• Ich bin Zuschauer – holt mich hier raus!

    Wir schreiben das Jahr 1997: Teletubbies, Tamagotchis und Tic Tac Toe regieren die Welt. In jenem Jahr begann ein kleines TV-Ensemble dem deutschsprachigen Fernsehen einen Spiegel vorzuhalten. Dass dieser Spiegel das echte Bild nicht eins zu eins wiedergab, sondern vielmehr die Realität verzerrte, störte niemanden, außer vielleicht die Gespiegelten selbst.

    Die Spiegelung nannte sich „switch“; Übertreibung bis ins Absurde war ihr Motto. „Hoëcker, Sie sind raus!“ wurde zum geflügelten Wort. Die Sendung war einer pausenlosen Zapping-Orgie nachempfunden. Nach drei Jahren legte das Team eine Auszeit ein, um sieben Jahre später zurückzukommen. Doch brauchte man „switch“ eigentlich noch, wo das Fernsehen inzwischen zur Karikatur seiner selbst geworden war? Ja.

    Shows wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“, „Galileo Mystery“ und „Raus aus den Schulden“ schreien geradezu danach, in (echte) Comedy verwandelt zu werden. „switch reloaded“ nannte sich die Sendung nun, die aus einem neuen Team aber fast den gleichen Schauspielern bestand.

    Switch-Urgesteine wie Bernhard Hoëcker, Peter Nottmeier oder Susanne Pätzold mimen TV-Dinos wie Thomas Gottschalk, Johannes B. Kerner oder Antonia Rados. Dass Hoëcker eigentlich viel zu klein ist um den langen Gottschalk darzustellen, spielt keine Rolle. Nase, Locken und die Arme gewichtig in die Höhe – die Parodie ist perfekt obwohl die Täuschung es nicht ist. Denn darin liegt die Kunst von „switch reloaded“: den Zuschauer sofort erkennen lassen, wer gemeint ist, doch niemals ein identisches Abbild zu schaffen. Spott und Hommage scheinen manchmal zu verschmelzen.

    Nicht ohne Grund freuen sich Promis wie Stefan Raab (parodiert von Switch-reloaded-Neuling Max Giermann) oder die Lafer, Lichter, Lecker!-Köche (gespielt von Max Giermann und Michael Kessler) über ihre Doubles – es ist mittlerweile eine Ehre vom Switch-Ensemble berücksichtigt zu werden.

    Die Masche von „switch reloaded“ ist eine Kombination von inhaltlichen und visuellen Gags, die manchmal gar nicht so offensichtlich sind. So steht in jeder Folge „Obersalzberg“, der Hitler-Stromberg-Parodie, ein anderes Foto hinter „Herrn Hitler“ und sogar auf Teppich und Tassen finden sich Hakenkreuze.

    So wie „switch reloaded“ die parodierten Sendungen und Serien zum Kult machte, ist „switch“ selbst Kult geworden. Nun sind die ersten drei Staffeln von „switch“ als DVD-Box erschienen, die vierte Staffel erscheint demnächst. Auf den DVDs sind zusätzlich Audiokommentare der Darsteller, Making-of-Features und ungesendete Sketche zu finden.


3 Kommentare zu Ich bin Zuschauer – holt mich hier raus!

  • Kategorie: muss ich sehen!
  • Soul Surfer am 01.02.2010 12:33
    Teletubbi, Tamagotchi, Tic Tac Toe...
    Lafer, Lichter, Lecker...

    Ich würde das Reality-Poetry nennen : )

    Vielen Dank dafür!
  • Marti Hinrichs am 01.02.2010 13:04
    Parodie oder Karikatur?

    Ich bin switch-fan der ersten stunde und freue mich, hier eine so schöne rezension zu lesen. Vielleicht könnt ihr noch einen text bringen, in dem ihr noch klarer differenziert zwischen parodie und karikatur, denn das sind ja sehr unterschiedliche Formate. Schöner Text!

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