• Ich bin nicht Superman

    In meinen Träumen fliege ich manchmal über die Stadt hinweg, einfach so, aus eigener Kraft, ohne technische Hilfsmittel. Ich erhebe mich aus dem Stand heraus und beginne ansatzlos zu schweben. Mühelos erreiche ich jene Höhe, die ich brauche, um die Stadtlandschaft zu überblicken. Meist ist es warm hier oben. Oder sagen wir: temperaturlos.

    Sigmund Freuds „Traumdeutung“ hat mich bereits im Alter von 17 Jahren interessiert – das Buch kaufte ich mir damals zeitgleich mit Albert Einsteins „Mein Weltbild“ und Konrad Lorenz‘ „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“. Dennoch war ich nie sonderlich an der Deutung meiner eigenen Träume interessiert. Ich habe stets bevorzugt sie als Kinofilme zu erleben.

    Im Kopfkino der Nacht

    Als Kinofilme der besonderen Art wohlgemerkt. Kinofilme, die ich nicht, wie die meisten Filme, die ich im Lichtspielhaus sehe, auf ihre psycho-soziale Funktion hin diagnostiziere. Kinofilme, die ich, so weit es eben geht, genießen will: das Licht, die Zeit, die Tableaus.

    Ich sitze allein in diesem Kopfkino der Nacht und der Film, der gezeigt wird, läuft nur für mich. Gibt es Gemeinschaft in diesem Kino? Ich weiß es nicht. Und wenn ich wieder draußen bin? Meine Träume sind selten oder eigentlich nie Gegenstand meiner Texte, meiner täglichen Kommunikation mit Freunden – Ausnahmen bestätigen die Regel.

    Superman und die planetarische Perspektive

    Ein Déjà-vu der besonderen Art erlebte ich, als Bryan Singers „Superman Returns“ (2006) in die Kinos kam. Man kennt das schon aus anderen Filmen: Superman fliegt, wenn es brennt. Hier wurde ich jedoch daran erinnert: Er fliegt auch in fast schon meditativen Ruhephasen und dann, wenn er sich einen Überblick verschaffen will.

    Dieses flanierende über-die-Stadt-hinweg-fliegen kommt meiner eigenen Erfahrung recht nahe. Tiefer am Kern der Sache rührt jedoch das Bild von Superman über dem Planeten Erde. Es ist der Moment, indem er im Weltall schwebt und auf die Erde hinabschaut. Zugegeben, ich habe diese Position in meinem Traum noch nie eingenommen.

    Aber ich weiss, dass es bei all meinen nächtlichen Flügen durch die Luft um genau diesen Blick geht: die planetarische Perspektive, die totale Übersicht, bei der die Erde in Gänze vor das Auge zu treten scheint, in Wirklichkeit aber doch nur zum Teil, genauer gesagt, zur Hälfte sichtbar wird. Kurz: Bei meinen Flügen, wie auch bei diesem Bild von Superman, geht es um die Illusion von Totalität.

    Es geht darüber hinaus um einen schmalen Grat zwischen Macht und Ohnmacht: die Macht von dort oben alles auf einmal zu sehen und doch niemals mehr als die Hälfte des Ganzen erkennen zu können – auf das Superman-Szenario bezogen: den erleuchteten Teil der Erdkugel.

    Illusion von Totalität

    Was entgeht mir? Was entzieht sich meiner Wahrnehmung? Diese Fragen gehen mir bei meinen Flügen nicht durch den Kopf. Doch im Wachzustand, drängen sich sie sich geradezu auf. Wenn ich nicht träume, misstraue ich der Vogelperspektive. So wie ich allen Prothesen misstraue, die mir einen solchen Blickwinkel ermöglichen.

    Ein Beispiel für eine solche Prothese ist das Blue Marble-Foto. Bekanntlich ist dieses wohl am häufigsten reproduzierte Bild der Geschichte ein Symbol für den Erdball als Einheit und Ganzes. Während im 20. Jahrhundert die Erschaffung der Superman-Figur für Comic, Kino und Fernsehen parallel zu der Erschaffung der Erde im Auge der Satelliten- und Raumschiff-Kameras vonstatten ging, gewann die Illusion der Totalität mit diesem Foto an Boden.

    Es schien und scheint nicht viele Menschen zu interessieren, dass die dunkle Kehrseite des Planeten unsichtbar bleibt, wenn man, wie der Fotograf dieser Aufnahme, aus dem Weltall auf die Erde schaut. Jedoch ist bei näherer Betrachtung selbst die makellos ausgeleuchtete Hälfte voller blinder Flecken: die ganzen Details, die feinen Strukturen, das Flechtwerk des Zusammenhangs: Flüsse, Straßen, Staudämme, Städte, etc. – all das bleibt unkenntlich, wenn man aus dem Weltall auf die Erde blickt.

    Schon Buckminster Fuller hat in „Learning Tomorrows“ (1979) daran erinnert: „I want to think of us on our real planet Earth. We have photographs of our Earth taken from space, and you can see the blue of the water and the brown of the land, but you can’t make out mountains, or see the depth of the oceans. You can’t see any such differential.“

    Warum ist das Wissen um das Nicht-Wissen der Vogelperspektive kein Gemeingut? Das Interesse, den planetarischen Blick auf die Erde zu richten, wird offenbar von Phantasien geleitet, die ein Nicht-Wissen ausschließen. Bestes Beispiel sind Machtphantasien, die das Blue Marble-Foto in Anzeigen von Wirtschaftsunternehmen so vortrefflich illustriert. Sie stützen sich auf dem Versprechen einer alles umfassenden Herrschaft des Wissens.

    Kein lebloses Objekt unter Eis

    Wer das Nicht-Wissen der Vogelperspektive jedoch in Rechnung stellt (also die Kehrseite des Planeten und die Mikrostrukturen des großen Ganzen), stößt alsbald auf einen weiteren blinden Fleck, der der Illusion von Totalität zu Grunde liegt: Aus dem Weltraum betrachtet, ist die Erde ein statisches Objekt, nichts rührt sich. Zumindest ist aus dieser Entfernung für das satellitengestzütze Auge des Menschen Bewegung nicht erkennbar – zumal atmosphärische Gase den Planeten wie Nebelschwaden umhüllen.

    Was die augenscheinliche Statik perfekt macht: Es herrscht absolute Stille. An dieser Stelle wird die Illusion der Totalität als Illusion erkennbar und ad absurdum geführt. Denn: Totatlität kann nicht statisch und geräuschlos wie ein lebloses Objekt unter Eis sein. Im Gegenteil. Totatlität ist immer dynamisch und immer laut, weil sich das große Ganze immer wieder neu zusammensetzt und weil die Beziehungen der Teile untereinander ständig modulieren.

    Totalität ist das, was mich überfordert, was mich an meine Grenzen führt, was sich mir ständig entzieht. Bis sie nicht mehr vernehmbar ist und sich in Stille auflöst, eine Stille, die nicht leblos und statisch ist, sondern eine Resonanz wie in Jean-Luc Nancys „A l’écoute“
    oder eine Gewalt wie in Ingmar Bergmans „Tystnaden“ (1963).

    Bin ich mit übernatürlichen Kräften ausgestattet und heiße Superman, stoße ich freilich nicht so schnell an meine Grenzen. Totalität ist in diesem Fall weder überfordernd noch ungreifbar. Sondern ein Rausch der Sinne: 20 Sekunden lang zeigt Bryan Singer seinen Helden versunken in globalem Rauschen, dann richtet sich sein Fokus auf sonische Einzelobjekte, er horcht in die ganzen Mikrostrukturen des Zusammenhangs hinein, macht einzelne Stimmen aus, etc. Faktisch entzieht sich ihm selbst die dunkle Erdhälfte nicht – natürlich kann einer wie Supermann auch im Weltall um die Ecke hören.

    Wenn Du nicht Superman bist…

    Kann ein Normalsterblicher eine vergleichbare Erfahrung überhaupt machen? Kann ich als einer, der bestenfalls in seinem nächtlichen Kopfkino Superman ist, in meinem Alltag Totalität erfahren? Ich glaube, dass dies sehr wohl möglich ist. Aber nicht aus der planetarischen Perspektive, nicht bei dem Blick von oben nach unten, sondern im urbanen Alltag bei dem Blick von unten nach oben.

    Hier in der bisweilen ohrenbetäubenden Stadt, hier bade ich widerwillig in der Sinfonie der Klingeltöne, Stimmen, Autohupen, sonischen Reifenspuren und all der Sinneseindrücke, die ich mit Augen, Nase, Haut und Gaumen registriere und in Tonsignale zurückübersetze: Gerüche, Bilder, Berührungen und gustatorischer Input – alles wird Lärm.

    Ich höre, was ich nicht hören will, und sehe, wenn ich nach oben schaue und im blauen Himmel nach Stille suche, nicht das, was ich sehen will. Im Angesicht von Handy-Masten, Kabelwerk, Smog, Global-Warming-Wolken, Flugzeugen und ihren toxischen Spuren ist auch der Himmel nicht das vermeintliche Netzwerk der Stille, sondern lediglich die formal anders komponierte Kehrseite des irdischen Lärms.

    Statt Kleinteiligkeit herrschen dort oben vor allem Flächen. Flächen, die den gesamten Planeten umschließen und sicherlich aufgrund ihrer Flächigkeit etwas plastischer als die Infrastrukturen am Boden das große Ganze erahnen lassen.

    Flächen, die im Zuge der Erderwärmung immer poröser werden. Paul Virillio prägte bereits in den 1990er Jahren den Begriff des offenen Himmels („open sky“). Die Flächen werden hier, in der Stadt, gerade aufgrund dieser dramatischen und höchst besorgniserregenden Öffnung zu meiner wichtigsten Bezugsebene.

    …kannst Du Clark Kent sein

    Das Rauschen und die Dynamik, die ich hier erfahre, erfahre ich als das Rauschen und die Dynamik des großen Zusammenhangs. Eines Zusammenhangs, der sich weit über die Begrenzungen des Planeten hinaus auf das Universum hin öffnet. In diesem Moment stehe ich nicht über den Dingen, sondern mittendrin.

    Verglichen mit der Superman-Erfahrung wirkt dies auf den ersten Blick irgendwie trivial. Auf den zweiten Blick jedoch ist gerade das Triviale das Sensationelle: Die Erfahrung von Totatlität wird hier nicht nur einem aussergewöhnlichen Einzelnen zuteil, sondern potenziell allen. Und man muss dafür noch nicht einmal die Erde verlassen.


10 Kommentare zu Ich bin nicht Superman

  • Joerg Offer am 06.03.2010 15:11
    Natürlich bist du Supermann!
  • Also wenn ich Dir da so folge auf Deinen Flügen und so... Es ist schon nicht einfach sich von diesen Machtphantasien loszueisen, aber Deine Clark Kent-Vision ist auch attraktiv!
  • Silvia am 06.03.2010 18:45
    @Jörg: Aber wenn er doch gar nicht Superman sein will?
  • Joerg Offer am 06.03.2010 18:51
    Das konnte sich Clark Kent seinerzeit auch nicht aussuchen! Er ist wahrscheinlich ebenfalls mit grünem Kryptonit aus Opole verstrahlt worden..seinerzeit!
  • Radoslav am 06.03.2010 18:52
    Zwo mal "seinerzeit", da müssen wir leider eines abziehen, macht nur noch ein winziges Pünktchen für den Hern Offer!
  • O Superman. O judge. O Mom and Dad. Mom and Dad.
    O Superman. O judge. O Mom and Dad. Mom and Dad.
    Hi. I'm not home right now. But if you want to leave a
    message, just start talking at the sound of the tone.
    Hello? This is your Mother. Are you there? Are you
    coming home?
    Hello? Is anybody home? Well, you don't know me,
    but I know you.
    And I've got a message to give to you.
    Here come the planes.
    So you better get ready. Ready to go. You can come
    as you are, but pay as you go. Pay as you go.

    And I said: OK. Who is this really? And the voice said:
    This is the hand, the hand that takes. This is the
    hand, the hand that takes.
    This is the hand, the hand that takes.
    Here come the planes.
    They're American planes. Made in America.
    Smoking or non-smoking?
    And the voice said: Neither snow nor rain nor gloom
    of night shall stay these couriers from the swift
    completion of their appointed rounds.

    'Cause when love is gone, there's always justice.
    And when justive is gone, there's always force.
    And when force is gone, there's always Mom. Hi Mom!

    So hold me, Mom, in your long arms. So hold me,
    Mom, in your long arms.
    In your automatic arms. Your electronic arms.
    In your arms.
    So hold me, Mom, in your long arms.
    Your petrochemical arms. Your military arms.
    In your electronic arms.

    http://en.wikipedia.org/wiki/O_Superman
  • Silvia am 07.03.2010 08:24
    @ Jörg: Ich dachte es geht hier um Phantasien und NICHT um Strahlungen.
  • jutta m. am 07.03.2010 15:31
    Vielleicht Strahlungsphantasien als Kompromiss?
  • [...] den Füßen nicht zu spüren, sagt sie in der dritten Person über sich. Es gilt zu verstehen: Sie schwebt. Im Schwebezustand entfaltet sie ein überempfindliches Gehör. Was sie hört, hört sie besser, [...]
  • [...] beziehen – in diesem Fall Insomnia – und meine philosophische Auseinandersetzung mit Schlaf als Ausnahmezustand des Gemeinsam-Seins im Anschluss an Jean-Luc Nancys Essay “Tombe de [...]

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