• Ich bin ganz Ohr

    Alles beginnt mit einem Fenster. Wer das Fenster öffnet, macht das Tor zur Welt auf. Bleibt das Fenster geschlossen, bleibt auch der Zugang zur Welt versperrt? Ich frage, weil ich davon ausgehe, dass wir schon immer in der Welt sind. Das In-der-Welt-Sein ist gegeben – ob mit offenen oder geschlossenen Fenster. Was aber ist dann das Fenster? Ein Rahmen der Weltwahrnehmung – ich denke an die Architektur- und Kunstgeschichte. Ein Rahmen der Subjektwerdung – ich denke an Franz Kafka („Eine kaiserliche Botschaft“) und Kolja Mensing („Schreibtisch“). Eine Öffnung – aber worauf hin? Auf das Ungewisse, das Ungewollte, das Ausgeperrte: den Lärm.

    In unserer Wohnung, an einer der verkehrreichsten Kreuzungen Berlins, ist es schwer den Lärm davon abzuhalten, einzudringen. Vor einigen Jahren fand eine grundlegende Renovierung des Gebäudes statt. Wir erhielten Fenster, die mit Schallschutztechnologie ausgestattet sind. Der Lärm kommt jetzt feiner dosiert in die Wohnung. Der Lärm, als Musiker verstanden, der seinen Produzenten gewechselt hat, kommt nun in einem neuen Klangdesign daher. Dichter, pointierter, ausgeglichener. Ist Lärm, der all das und insbesondere ausgeglichen ist, überhaupt noch Lärm?

    Manchmal sitze ich in der Nähe des Fensters und lausche. Ich muss mir Mühe geben. Ich muss mich konzentrieren. Ich muss versuchen, eine innere Balance zu finden, die es zulässt, dass ich den Lärm als etwas anderes als eine Störung wahrnehme. Dass ich den Lärm nicht als Lärm wahrnehme, sondern als Stille. Jene besondere Stille, die als Rauschen weder geräuschlos noch geräuschüberschäumend ist. Sondern eine sonore Gratwanderung beschreibt, einen hörbaren Liebesbrief an die Sinne, die sich baden, die eintauchen, die zu schwimmen beginnen, in dem, was den schmalen Grat zwischen von Hörbarem und Unhörbarem beschreibt.

    Wenn ich an unserem Fenster sitze, jenem Fenster, das zur Kreuzung hin sich öffnen lässt, höre ich, wenn ich in guter Verfassung bin, das Meer rauschen. Rauschen, das mich zuhören, hinhören, weiterhören lässt. Vehikel (Lastwagen, PKWs, Straßenbahnen, Busse) werden zu preschenden, treibenden, sausenden Wellen. Manchmal ist dieses Bild in meinem Ohr der einzige Weg das Potenzial jener Gewalt zu bannen, die vom Klang ausgeht. Manchmal kann ich diese Klangwelt genießen. Manchmal mache ich auf meiner Stereoanlage Musik an, die dazu passt: atonal-symphonisches Zeugs, langgezogen, tief, sanft-kreischend. Angel, Cage, Takemitsu. Ich weiss, dass es nur einem Blinden mehr bedeuten als mir, in dieser Situation das Fenster aufzureissen. Aber was heißt schon „bedeuten“? Gibt es John Cage – ich meine den Theoretiker – auch schon in Blindenschrift zu lesen?

    In-der-Welt-Sein. Wie? Irgendwie. Oder intensiv. So intensiv, dass Steigerungen nicht mehr möglich sind. Davon kann man vielleicht nicht sprechen, aber ich versuche davon zu schreiben, jedenfalls habe ich Erinnerungen an ein solches Erlebnis gespeichert. In der Erinnerung, also retrospektiv zu einem solchen Moment geworden? Oder auch schon im Moment des Erlebens selbst? Im Moment des Erlebens, sprich: Hörens, wusste ich: das ist es. Deshalb habe ich die Erfahrung wiederholt. Mehrfach. Sollte man nicht tun, ich weiß. Weil sich sonst die Einzigartigkeit des Ereignisses verflüchtigt. Ich kann sagen: einzigartig war es dennoch. Fenster im wortwörtlichen Sinne gab es hier nicht. Es war eher die Absenz von Fenstern. Ein langer schlauchartiger Gang.

    Ich spreche von einem Gang entlang der litauischen Küste. Hinter Hügeln, zu meiner rechten Seite, die so hoch und bewaldet sind, dass man den Strand nicht sehen kann, rauscht das Meer. Zu meiner linken Seite: Bäume. Ausläufer eines Parks, der zum Meer hin keine Grenze hat. Unter und vor mir: ein Steinboden, zwei Meter breit. Ein Jogger, zwei Liebende Hand in Hand, sonst kaum Menschen. Bald ist vor mir niemand mehr zu sehen. Ich schaue mal links, mal rechts, aber meistens nur ganz ruhig nach vorn. Es geht Hunderte von Metern gerade aus. Am Ende liegt ein Fluchtpunkt, der nicht näher kommt, der sich nicht genau erkennen lässt, der verschwimmt, schwindet. Meine Augen werden betäubt. Das unsichtbare Meer dehnt sich immer weiter aus, vermischt sich mit Park, angrenzender Straße und dahinter liegenden Siedlungen – ein vielstimmiger, großer Zusammenhang, ein konturloses, alles umfassendes Überall. Jetzt bin ich ganz Ohr.

    Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Flugzeug, über dem Atlantik, in einer geräumigen Boeing-Maschine, zwischen den Zeitzonen. Netbook, Bier, trübes Licht, ein langer, mit Staub von Schlafdecken elektrisierter Schlauch und der ewige Klang der Triebwerke. Oropax in den Ohren. Abgeschottete Fenster. Rauschen transportiert mich. Ein Rausch.


9 Kommentare zu Ich bin ganz Ohr

  • Regina Taube am 07.02.2010 08:57
    inspirirender text, so beginnt der sonntagmorgen mit poesie, bzw. einem "Liebesbrief an die Sinne".
  • Silvia am 07.02.2010 09:27
    hört, hört! : )
  • Fabian W. am 07.02.2010 13:39
    Der palanganische Strand ist mir auch noch in sehr lebhafter Erinnerung. Ein fast schon mystischer Ort.
  • Sehr interessanter Text, der mich sofort an DeLillos "White Noise" denken lässt
    http://en.wikipedia.org/wiki/White_Noise_%28novel%29
  • Peter am 09.02.2010 10:33
    I like.
  • [...] Anzukommen und sich aufzuhalten in Berlin – das war die Erfahrung “einer Abwesenheit von Aufenthalt” (Maurice Blanchot). Man war in einer Stadt, in der alle wie auf Alcatraz ihren Gefängnis-Routinen nachzugehen schienen und sich zugleich so ungebunden wie auf einer Durchreise verhielten. Man war (Dauer-)Tourist und (Teilzeit-)Knacki zugleich. Der “Jailhouse-Rock”, der hier gespielt wurde, hallte noch lange nach in meinen Ohren. [...]
  • [...] Alle singen. Alle hören. Planetarische Gemeinschaft – eine Grenzerfahrung zwischen Lärm und Übermorgenklang. Krystian Woznicki · 13.03.2010 2 Kommentare Share Feuilleton > Notizen [...]
  • [...] Arten von Hören. Einerseits ein Hören im Zeichen der sinnlichen Wahrnehmung; hier ist das Ohr eine Membran, der Mensch ein Resonanzkörper, das in-der-Welt-Sein ein sonisches Ereignis. [...]
  • [...] Filmstill aus Thomas Arslans “Ein schöner Tag” (2001) Der Lärm, den alle Menschen hervorbringen, der das “Gemeinsam-Sein” (Nancy) zu Gehör bringt – es ist dieser Lärm, der mit dem Jeans-Geräusch auf eine gleichermaßen banale wie signifikante Sound-Signatur heruntergebrochen wird. Selten war das Verhältnis von Ich und Welt so klar wie hier. Selten wurde es so unverstellt, so unverhohlen präsentiert. Die vermeintliche Essenz: ein subtiler Noise. Wir sind ganz Ohr. [...]

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