• Irgendwann machts „ping“!

    Zeit kommt bei mir in den letzten drei Jahren hauptsaechlich in der Kategorie sinnlosen Verstreichens vor. Das hat damit zu tun, dass ich zwei entscheidende Fehler verantworte, deren Folgen ich mit erheblichem buerokratischen Aufwand abzuarbeiten habe.

    Ich war Leiter eines multinationalen EU-Projekts, dessen Erfolg massgeblich davon abhing, Mittel aus bestehenden Vertraegen von teils sehr renommierten Koproduktionspartnern einzutreiben. Der erste Fehler war, ein Budget so zu verplanen, dass es nur aufgeht, wenn das Finanzamt mitzieht. Der zweite Fehler war, das Projekt personell so gross zu planen, dass wesentliche Teile des Erfolgs in der Hand mir kaum bekannter Dritter liegen, waehrend ich die Verantwortung trage. 90 Prozent der Dritten waren so genannte Kuenstler. Die meisten davon wuerden sich ohne Zoegern als Radikale bezeichnen, als solche, die quer zum Mainstream, Zeitgeist und Kommerz stehen. Underground, haette man vor zehn Jahren noch gesagt. Underground und Geld: eine explosive Mischung.

    Zeitgenossenschaft spielt sich seither mehrheitlich als rechtsfoermiger Schriftverkehr zwischen diesen Kuenstlern und meiner Firma ab. Ich sage bewusst meine Firma und Kuenstler, nicht ich und meine Kuenstlerkollegen, denn ich bin herzlich schlecht identifiziert mit dem, was man heute so als zeit-genoessische Kuenstlerschaft empfindet. Als Genossen habe ich immer andere, in normaleren Berufen Taetige empfunden, die weniger mit ihren privaten Bedeutungs- ekstasen befasst waren und sich mehr auf die Inhalte ihrer Arbeit konzentrieren. Das Penetranteste an den Kuenstlern, die mir auf meinem Weg durch die letzten Jahre mehrheitlich begegneten, ist, dass sie ihren mangelnden Erfolg in aggressive Rhetorik kleiden, statt solidarisch nach Loesungen zu suchen, wenn etwas angebrannt ist.

    Unentspannt schlaegt der Puls zur Stunde. Alle sind auf der Flucht oder bereits mit dem Ruecken zur Wand, eingeklemmt in ihre verdammte Nische, die immer finsterer wird. Die haltlosen Ansprueche vieler junger Talente, die aus ihren extremen Ecken heraus um ein Marktsegment kaempfen, ueberzogene Ansprueche noch dazu, die sich aus Minderwertigkeits- gefuehlen speisen, innerhalb unserer Erfolgsgesellschaft nur ein verzichtbares Element zu sein, beruhen zumeist auf einer Verwechselung von absichtsvoller Hermetik mit imaginativer Einzigartigkeit.

    Der Eindruck, ich wolle mich aus Frustration raechen und berichte hier nur von schlimmen Einzelschicksalen, die nicht zu verallgemeinern sind, verschwindet hoffentlich sofort, wenn ich erklaere, dass kaum einer der Kuenstler verantwortlich zu machen ist fuer sein Verhalten. Viele, die jetzt verbittert sind, kannte ich von frueher und kann daher sicher sagen, dass sie nicht mit verbogenem Charakter angefangen haben. Aber er ist oft genug demoliert worden, sukzessive klein gehaemmert, zum Beispiel in zahllosen Stunden mit Antragsarbeit und bei der Lektuere von Ablehnungen. Wir sind alle Torpedokaefer, nach drei-, viermal Starten ist der Panzer voller Dellen.

    Wer sich nicht rechtzeitig angepasst hat, den Zug der Zeit hat vorbeirauschen lassen, und wer fatalerweise dachte, die grosse Foerdermittel-Giesskanne der achtziger Jahre wuerde sie auch weiterhin ausreichend bewaessern, sie koennten ruhig in ihrer Nische bleiben, so wie Kuenstler ja oft denken, wenn sie nur lange genug das selbe Zeug produzieren, wird’s ein Erfolg. Ja, wer also nicht zumindest ein gutes Stueck neoliberaler Alertheit erfolgreich in sein Verhalten einbauen konnte, der bleibt einfach auf der Strecke. Unter Marktbedingungen wird so etwas heute ja nicht einmal mehr als besonderes Schicksal angesehen. Eine anstaendige Pleite mit Untergang von Allem und Jedem ist gewissermassen die Feuertaufe, der Einstieg in ernst zu nehmendere Geschaeftszonen. Man darf allerdings nicht verkennen, dass die Bank des Kuenstlers seine abweichende Psyche ist. Das erklaert auch, warum der Spagat zwischen Atelier und Boerse nicht auf Dauer klappen kann.

    Dennoch, diese Ueberlegungen im Kopf, stellten die Kuenstler, nachdem man den Schock verwunden hatte, dass sie vom Freund zum Klaeger mutierten oder statt fertig zu arbeiten, Abfindungen verlangen, vergleichsweise kein grosses Problem dar bei unserem Versuch, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen, die ihrem eigenen Anspruch nach weit in die Zukunft ragen sollte, inhaltlich, medientechnisch und in der Art, wie sie – mitten im oeffentlichen Raum und ohne jeden institutionellen Schutzwall um sich herum – ihr Publikum erobern sollte.

    Man muss, wenn man mit Kuenstlern Formate sprengen und Neuland betreten will, nur wissen, dass man sie nicht wie Genossen, noch weniger jedoch als Auftragnehmer behandeln oder sich auf ihre Zusagen verlassen darf. Man muss einfach einplanen, Arbeit, Zeit und Geld sinnlos zu verschwenden und darauf hoffen, dass es irgendwann ping! macht und es war etwas Gigantisches dabei. Oft, ich moechte sagen, immer entsteht das Grosse voellig nebenher und ohne Vertrag.

    Am allerwenigsten koennen Festivaldirektoren oder Museumsleiter mit solchen Strukturen (Verschwendung, Scheitern, erfolglose Versuche etc.) umgehen. Vorsicht vor Festivaldirektoren, die einem beim Antrittsbesuch das Versprechen abnehmen, mit diesem naechsten Projekt endgueltig das ueberkommene Alte zu sprengen, rueckstandlos alles abzuraeumen, was an Konvention da ist, und dann, wenn es passiert, von ihrer Verpflichtung gegenueber dem Steuerzahler sprechen oder mit vorsinnflutlichen Qualitaetskriterien daherkommen.

    Irgendwann Anfang der 1990ger konnte man kein Kunstforum der Welt aufschlagen, ohne mit dem Begriff Betriebssystem Kunst zusammenzustossen. Mir wurde erst 2006 klar, dass integraler Bestandteil dieses Systems das Finanzamt und seine Peripherie ist. Freunde in anderen Berufen, Architekten, Filmemacher, Autoren, teilen mit mir aehnliche Erfahrungen. Alles verwandelt sich zu Papier. Ab einem bestimmten Grad von Erfolg entwirft man quasi nichts mehr, wehrt dafuer aber mit zunehmend groesserem Zeitaufwand und bei schwindender eigener Energie Angriffe ab, zumeist juristische. Schadenersatzklagen treten an die Stelle von Kulturproduktion.

    Ohne FiBu, Nachweis der Gewinnerzielungsabsicht und ohne Mehrwertsteuersonderpruefung gibt es kein Kunstwerk mehr. Insbesondere nicht, wenn man, wie wir, auch verwaltungstechnisch Neuland betritt und nicht steuerbare EU-Kunstfoerdermittel abgreift, die in kein System der Welt passen. Wenn ich auf die letzten drei Jahre zurueckblicke, die fuer mich auch die ersten drei Jahre Neues Europa waren, mit zahllosen Aufenthalten in Ungarn, Tschechien, Litauen, Polen, Slowenien, dann kommt mir das nicht wie das groesste und spannendste Kunstprojekt meines Lebens vor, das es haette werden sollen, sondern wie eine gigantische Umerziehungsmassnahme, die aus begabten Kuratoren, Theaterleuten und Medienkuenstlern mittelmaessige Self-made-Buchhalter zu machen versucht.


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