• Entwicklungszusammenarbeit 2.0: Mit dem Handy gegen Hunger

    Hitze, Hütten und Handys? Kein ungewöhnliches Bild in vielen ländlichen Gegenden Afrikas. Abseits der Küsten und großen Städte prägen Armut und Not das Leben vieler Menschen. Doch auf dem Kontinent hat längst eine mobile Revolution begonnen.

    Schon heute haben fast 40 Prozent der Afrikaner ein Mobiltelefon, rasend schnell werden es mehr. Der Grund dafür ist einfach: Handy und Internet bieten Zugang zur vernetzten Welt des 21. Jahrhundert, sie sind ein Schlüssel zur wirtschaftlichem Erfolg. Wie Menschen im ländlichen Raum Teil einer vernetzten Gesellschaft werden können, diskutierten Experten der Entwicklungszusammenarbeit aus aller Welt in Berlin. Eingeladen hatte die deutsche GTZ, die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit.

    Technologien wie Internet oder Mobilfunk, zusammengefasst als ICT (Information and communication technologies), versprechen vor allem für ländliche Gegenden riesige Entwicklungschancen – und damit ein großes Potential im Kampf gegen den Hunger und Elend. Ein Großteil der weltweit 925 Millionen Hungernden sind Kleinbauern. Sie können kaum von ihrer Ernte leben. Ein entscheidender Grund dafür sind Informationsdefizite: Ohne Zugang zu Wettervorhersagen, neuem Saatgut und Anbautechniken, dem Wissen um Dünger und Fruchtfolgen oder dem Zugang zu einem Markt, kann Landwirtschaft in keinem Land der Welt erfolgreich sein.

    Die Saatgut-App

    An dieser Stelle setzen nun die Überlegungen von Entwicklungszusammenarbeit und Forschung ein. ICTs sollen helfen, die digitale Kluft zu überwinden. Einzelne Pilotprojekte zeigen ernorme Erfolge. Roxanna Samii vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung der UN berichtet von einem Pilotprojekt in Sambia. Bauern schicken eine SMS mit ihrem Angebot an eine Nummer.

    Händler erhalten diese Information und geben ihr Angebot ab. Wenig später kommt eine Nachricht auf das Handy der Bauern. Sie listet alle Angebote auf, die Bauern können selbst entscheiden, wem sie zu welchem Preis ihre Ernte verkaufen.

    Vorher waren die Landwirte auf einen einzelnen Zwischenhändler angewiesen, der ihnen die Preise diktierte. Oft steigerten die Bauern ihr Einkommen um bis zu 50 Prozent. Obwohl die SMS nicht billig ist, nutzen viele Bauern das Angebot: „Das zeigt – die Angebote müssen nicht gratis angeboten werden. Wenn die Menschen merken, welche Vorteile sie haben, dann bezahlen sie das Geld gerne.“, erzählt Roxanna Samii, die damit auf fehlgeleitete Entwicklungshilfe in den letzten Jahren anspielt.

    Zu wenig Netz

    Doch fehlende Stromversorgung oder unzureichende Netzabdeckung machen den Aufbau eines funktionierenden Systems schwer. Wie groß das Bedürfnis nach der neuer Technik ist, zeigt ein Beispiel aus der Mongolei. Nur etwas mehr als drei Millionen Menschen leben in dem riesigen Land. Die meisten davon sind Nomaden, die mehrmals im Jahr den Standort wechseln. Trotzdem hat jeder zehnte von ihnen ein Handy. Unter den denkbar schwierigsten Bedingungen versuchte die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) ein Handynetz aufzubauen.

    „Die Menschen warten auf die Technologie. Sie wollen teilhaben“, erzählte eine deutsche Entwicklungshelferin, die das Pilotprojekt vor Ort mit aufgebaut hat. Am Ende fanden sie und ihre Kollegen eine Lösung mit tragbaren Satellitenschüsseln und Solaranlagen: Die Menschen verpackten ihren Zugang zur Welt einfach in dicke Tücher und nahmen ihn mit zum nächsten Weidegrund.

    Valerie D’Costa, Programm-Managerin von infoDEV, einem globalen Finanzierungsprogramm der Weltbank, betont, dass ICTs keineswegs ein Selbstzweck sind. „Diese Technologien sind der Weg zu einem Ziel.“ Handys können etwa in den Händen von Menschen in einem repressiven System zu einem starken Instrument werden: „Demokratisierung von unten“, nennt D’Costa diesen Effekt.

    Anton Mangstl, Abteilungsleitet der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) bemängelt, dass ICTs noch immer nicht den Einfluss haben, der ihnen zusteht. Dabei sei es eine „unglaubliche Ungerechtigkeit“, dass manche Menschen keinen Zugang zu den modernen Technologien haben. Als „fast schon ein Recht des Menschen“, bezeichnet Mangstl die Möglichkeit, Informationen jederzeit abrufen zu können.

    Valerie D’Coasta vom infoDEV-Programm der Weltbank sieht es ähnlich: „Verdient es jedes Land ein Teil der globalen Kette aus Information und Handel zu sein? Verdient es jedes Unternehmen die Chance zu bekommen das nächste Google zu werden, egal in welchem Land es agiert? Die Antwort ist ja. Alles andere spiegelt eine Welt von vor zehn Jahren wider.


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