• Infowar mit Wikileaks: Zurück nach 1996

    Da sind wir jetzt also im Info-Krieg. Was bisher geschah: Die Diplomatenkabel sind da, vor und nach der Veröffentlichung meldet Wikileaks Angriffe von Rechnernetzen. Die Adresse Wikileaks.org wird schließlich gesperrt, Amazon verbannt es aus der Rechnerwolke. Paypal, Mastercard und die Schweizer Postbank drehen den Geldhahn ab, Paypal begibt sich in die Schusslinie der eigenen, empörten Kunden. Hier und da wird ordentlich mit dem Säbel gerasselt. Expect us, sagen seitdem anonyme Hacker und gehen zum Gegenangriff über. Und Julian Assange, der Gegenverschwörer, stellt sich Scotland Yard. Demnächst in einem Kino in Ihrer Nähe: Die Wikileaks-Saga. Unterdessen sind aus einem Wikileaks viele geworden, hunderte haben die Seite gespiegelt. Geht es bei dieser Schlacht um mehr als Verschwörungen und Polit-Zwist? Was genau bedeutet der „Infowar“, geht es dabei auch um die Unabhängigkeit des Internets?

    Gesagt hat das Wort vom Info-Krieg John Perry Barlow, Ex-Hippie, Viehzüchter und Internetpionier. Der muss es wissen: 1996 hat er die Unabhängigkeit des Cyberspace ausgerufen und gilt seitdem als dessen Thomas Jefferson.

    „Cyberspace” klingt heute nach klobigen und angestaubten Datenhandschuhen, damals galt er als eine neue Welt grenzen- und körperloser Freiheit. Die Technokraten sagten schon damals Datenautobahn. Philosophen sahen im Cyberspace eine Art planetarisches Rhizom, Literaturwissenschaftler schrieben Abhandlungen über hypertextuelle Welten.

    Der Cyberspace: Die neue Heimat des Geistes

    Barlow war dafür ein Stichwortgeber. „Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl”, sagte Barlow, „ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.”

    Heute gibt es nationale IT-Gipfel und all das hört sich ziemlich überdreht an – auch wenn man bedenkt, dass das Netz damals noch eher dünn besiedelt war. Es gab ja weder Facebook noch Blogs, von Social-Media-Beratern gar nicht erst zu reden. Doch nach einer Woche Krieg um Wikileaks scheint es, als müsse man Barlow noch einmal ausgraben. Und vielleicht ist Wikileaks doch eine Art Kriegsmaschine, dessen Operationsweise noch zu wenig verstanden ist.

    Assange ab, Text Barlow: „Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten, auf daß keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.”. Schnitt, nächste Szene.


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