• Im Namen des Unfertigen

    „Digitale Kunst“ koennte man so definieren, dass das Kunstwerk in seinem Vollzug und waehrend seiner Rezeption massgeblich von einem aktuell ablaufenden digitalen Computerprozess konstituiert wird. Solche Definitionen sind natuerlich immer voller selbst gestellter Fallen: wie kann man beispielsweise in Bezug auf einen Prozess ueberhaupt von einem „Werk“ sprechen, oder wollen wir ein Werk stets als etwas Abgeschlossenes, Fixiertes verstehen? Aber diese Definition wuerde es uns immerhin moeglich machen, etwas praeziser mit dem Begriff der „digitalen Kunst“ umzugehen, der ja auf sehr viele verschiedene Weisen benutzt wird und bei vielen Leute schon dann Anwendung findet, wenn irgendwann im kuenstlerischen Produktionsprozess mal ein Rechner zum Einsatz gekommen ist. Da wird dann jede mit Photoshop bearbeitete und ausgedruckte Fotografie zum „digitalen Werk“… Einer der Vorteile der massiven Verbreitung digitaler Technologien ist dagegen, dass das Wort „digital“ selber so gut wie redundant geworden ist. Ein Nachteil ist, dass man in diesem allgemeinen Rauschen und Geplapper wiederum genauer andeuten muesste, was damit eigentlich gemeint ist..

    Der Aspekt des Prozessualen in der digitalen Kunst ist darueber hinaus wohl zu unterscheiden von solchen Prozessen, die seit mehr als einem Jahrzehnt die Gegenwartskunst der Biennalen und wichtige Teile der freien Projektfoerderung bestimmen. Denn waehrend es sich bei den digitalen Prozessen um Maschinenprozesse handelt, die ihre aesthetische Wirkung auch entsprechend diesem maschinischen Charakter entfalten, spielen in der prozess-orientierten Gegenwartskunst in aller Regel soziale Prozesse die entscheidende Rolle – egal, ob diese durch individuelle oder kollektive Motivationen gesteuert werden. Man koennte da jetzt einen kybernetischen Kunstbegriff ansetzen und den angedeuteten Gegensatz auf einen zwischen maschinischen und humanen Steuerungssystemen reduzieren, aber das wuerde der sehr unterschiedlichen Bedeutungsmacht dieser verschiedenen kuenstlerischen Praktiken wohl kaum gerecht werden. –Nebenbei gesagt, ich treffe diese Unterscheidung zwischen einem maschinischen und einem sozialen Prozessbegriff ohne Wertung oder Gewichtung, denn ich glaube vielmehr, dass kuenstlerische Projekte in diesem Bereich tatsaechlich immer wieder auf sehr eindrucksvolle Weise die Logiken des jeweils anderen Funktionssystem demonstriert und kritisiert haben.

    In den 1990er Jahren habe ich in Rotterdam bei der Kuenstlerorganisation V2_ gearbeitet, die auch unter dem Namen „Institut fuer die instabilen Medien“ firmiert. Im Jahr 1987 veroeffentlichten die Gruender von V2_ ein Manifest, in dem sie die Instabilitaet feierten, die allen elektronischen Medien zu Eigen ist, eben weil sie technisch auf dynamischen physikalischen Phaenomenen beruhen. Diese Dynamik, und die permanente Dialektik von Destruktion und Konstruktion, gehoerten zum Credo einer Kunstbewegung, die sich von der Statik der damaligen, gebannt auf den Kunstmarkt starrenden Gegenwartskunst absetzen wollte. Dieser Gegensatz hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre deutlich abgebaut, auch wenn grosse Teile des Kunstbetriebs – trotz iBook und iPod – weiterhin sehr technologiefeindlich (und medien-inkompetent) bleiben. Was freilich auffaellt, ist, dass mit der allgemeinen Normalisierung von digitalen Technologien, vor allem des Internet, der Hang zur radikalen, bisweilen destruktiven Infragestellung technischer Systeme gewichen ist – zugunsten von angepassten „Anwendungen“ auch der ideologisch und politisch heikelsten Veroeffentlichungs- und Ueberwachungssysteme. Die Distanz jedenfalls zwischen den Anti-Volkszaehlungs-Demonstranten der 1980er Jahre und der flickr-seligen Globalisierungsbewegung unserer Tage scheint gerade in ihrer technologie(un)kritischen, ideologischen Substanz immens gross.

    Im Programm der transmediale haben wir auf solche Zusammenhaenge immer wieder hinzuweisen versucht und haben Kuenstler eingeladen, die ihre kuenstlerische Arbeit mit einer Reflexion ueber die Rolle von Medien und Technologien verbinden. Unter dem Titel „Festival fuer Kunst und digitale Kultur“ haben wir dabei in den letzten Jahren immer weniger den Fokus auf eine technisch definierte „Medienkunst“ gelegt, sondern in einem allgemeineren Sinne auf eine Kunst, die sich mit der Veraenderung von Gesellschaft und Gegenwartskultur unter dem Einfluss digitaler Technologien auseinandersetzt.

    Dieses Jahr setzen wir uns unter der Ueberschrift „unfinish!“ mit dem Faktor Zeit sowie mit dem Phaenomen der Unumkehrbarkeit auseinander. Die Arbeit mit digitalen Medien ist ja oftmals dadurch gepraegt, dass sie keinen eigentlichen Abschluss findet, sondern sich von Version zu Version hangelt – was wohl Segen und Fluch zugleich ist, denn wir werden so in einem permanenten Zustand der Offenheit und Unendschiedenheit gehalten, der der Endlichkeit und Unumkehrbarkeit vieler Phaenomene der materiellen und analogen Welt diametral entgegensteht. Der Schluesselmoment des „unfinish!“ ist derjenige, in dem eine Arbeit abgeschlossen und endgueltig fertig zu sein scheint: dann kommt der Engel des „Unbeendens“ und fragt die notwendige, zwingende Frage: „Bist du wirklich sicher, dass es so fertig ist?“ und: „Are you ready unfinish your work (your world)?“


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