• Im Zeichen der Kugel

    Ein Weltbild im Zeichen der Kugel, das ist ein Weltbild im Zeichen von Einheit und Ganzheit. Diese Logik laesst sich bis zu den Griechen zurueck verfolgen. Platon legte den grossen Zusammenhang kugelfoermig an. Und es scheint, als sei seitdem kein grundlegend neuer Ansatz eingefuehrt worden.

    Als Ende des 15. Jahrhunderts die Einsicht reifte, dass der Planet der Menschheit die Form einer Kugel habe, wurde das Kugel-Modell in neuer Weise befeuert. Martin Behaim entwarf den ersten Erdglobus als Erdapfel. Der Kontinent Amerika war darauf noch nicht verzeichnet. Aber mit den kartografischen Daten, welche die Entdeckungen des Christoph Kolumbus zusammen trugen, konnte die runde Benutzeroberflaeche dieses Kugelkoerpers entscheidend vervollstaendigt werden.

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    Ploetzlich war nicht nur die Welt als Vorstellung, sondern auch die Welt als Planet eine Kugel. Aus heutiger Sicht koennte man sagen: Das Weltbild nahm zu diesem Zeitpunkt einen erheblich einheitlicheren und ganzheitlicheren Charakter an; auf einmal gab es keine Diskrepanz mehr zwischen der Konstitution des Vorstellungs- und des Lebensraums. Dies war nur moeglich, weil dieser Lebensraum nun global, also in seinem weltweiten Ausmass, begriffen werden konnte. Blinde Flecken, die auf dem Globus verblieben, hatten nicht mehr das Potenzial, die Konstitution des Weltbilds in Frage zu stellen. Die Konvergenz von Vorstellungs- und Lebensraum kann als Neuanfang gelten. Ein neuer Zyklus beginnt, dem eine bemerkenswerte Verschiebung zu Grunde liegt.

    Mit der so genannten Entdeckung Amerikas wird die europaeische Moderne begruendet. Spanien erfindet sich als Nation und auch andere Akteure in Europa kombinieren die Gruendung des Nationalstaats mit Kolonialismus. Das Paradies, das Kolumbus in der heutigen Karibik entdeckte, verschiebt sich im Zuge der langen Aera der kolonialen Eroberungen immer wieder. Aber es behaelt dieselbe Funktion. Es bleibt das Andere, gegenueber dem man das Eigene definieren kann: allen voran die noch junge Nation. Einheit und Ganzheit haben seitdem eine bipolare Ordnung, die sich nicht allein auf die Vorstellung bezieht (die unzivilisierten Kulturen dort, das zivilisierte Europa hier), sondern auch auf den Raum. Beziehungsweise: die geopolitische Aufteilung des Planeten.

    Seit 1492 gilt: hier alte Welt, dort neue Welt. Seit dem Einsatz des Kalten Krieges gilt: hier Westen, da Osten. Seit dem 11.09.2001 gilt: hier Westen, da islamistischer Block, der eigentlich nicht als Block, sondern als (Terror-)Netzwerk begriffen wird. Damit stellt er beziehungsweise es keinen klar definierten Gegenpol. Jede Einheit und Ganzheit lebt von einem solchen Gegenpol. Sie bedarf einer solchen Instanz, um sich abzugrenzen und vis a vis eines solchen Aussen das Innen zu definieren. Erklingt der Ruf nach Einheit und Ganzheit seit 9/11 deshalb immer nachdruecklicher und im zunehmend besorgteren Ton?

    Ob G8 oder G20, Weltmacht oder Weltpraesident, wie Obama genannt wird – alle die heute etwas zu sagen haben und dies im Sinne des globalen Gemeinwohls tun, fordern allumfassende Einheit und Ganzheit. Diese Logik liegt jeder Weltverbesserungsrhetorik zu Grunde, die in den letzten zwei Dekaden aus Washington kam. Dies muss betont werden, da haeufig angenommen wird, dass der Mauerfall im Jahr 1989 ein gaenzlich neues Weltbild hervorgebracht habe. Das Ereignis und die damit verbundenen Umwaelzungen hatten das Potenzial dazu. Letztendlich entstand nur voruebergehend ein mehr oder minder globales Durcheinander. Die alte, bipolare Ordnung wurde rasch wieder hergestellt. So galt bereits vor 9/11: hier Westen, da arabischer Block.

    Die neue Epoche des kugelfoermigen Weltbilds, die 1492 begann und die von zahlreichen Kolonialkriege durchzogen ist und in zwei Weltkriege muendet – diese Epoche wurde mit dem Kalten Krieg verlaengert, im Zuge dessen der so genannte Space Race zwischen den USA und der Sowjetunion stattfand und das >Blue Marble<-Motiv hervorbrachte. In der offiziellen Geschichtsschreibung des >Blue Marble<-Motivs wird dieser geopolitische Kontext nicht thematisiert. Im Gegenteil: Das Motiv selbst erscheint als probates Mittel, um den Kampf der beiden Bloecke um globale Vorherrschaft Vergessen zu machen. Doch was war darauf eigentlich zu sehen? Und wem war es als Argument fuer eine harmonische Welt dienlich? Der Dauereinsatz des >Blue Marble<-Motivs in der oeffentlichen Hand kann in Vergessenheit geraten lassen, dass es ein Produkt der bipolaren Weltordnung ist. Es entstand nachdem die USA die Sowjetunion im Space Race ueberholt und hinter sich gelassen hatten und war damit nicht zuletzt ein mit Strahlkraft versehener Beweis der US-amerikanischen Ueberlegenheit – auf der Erde und im Weltall. Die bipolare Logik des vorherrschenden Weltbilds fand sich auf den Fotos der Apollo-Crew reproduziert: Der blaue, vor Leben gluehende Planet Erde hier, der vermeintlich farblose, jegliches Leben verneinende Mond dort. Besonders stark wird dieser Kontrast auf jenen Aufnahmen herausgearbeitet, auf denen die Erde hinter den grau-schwarzen Kraterlandschaften des Mondes aufgeht. Die Frage >Was war auf dem >Blue Marble<-Foto eigentlich zu sehen?< sollte ergaenzt werden um die Frage: Was wollte man darauf sehen beziehungsweise nicht sehen? So wie man den Erfolg der Apollo-Missionen nicht den USA allein, sondern der gesamten Menscheit zuschreiben wollte, so wollte man auf dem >Blue Marble<-Foto nichts anderes als die Heimat der gesamten Menscheit sehen. Unablaessig war davon die Rede, es zeige die ganze Welt.

    Das Foto wird aufgrund dieser Eigenschaft zu einem einzigartigen Dokument der Menschheitsgeschichte stilisiert. Dies jedoch ist, wie man spaetestens beim zweiten Blick erkennen muss, eine angedichtete Eigenschaft. Schliesslich ist nur eine Haelfte des Planeten Erde zu sehen. Die andere Haelfte entzieht sich dem Betrachterblick und liegt, wie man weiss, im farblosen Dunkel. Die symbolische Aufladung des fotografischen Motivs als Repraesentation von Einheit und Ganzheit geht demnach mit einer Verdraengungsleistung einher: Das Ausgeschlossene, das diese Einheit und Ganzheit konstituiert, ist auf sowohl visueller als auch diskursiver Ebene nicht sichtbar. Das Foto entstand auf einem Hoehepunkt in der Geschichte des bipolaren Weltbilds, es stattete dieses Weltbild mit einer unerhoert plastischen Visualitaet aus. Und doch ging es in die Geschichte als etwas anderes ein. Als das Bild einer Welt im Zeichen von Einheit und Ganzheit, die sich nicht durch ein planetarisches Gegenueber konstituiert. (Dieses Gegenueber liegt in diesem Fall ausserhalb des Planeten Erde.)

    Diese Mechanismen sollten nicht unterschaetzt werden. Immerhin scheint dem >Blue Marble<-Foto die Logik eines Weltbilds eingeschrieben zu sein, deren ideologische und wohl auch geopolitische Implikationen von mythischen Nebeln umgeben sind. Eine Logik, die Machtstrukturen reproduzieren hilft. Das Motiv findet nicht zuletzt deshalb immer wieder als Illustration von Botschaften der weltpolitischen Macht Verwendung. Daran erinnert auch der Abdruck von Barack Obamas Positionspapier vor dem G-20-Gipfel in London, der in der Tageszeitung Die Welt unter dem Titel >Packen wir die Krise gemeinsam an< erschien. Das >Blue Marble<-Motiv wird hier wie selbstverstaendlich als Ikone der Weltgemeinschaft eingesetzt. Illustration und Text laden sich wechselseitig auf. Obama aktiviert die konstitutiven Attribute der Kugel, indem er Halbheiten als kategorisch falsch einstuft, Folgen der gegenwaertigen Krise fuer jeden Winkel der Welt konstatiert und Losungen wie weltweites Vertrauen oder die Schaffung eines gemeinsamen Rahmenwerks ausgibt.

    Alles, auch die US-amerikanische Wirtschaft, wird im Weltmassstab gedacht. Alle, ohne Ausnahme, sollen an einem Strang ziehen. Spaetestens seit der Vergabe des Friedensnobelpreises an Obama ist die moralische Autoritaet dieses Weltpraesidenten unantastbar. Natuerlich machen ihn diese Vorschusslorbeeren angreifbar. Aber er hat jetzt einen Auftrag von ganz oben – den Auftrag: Weltfrieden wie Der Spiegel am 12.10.2009 titelte. Obamas Mission/Vision ist von hoechster Stelle abgesegnet. Niemand sollte sich ihm in den Weg stellen. Niemand sollte dumme Fragen stellen. Obama muss seiner Forderung nach Einheit und Ganzheit nicht Nachdruck verleihen, indem er wie sein Vorgaenger noch Sprueche wie You are either with us or against us in seine Reden einbaut. Noch nie schien sowohl ethische als auch geopolitische Einheit und Ganzheit selbstverstaendlicher. Noch nie waren Alternativen zu jenem Konsens, der Einheit und Ganzheit ermoeglicht – noch nie waren solche Alternativen von vornherein haltloser. Noch nie bedurfte der Ausschluss aus der Weltgemeinschaft weniger Worte und brachte zugleich so unuebertroffen viele im Zeichen von Einheit und Ganzheit hervor. Selbst wenn es den Anschein hat, das ein einziges Bild reicht, um alles zu sagen.


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