten gab es keinen einzigen Toten, weder auf der Seite des Militärs noch auf der der PKK). Unter der AKP wurden auf dem Gebiet der Kurdenfrage einige Fortschritte erzielt, doch dies ging den Nationalisten, vornehmlich im Westen und Norden der Türkei zu weit: Plötzlich wähnten sie sich in einem Land, dass vom PKK-Führer Öçalan regiert werde.

    Anti-Erdoğan-Stimmung

    Zudem nahm der Führungsstil von Erdoğan zunehmend autoritäre Züge an. Ein guter Redner und Populist war er ohnehin, doch seine Kommentare zum Thema Abtreibung („MORD!“ schrie er) und die Art, wie er das eigentlich nicht besonders strikte Gesetz zur Regulierung des öffentlichen Alkoholverkaufs (immer noch lockerer als in vielen westlichen Staaten) einführte sowie die Tendenz, immer weniger auf die Opposition zu hören, trugen ihr Übriges zur Anti-Erdoğan-Stimmung in gewissen Teilen der Bevölkerung bei.

    Dies sind nur einige Beispiele, für jeden Punkt ließen sich noch etliche aufzählen, aber kommen wir zum Gezi-Park am Taksim! Der letzte Park im zentralen Viertel Beyoğlu, in dem sich der Taksim-Platz und die Istiklal-Straße befinden, soll abgerissen bzw. umgebaut werden. Wie immer bei dieser Art Projekten ist nicht so ganz klar, was dort eigentlich gebaut werden soll: Ein Einkaufszentrum? Ein Museum, das an osmanische Traditionen anknüpft? Eine Moschee? Alles zusammen in einem alles bisher Dagewesene in den Schatten stellenden futuristischen Mega-Projekt? Meistens, so zeigt die Erfahrung der letzten Jahre, kann man das erst wirklich wissen, wenn es fertig ist. Und dann ist es ja schon fertig und das nächste Projekt steht in den Startlöchern!

    Zu Beginn standen nur einige wenige Zelte im Park, die dort ein Art Mahnwache hielten. Das Eingreifen der Polizei war derart brutal (alle Zelte wurden sofort verbrannt), dass binnen weniger Stunden eine weitaus größere Menschenansammlung – organisiert durch moderne Kommunikation (Facebook, Twitter, i-Phone) – sich im Park und drumherum befand. Es folgte ein weiterer Polizeieinsatz und die Masse wuchs weiter an, zudem breiteten sich die Proteste auf die Großstädte des Westens aus. Plötzlich hieß es: „Her yer Taksim! Her yer Direniş!“ (Überall ist Taksim! Überall ist Widerstand!).

    Eine Dokumentation über Pinguine auf CNN Türk

    Was besonders verstörend war: Die großen Medien der Türkei bewiesen auf traurigste Art und Weise, dass sie schon lange nichts weiter als Sprachrohre de Regierung sind. Während CNN international live vom ersten großen Polizeieinsatz am Taksim berichtete, zeigte CNN Türk eine Dokumentation über Pinguine – zeitgleich! Daher konnte man in den folgenden Tagen etliche Protestierenden in Pinguin-Kostümen sehen, in der Hoffnung, so die Aufmerksamkeit der türkischen Medien auf sich ziehen zu können – nur eines der Beispiele für die unglaubliche Kreativität und den Witz, mit dem ein Großteil der Protestierenden ihre Frustration zeigte. Doch nicht nur zu Beginn, während der ganzen Proteste weigerten sich die großen TV- und Radiokanäle sowie Zeitungen (die alle zu wenigen großen Medienkonzernen gehören) irgendetwas Sinnvolles zu zeigen: Wie ein amerikanischer Reporter es ausdrückte: „Stellt euch vor, Zehntausende demonstrieren am Times Square, und in den Medien gibt‘s NICHTS!“

    Auch ich beteiligte mich an den Protesten in Antalya, mir wurde jedoch schnell klar, dass das Herz der Sache in Istanbul schlägt. Daher ließen wir es uns nicht nehmen, nach Istanbul zu fahren. Dienstagmorgen fuhren wir mit dem Auto los, 700 Kilometer von Antalya nach Istanbul. Nachmittags waren wir dort und schon von der Fähre aus, die Asien und Europa verbindet, sahen wir die Rauchschwaden vom Taksim aufsteigen.

    Da viele Freunde von uns bereits dort waren, bekamen wir ständig Informationen, was passiert, doch die Lage änderte sich ständig. Es war circa 16 Uhr und die Lage schien sich beruhigt zu haben, wir liefen die Istiklal-Straße hoch in Richtung Taksim. Als wir fast da waren, fingen unsere Augen plötzlich an zu tränen. Einige Schritte weiter konnte man nur noch schwer atmen. Schon auf dem Weg bot sich uns ein erschreckendes Bild: Mitten in der Innenstadt verkauften die gewieften Straßenhändler Gasmasken! Wie alle anderen flohen wir erst mal und sorgten dafür, dass unser Kind möglichst weit weg untergebracht wurde. Ich ging dennoch zum Taksim.

    Sambagruppen am Taksim und militarisierte Polizei

    Dort war so ziemlich alles los: Im Zentrum des Gezi-Parks eine Art Öko- und Alternativencamp, unter keiner Flagge oder Organisation sich zu versammeln bereit, wollten sie Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe! Drumherum sammelten sich alle möglichen Fraktionen: Kommunisten, Sozialisten, die kurdische Partei BDP mit den Flaggen der PKK und Bildern von Öçalan (mitten in Istanbul!), gegenüber die extremen Nationalisten. Eines hat Erdoğan jedenfalls geschafft: Er hat Todfeinde dazu gebracht, aus denselben oder zumindest ähnlichen Gründen zu protestieren, und so grüßten uns sowohl Öçalan als auch die Putschgeneräle am selben Ort und versicherten uns alle einstimmig, dass wir im selben Boot säßen. Unter diesen Umständen ist es beachtenswert, dass es innerhalb des Parks und am Taksim so gut wie keine Auseinandersetzungen zwischen den genannten Gruppen gab! Unter den Attacken der Polizei konnte man sie sogar Hand in Hand sehen.

    Im Park manifestierte sich das perfekte Beispiel einer weltoffenen und frei organisierten Protestbewegung: Es gab eine medizinische Grundversorgung, auch während der härtesten Polizeieinsätze, Verpflegung mit Essen und Trinken (Alkohol war zwar ausdrücklich unerwünscht, aber dennoch hier und da zu sehen, vor allem im Umfeld des Taksim), die Hotels drumherum öffneten ihre Toiletten, es wurden Regenmäntel, Decken und Anti-Tränengas-Mittel verteilt – und das alles umsonst! Egal was, es wurde geteilt, die Arbeit, die Zelte. Sambagruppen machten Stimmung, hier und da gab es Leseecken, alles war bunt und schön.

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    Der Dienstag war geprägt von den Einsätzen der Polizei, die Stimmung meistens angespannt, es gab einen regelrechten Krieg um den Taksim-Platz, bei dem Teile der Protestierenden bewiesen, dass sie zu allem bereit waren. Bestens vorbereitet hatten sie Tausende von Tricks auf Lager sowie den Mut, die Gasgranaten, die nicht wenigen (und auch mir einmal fast) den Kopf zertrümmert haben, zurückzuwerfen oder außer Gefecht zu setzen (in einen Behälter voll Wasser oder ins Feuer! Kleiner Tipp unter uns!). Zu erleben, wie eine Masse von unbewaffneten Menschen einer semi-militärisch vorgehenden Polizei trotzt, war aufregend und ermutigend! Später schaffte es die Polizei zwar, die Straßen weitgehend zu räumen, worauf ich mich nach Haus begab, doch schon am nächsten Tag war alles noch voller als zuvor!

    Diese unglaublichen Menschen haben sogar einen Flügel auf den Taksim geschleppt und so gab es den kompletten Mittwoch und Donnerstag Live-Konzerte am Taksim, und viele der Menschen ließen sich mit Polizisten fotografieren oder auf ein Gespräch ein. Ein Protestierender stellte sich zwischen die Masse und die Polizei mit den jeweiligen Botschaften „Kein Gas!“ bzw. „Keine Steine!“ vorne und hinten. Die Hälfte der Touristen in Istanbul war ebenfalls am Taksim und im Park versammelt, Kinder, Familien, Musik, Malworkshops.

    Kraft der Solidarität

    Ein letztes Beispiel für die Kraft der Solidarität: Der Fährverkehr über den Bosporus war eine zeitlang gestoppt worden, um die Leute daran zu hindern, zum Taksim zu kommen, woraufhin etliche Wohlhabende ihre Privatjachten zur Verfügung stellten. Nichts schien unmöglich: Jemand schrieb „Motorrad“ auf die „Nötiges“-Liste und eine halbe Stunde später stand eine Harley Davidson am Eingang des Parks!

    Ich war überzeugt, dass Erdoğan, die Medien und die Polizei diesmal vorsichtiger und klüger sein und nicht erneut so brutal gegen eine derart friedliche und bunte Menschenmasse vorgehen würden, vor allem weil die internationalen Medien und auch die Regierungen der USA und der EU Druck auf die Regierung ausübten und Sympathie für die Demonstranten zeigten. Erdoğan wurde auf seiner Nordafrikareise sogar von Menschen zurückgewiesen, die ihn noch vor kurzem für seine demokratische Haltung während des arabischen Frühlings geehrt hatten – so z.B. einer der Führer der tunesischen Volksbewegung. Doch die Entwicklungen gestern Abend haben das Gegenteil bewiesen. Erdoğan setzt auf Härte und vertraut auf den Teil der Bevölkerung, der loyal zu ihm steht und so weit ich sehen kann, auch wirklich nicht mehr weiß (wissen kann?), als die besagten Medien zeigen. Eine Ironie der Geschichte? Ein großer Teil der Leute, die nun als Terroristen gebrandmarkt werden und schockiert sind über die Polizeibrutalität und das Verhalten der Medien, haben sich, davon zeugen ihre Kommentare zur gegenwärtigen Lage und den letzten zehn Jahren, nicht anders verhalten, als ihre Repräsentanten an der Macht waren.

    Schließlich lässt sich nur hoffen, dass die türkische Gesellschaft gestärkt und demokratisiert aus diesem ganzen Schlamassel hervorgeht, doch derzeit ist das noch offen. Der größte Erfolg der Demonstrationen war wohl, zu zeigen, dass a) es auch eine andere (oder mehrere andere) Türkei gibt, b) das revolutionäre Potential des Internets nicht zu unterschätzen ist und c) wir uns anscheinend in Richtung einer Weltgesellschaft bewegen, in der sich alle jederzeit gegenseitig beobachten können – bleibt nur die Frage, ob dies eine positive oder eine negative Entwicklung ist. Der holprige Weg der Geschichte wird es uns zeigen!

    Anm.d.Red.: Ein weiterer Augenzeugenbericht aus Istanbul von Zeynep Tufekci findet sich hier. Foto oben: Михал Орела. Foto unten: resim77. Beide stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


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