• Im richtigen Film: Was bewegte Bilder über Deutschland erzählen

    Heimat, das ist die Beziehung zwischen einem Menschen und dem Raum, in den er hineingeboren wird. Hier finden die frühesten Sozialisationserlebnisse statt. Für wen ist Deutschland heute Heimat und wie sehen die Bilder dieser Heimat aus? Die Kulturwissenschaftlerin und Berliner Gazette-Autorin Michelle Martin erzählt anhand von Filmen, welches neue Heimatbild es von Deutschland heute gibt.

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    Die Ostsee funkelt türkis, sieht aus wie das Mittelmeer. Lachende Sonne, heller Strand. Sie kann auch bedrohlich wirken. Wie eine sturmdurchfachte schwarze Wand. Eine unüberwindbare Grenze. Beide Ostseebilder stammen vom Filmemacher Christian Petzold. Einmal aus dem Film „Jerichow“, das andere Mal aus „Barbara“. Beide Filmbilder zeigen, wie unterschiedlich dieses „Deutschland“ dargestellt werden kann. Wie viele Geschichten es zu erzählen gibt und wie viele Identiäten dieses Land hat.

    Es ist ein Land, das international Anerkennung genießt, als Wirtschaftsmacht und „sicheres Herkunftsland“. Ein Land der „Dichter und Denker“, der Freiheit und Demokratie. Auch der sozialen Gerechtigkeit? Ein Land, in dem es trotz vergangener Verbrechen Neonazismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gibt. Ein Land, in dem Rechtsextremisten jahrelang unbehelligt morden konnten, wo Geschichte und Vergangenheit allgegenwärtig und schattengleich über uns liegen.

    „Deutschlandbilder“, damit sind vor allem Filmbilder gemeint. Impressionen, die Erinnerungen aufbewahren und Identität repräsentieren. Deutschlandbilder sind allerdings auch Orte, die als Gedächtnisstätten fungieren und an denen nationale Identität (re-)produziert wird.

    Der Filmwissenschaftler Jörg Metelmann zieht in seinem aktuellen Buch Bilanz. In einem Querschnitt vom „deutschen“ Erbe als Land der Dichter und Denker, über unsere Innenwelten, einschließlich unserer Freiheitsliebe, Seele und unseres Weltschmerzes, bis hin zur deutschen Migrationsgeschichte und sowohl alten als auch neuen Grenzen, alten als auch neuen Wunden.

    Mittels all dieser Filme und gezeichneten Bilder werden die verschiedenen Aspekte einer deutschen Identität offenbart, wenn denn von einer deutschen Identität per se überhaupt die Rede sein kann, denn nach wie vor stellt sich die Frage, was Deutschsein denn nun bedeutet.

    Von Ostalgie bis Konsumkultur

    Durch dieses Profil wird anschaulich aufgezeigt, wie facettenreich dieses Deutschland eigentlich ist. Zunächst einmal in Bezug auf die frühe Zeit bzw. die frühen Bilder, die sich vor allem mit der Thematik DDR auseinandersetzen, hier im Zusammenhang mit „Goodbye Lenin“ und „Sonnenallee“. Selbstverständlich darf auch die Referenz zu Deutschland als Automobil-Nation nicht fehlen, wie in Wolfsburg von Regisseur Christian Petzold. Deutschsein hieß eben lange auch Volkswagen fahren.

    Von (N)Ostalgie auf der einen und dem deutschen Wirtschaftswunder auf der anderen Seite geht es weiter zur Wende und schließlich ins Herz der neuen deutschen Republik: ins junge und hippe Berlin. Hier rückt Erfolgsregisseurin Maren Ades Erstlingswerk „alle anderen“ in den Fokus und das zeigt auf, wie selbst im Hauptstadtzirkus neben aller Freiheit und Vielfältigkeit auch konstanter Vergleich und Erwartungshaltung an der Tagesordnung sind.

    Perspektivlosigkeit und Fremde empfindet auch Niko in Jan-Ole Gersters „Oh Boy“, als er auf der Suche nach einem stinknormalen Kaffee schlussendlich doch nur im trendigen Bio-Fair-Trade-Coffeshop im Prenzlauer Berg landet. Die konforme „postmoderne Konsum- und Identitätskultur“ hat Einzug gehalten ins einst so antikapitalistisch gestimmte Berlin.

    Grenzen, die verschwimmen

    Deutschsein, das heißt auch, unsere Grenzen ins Auge zu fassen. Ob geografisch oder moralisch, diese erscheinen in unterschiedlicher Gestalt. Erstere werden deutlich spürbar in Filmen wie „Auf der anderen Seite“: zunächst klar voneinander getrennt, werden hier bald Brücken geschlagen zwischen Türkei und Deutschland, den verschiedenen Figuren und Kulturen, und als der türkische Germanistik-Professor schließlich in die Türkei und die kurdische Aktivistin nach Deutschland reisen, beginnen die Grenzen für alle Beteiligten endgültig zu verschwimmen.

    Allerdings können diese Grenzsysteme auch moralisch korrumpieren, so gesehen in „Lichter“. Der Film erzählt in einer Parallelmontage mehrere, nur lose und zum Teil gar nicht miteinander verknüpfte Episoden. Alle spielen in der Gegend von bzw. direkt im deutschen Frankfurt (Oder) und dem polnischen Słubice, die nur von der Oder und der deutsch-polnischen Grenze getrennt sind, mehrfach wird der Grenzübergang thematisiert. Der Film ist lebensnah gehalten, die Geschichten spiegeln die alltäglichen Sorgen, aber zum Teil auch existentiellen Ängste, von einfachen und realistisch dargestellten Menschen wider. Gut und Böse lassne sich hier schwer zuordnen.

    Eines ist klar: Deutschland ist schon lange auch für Menschen aus anderen Herkunftsländern Heimat. „Almanya – Willkommen in Deutschland“, dessen ursprünglich ironisch gemeinter Untertitel in Anbetracht gegenwärtiger politischer Ereignisse jedoch aktueller denn je erscheint, hat sich zu einem aufrichtigen Gruß gewandelt.

    Die in „Almanya“ zu spürende starke Visualisierung von Deutschtürken in der neuen Heimat findet sich auch in den Filmen Fatih Akins, eben „Auf der anderen Seite“, aber auch in „Gegen die Wand“ wieder. Gleichermaßen quillt dessen „Soul Kitchen“ zwar über von Klischees (die deutsche Steuerberaterin besitzt den Charme einer älteren Gouvernante, die deutschen Durchschnittsmenschen wollen Fritten und Frikadelle statt Sterne-Küche), spielt aber gleichzeitig auch wunderbar mit eben jenen um die beiden Protagonisten, das griechische Brüderpaar Ilias und Zinos.

    Ein letztes Merkmal der Deutschlandbilder ist das Thema Vergangenheitsbewältigung „Wie wirkt die Vergangenheit heute nach und wie beeinflusst sie das Leben der dort Geborenen?“ fragt Metelmann in Bezug auf „Am Ende kommen Touristen“, einem Film über den Besucheralltag im ehemaligen KZ Auschwitz, in dem ein Gefühl von Schuld und Verpflichtung beim Protagonisten, aber auch die Normalität des Grauens in Verbindung mit Interesse ohne Anteilnahme von den Touristen thematisiert werden.

    Heimatland Deutschland

    Was heißt es, heute Deutschland als Heimat zu betrachten? Und was bedeutet Heimat eigentlich? Heimat, das ist die „Beziehung zwischen Mensch und Raum (…) in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.“, so die Definition nach Lexikon. In „Deutschlandbilder“ zeigen die Filme, was genau Deutschland als Heimat ausmacht, schlussendlich trägt diese dann ja auch zu unserer Identität als „Deutsche“ bei.

    Durch den Einblick in die „deutsche“ Filmlandschaft wird eine Vielzahl an Identitäten offeriert. Da wäre zum einen der typisch deutsche Beamte, der Deutscheste der Deutschen, wenn man den Klischees Glauben schenken mag. Ob heftig stempelnd am Schreibtisch sitzend oder, wie der etwas andere Beamte Gerd Wiesler in „Das Leben der Anderen“, tagein tagaus vor seiner Abhörapparatur – der Bürokrat ist ein bekannter Typus deutscher Identität.

    Weitere unverkennbare Charakteristika sind Pflichtgefühl und Ehrenkult, im Film zu finden in Form von Baron von Instetten aus „Effie Briest“. Außerdem bedeutet Deutscland auch Politikverdrossenheit, wie beim „Herr Wichmann von der CDU“ zu sehen ist. Effizienz und Leistungsdruck gibt es in „Lichter“. Aber auch German Angst und Zeitgeist sind sprachliche Exportartikel, die diese Nation charakterisieren und die sich in Filmen finden.

    Welche Filme sollen wir schauen?

    Welche Filme sollen wir schauen, wenn wir mehr über Deutschland erfahren wollen? Wenn wir unseren neuen Nachbarn mehr über dieses Land erzähen wollen, als in den Klischeekomödien zu sehen ist?

    Vielleicht ist Toni Erdmann, Oscaranwärter von Maren Ade, genau der richtige Film. Der pensionierte und alleinlebende Musiklehrer Winfried Conradi ist ein Alt-68er mit Hang zu skurrilen Scherzen. Nachdem sein Hund gestorben ist, besucht er seine von ihm entfremdete Tochter Ines in Bukarest, die als Unternehmensberaterin bei Morrison Karriere macht.

    Der Film handelt größtenteils nicht einmal in Deutschland. Und doch trifft sein beklemmender Humor einen Punkt. Er erzählt viel über dieses Land. Die kaputte Vater-Tochter-Beziehung, das Leben zwischen harter Arbeit und Spaß, die zur Schau gestellte Rastlosigkeit, Peinlichkeit und der Wunsch, loslassen zu können. „Deutscher“ geht es nicht. Um es mit Regisseur Chris Kraus‘ Worten zu sagen: „Heimat ist auch da, wo es weh tut.“

    Anm. d. Red.: Das Buch Deutschlandbilder von Jörg Metelmann ist bei Bertz + Fischer erschienen. Die Bilder im Text sind Stills folgender Filme: „Mein langsames Leben“ (2001) von Angela Schanelec, „Barbara“ (2012) von Christian Petzold, „Im Schatten“ (2010) von Thomas Arslan und „Montag kommen die Fenster“ (2006) von Ulrich Köhler.


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