• Gedächtnisarchitektur: Ein Haus ohne Schlüssel?

    Ein Haus, das verbarrikadiert ist, für das wir keinen Schlüssel mehr haben (wollen) – das ist unser Gedächtnis. Berliner Gazette-Autorin Dana Buchzik macht in ihrem Essay Mut, Geschichten zu erfinden und dabei sein eigenes Haus neu einzurichten.

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    „Unsere Arme und Beine sind voll von schlummernden Erinnerungen“ (Marcel Proust: Die wiedergefundene Zeit). Der Schlaf der Erinnerungen ist leicht, sie warten darauf, wach gerufen zu werden. Der Sinn des Erinnerns besteht darin, sich für die Zukunft zu wappnen, eine interne Warnfunktion zu etablieren, um nicht zwei Mal in dieselbe Falle zu gehen. Emotionen sind die besten, unbeirrbarsten Gedächtnisverstärker; eine Erinnerung, die von Emotion durchsetzt ist, wird zur trotzigsten Instanz, wird durch jeden Abrufreiz, jede erneute Aktivierung mächtiger, behauptet sich gegen jeden Gedanken, der sich ihr kritisch in den Weg stellen will.

    Der Philosoph Gaston Bachelard wählt nicht von ungefähr das Bild von der Erinnerung als Haus – etwas Starres, Befestigtes, zu erschüttern nur durch Katastrophen, die wir uns nicht leisten können: Es lassen sich nie nur einzelne Teile des Innersten zerstören; wir wären unser eigener Kollateralschaden.

    Unser Haus der Erinnerung

    Wir glauben, unser Elternhaus verlassen zu haben, aber es hat uns nicht verlassen. Wohin wir auch gehen, wir tragen – mehr oder weniger schwer – an diesem inneren Elternhaus, in das unsere ersten und tiefsten Prägungen eingeschrieben sind. Wenn wir früh verletzt wurden, wabert das Gespenst dieser Erinnerung durch unseren Körper, hält das innere Elternhaus besetzt. Paradoxerweise geht es immer noch um Schutz: Das Gedächtnis begreift nicht, dass etwas schief gelaufen ist, das Haus glaubt, sich für einen guten Zweck verteidigen zu müssen, und sei es vor uns. Das Haus verbarrikadiert sich, betoniert Fenster ein, bringt tragende Wände zu Fall, sobald wir wagen sollten, uns ihm zu nähern: „Ich bin eine Welt geworden, zu der ich keinen Zugang habe…“ (Soazig Aaron: Klaras Nein).

    Das Haus macht uns hilflos, so wie wir hilflos gewesen sind, als wir verletzt wurden. Hilflosigkeit ist nicht zuletzt durch Wortlosigkeit gekennzeichnet – sei es, weil man noch Kind, noch im vorsprachlichen Zustand ist, sei es, weil man so erschüttert ist, dass man in die Entsprachlichung fällt, sich nicht zur Wehr setzen kann, vielleicht nicht einmal im Nachhinein berichten kann von der Erschütterung, weil sie so mächtig ist, so lange nachwirkt. Im Schweigen setzen wir diese Ungerechtigkeit fort. Und etwas in uns wird nicht aufhören, das übel zu nehmen. Da will etwas heil werden, und sei es auf Kosten unserer selbst.

    Lesen kann heilen

    Der erste, vorsichtige Schritt zur Gesundung kann im Lesen bestehen. Im Lesen lässt sich das Haus der Erinnerung, lässt sich unser Körper mit all seinen Klagen und Zwängen transzendieren. Lesen ist die kurzzeitige Absage an die eigene Erfahrung, die eigenen Umstände, ein Verschnaufen können von sich, eine bedächtige Flucht in einen halbbewussten Zustand, in eine Zwischenwelt, wo wir in eine fremde Geschichte eintauchen und uns selbst im Licht dieser Geschichte neu betrachten können, Mut schöpfen, dass die bestandenen Abenteuer des fremden Protagonisten auch unsere sein könnten.

    Ich glaube, dass Literatur uns im Innersten erschüttern muss, um diesen Möglichkeitsraum zu erzeugen. Und dafür braucht es eine Sprache, die uns zwingt, die Komfortzone des Jetzt und damit des Bewussten, scheinbar Kontrollierbaren, zu verlassen, uns einzulassen auf einen Sprachraum, den wir nicht unmittelbar begreifen, sondern dem wir uns ganz widmen, in den wir bedingungslos eintreten müssen. Je mehr Sprache fordert, je mehr sie den Geist antreibt, desto mehr belohnt sie auch. Das leicht Lesbare, das, was nicht tief in uns greift, ist zu kurzlebig, zu machtlos: Erst in der Tiefe „gibt es für unsere Träume keine Grenze“ (Gaston Bachelard: Poetik des Raumes).

    Im Kopf wird alles möglich

    Im Lesen und Schreiben sind wir niemandem Rechenschaft schuldig. Hier können wir unsere Gehirne austricksen, so, wie sie uns ausgetrickst haben: „Wo nichts anderes mehr stehen dürfte als Scham und Verzweiflung, nimmt (die Dichtung) ihre Form an, die potenzierter Verrat ist – Verrat, zum Glück, a u c h an der Verzweiflung.“ (Adolf Muschg: Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare.)

    Unser Gehirn ist nicht dafür konzipiert, Dinge fehlerfrei abzuspeichern, sondern dafür, sich an neue Erfahrungen und neue Umgebungen anzupassen. Warum sollten wir also von ihm Dinge erwarten, die es nicht leisten kann? Warum sollten wir es, warum sollten wir uns nach Wahrheit fragen? Die Erinnerung, die sich wie unumstößliche Wahrheit anfühlt, ist eine Hilfskonstruktion. Allein im Laufe unseres Lebens werden wir uns dieselben Geschichten immer wieder anders erzählen und wir werden dabei nie ehrlich sein. Sich vom Wahrheitsanspruch zu lösen, bedeutet, den Eingang ins Schreiben zu finden. Wir sind mit der Sprache und uns allein, in unserem Kopf wird alles möglich.

    Das Haus neu einrichten

    Wir müssen das Haus der Erinnerung nicht zerstören, wir müssen ihm neue Geschichten anbieten, sein Vertrauen gewinnen, damit es uns wieder zugänglich wird. Wir müssen neue Worte und Welten in ihm aufgehen lassen. Der Einsamkeit, dem Schmerz ihre Berechtigung lassen, aber auch Trost einladen, Linderung. Wir müssen uns dieses Haus heimisch machen. Die wertvollste Heimat ist die, die wir selbst erschaffen haben, die wir einrichten können mit allem, was wir brauchen und wollen. Dann endlich können wir wagen, dieses Haus zu bewohnen. Dann endlich kann es uns, können wir uns selbst nichts mehr anhaben.

    Im Lesen waren wir begeistert vom fremden Werk, von der Vorstellung der Befreiung eines fremden Protagonisten: Wir haben begonnen, die Idee von Heilung zuzulassen. Im Schreiben können wir diese Begeisterung, diese Möglichkeit von Mut aus dem Passiven ins Aktive und damit ins Sprachliche transferieren, können uns die Macht zugestehen, eine neue Geschichte, ein neues Selbst zu erfinden, und es dann mit in die Welt nehmen – ein anfangs vielleicht vorgetäuschtes Wunder, aber ein Wunder, das wachsen kann, wie alles, dem wir Macht zu geben bereit sind.


1 Kommentar zu Gedächtnisarchitektur: Ein Haus ohne Schlüssel?

  • melmoth am 26.06.2012 00:47
    Bei dem Text hab ich mir als erstes ein gedankliches Außenklo eingerichtet.

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