• Abrechnung mit dem Hurrakapitalismus

    Was haben die WM, die GEZ, Google Street View und das iPad gemeinsam? Sie scheiden die Geister, sie können begeistern oder nerven, man liebt sie oder man hasst sie. Ein Erfahrungsbericht.

    Das Jahr ist zur Hälfte um und mein Projekt, mir nicht die Laune von den Begebenheiten des Alltags verderben zu lassen, ist fehlgeschlagen. Zuletzt lag ich stundenlang wach auf einem Bett in Kanada, weil mir die Ankündigung, in Kürze für den Nichtbesitz und das heimische Nichtgucken von TV Kohle abdrücken zu müssen, an den Gehirnwindungen nagte.

    Gleichzeitig trieben im Straßenbild wieder die Fahnenschwenker ihr Unwesen, zur Freude aller internetbedrohten Qualitätsjournalisten, die sich so gern am wieder erwachten Nationalgefühl der BRD ergötzen. (Mir selbst war nur das Bild eines deutschen Bürgers anno 1939/40 im Kopfkino, der mit seiner Familie an der Landkarte den Fortschritt der deutschen Armeen in Europa verfolgt.)

    USB-getriebene Genitalschmeichler

    Das iPad lacht vom Plakat: Insignie des florierenden Hurrakapitalismus. Endlich keine Bücherregale mehr, dafür alle drei Jahre ein neues Gerät mit WLAN-Vertrag. Schlangestehen für das erste erhältliche Teil. (Was für Leute machen sowas eigentlich?) Mein finnischer Freund rief gleich an: Wollte ich nicht meine Kunstwerke als App entwickeln? Ja, hmm, selbst wenn ich wollte, müsste ich erstmal so ein Gerät haben, und davor müsste ich es auch haben wollen, und dann überhaupt bezahlen können.

    Er selbst hat es auch nicht, aber ein Freund: ja im Bett damit lesen sei nicht so geil. Kein Urteil über das Bespielen des eigenen Geschlechtsteils beim iPadden gefunden, aber sofort Patent angemeldet für einen USB-getriebenen Genitalschmeichler. Letzte Woche dann packte mich wieder die Street View Krätze und ich fuchtelte wie Lady Macbeth: Out, damn spot!

    Ganz aufgeben mag ich mein Jahresprojekt dennoch nicht: Bei Housmans am Kings Cross kaufte ich jüngst Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“ in neuer Übersetzung; Debords schlecht gelauntes Buch liest sich wie Dichtung zur Zeit. Das Licht war aus. Stromausfall. Kasse ging nicht. Keine Geldautomaten. Schöne elektronische Welt. Der Buchladen – radical booksellers since 1945 – hat viele Texte von Breton und den Situationisten.

    Aber so richtige Freude kam durch zwei Passagen bei Wolfgang Welt auf, die sich zwar auf eine Zeit vor 20 Jahren beziehen: Lapidar erzählt er in „Doris Hilft“, dass ihm die deutsche Einheit am Arsch vorbei ging, und ein Sieg Deutschlands über Argentinien egal war. Da leuchtete mein Herz und ich konnte wieder an meinen Klangarbeiten schneiden und Zeichnungen zeichnen.


4 Kommentare zu Abrechnung mit dem Hurrakapitalismus

  • Jordi am 28.08.2010 10:24
    Es geht doch nichts über so richtig schlechte Laune, um in den Samstag zu starten! Danke für den Text ;)
    Jordi
  • Radoslav am 28.08.2010 23:16
    "...USB-getriebenen Genitalschmeichler", gefällt mir die Idee!
  • Wolfgang am 29.08.2010 12:17
    sehr angenehmer Text über Unangenehmes!
  • Warum fällt es so vielen Menschen schwer mal etwas schönes zu beschreiben, es ist so leicht zum leben nein zu sagen, das grosse aber überall..

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