Mr. Geiger, bitte messen Sie! Das soziale Netzwerk Hakatte Geiger zündet Austausch über Strahlendaten

Stellen Sie sich vor: Sie sind in Tokio unterwegs und fragen sich, wie hoch die radioaktive Strahlung in der Nachbarschaft ist, die Sie gerade betreten wollen. Das soziale Netzwerk Hakatte Geiger bringt Menschen zusammen, die solche Fragen haben und jene, die entsprechend antworten können. Norifumi Ogawa, der Gründer, gibt einen Einblick in sein zukunftsweisendes Bürgernetzwerk.

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Seit dem 11. März vergangenen Jahres herrscht große Verunsicherung in Japan. Die Menschen haben Angst vor radioaktiver Strahlung. Nicht alle haben einen Geigerzähler. Und selbst wenn: Nicht alle wissen, wie man damit umgeht. Ich wollte in dieser Situation helfen, also habe ich Hakatte Geiger gestartet. Die Beta-Version habe ich drei Monate nach der Dreifachkatastrophe lanciert – 10 Tage Produktionszeit.

Die Kernschmelze in Fukushima hat die Umwelt in Japan nachhaltig verändert. Jetzt versuche ich, diesen neuen Raum zu vermessen: Zusammen mit circa 2.500 Menschen bemühe ich mich darum, den Stand der radioaktiven Strahlung zu kartieren. Als Arbeitsplattform dient uns ein soziales Netzwerk. Die Bürger, die hier aktiv sind, sind Freiwillige.

Sie posten Werte radioaktiver Strahlung, die sie selbst erfassen. Da sie die Daten auf einer geografischen Karte einpflegen, wird jeder Messwert automatisch einem bestimmten Ort zugewiesen. So entsteht ein Bild von Japan und der Strahlenwerte auf den vier Inseln, die das Land ausmachen.

Ein soziales Netzwerk für Strahlendaten

Die Karte ist für alle Menschen einsehbar. Also auch für jene, die nicht selbst aktiv sind und Messdaten zur Verfügung stellen. Dieses Angebot wird tatsächlich genutzt. Unsere interaktive Karte ist inzwischen in den Wohnzimmern zahlreicher Menschen im ganzen Land angekommen. Auch, weil wir seit vergangenen Sommer recht viel Aufmerksamkeit in den Medien erfahren haben. Zeitungen haben über unser Projekt berichtet, darunter Yomiuri Shimbun. Die meisten Berichte gab es aber im Fernsehen, auf Sendern wie NIHON TV, TV Asahi, TV TOKYO und FUJI TV.

Ein besonderes Feature von Hakatte Geiger besteht darin: Menschen, die keinen Geigerzähler haben, können via unserer Webseite überall eine Messung anfragen. Jemand, der zum Beispiel irgendwo in Tokio steht und wissen will, wie die Strahlenwerte der Nachbarschaft sind, die er gerade betritt, kann über unser Netzwerk von Freiwilligen an die gewünschten Informationen kommen. Die meisten Menschen posten über das Web-Interface, aber nicht wenige posten auch über entsprechende iPhone-Apps. So funktioniert Hakatte Geiger in besten Momenten wie ein mobiles soziales Netzwerk für Strahlendaten.

Ich kenne die negativen Aspekte von sozialen Netzwerken, gerade auch in Momenten der Katastrophe. Aber hier wird keine Panik geschürt, sondern das Gegenteil: Die Menschen, die sich bei Hakatte Geiger gegenseitig vernetzen und einander helfen, minimieren die Angst im Alltag. Wenn die Regierung nicht immer und überall die Daten über radioaktive Strahlung zur Verfügung stellen kann, ist es so gesehen sehr beruhigend, bei uns die fehlenden Daten zu bekommen – selbst wenn man daraus nicht immer Folgen für die eigene Gesundheit ziehen kann.

Das Wichtigste ist, Menschen zu erreichen

Eigentlich habe ich keine besonderen technischen Kenntnisse. Viele Menschen, die sich ein bisschen mit den aktuellen digitalen Werkzeugen auskennen, könnten ein solches Angebot aufsetzen. Wir nutzen den Webserver Apache, die Programmiersprache PHP (auch WordPress ist darauf aufgebaut), die Datenbank PostgreSQL und die Schnittstelle GoogleMapsAPI. All das wird in der Amazon Cloud betrieben. Das entscheidende ist: Kann man ausreichend viele Menschen mit seinem Angebot erreichen?

Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben. Manche Beobachter sagen, es läge daran, dass wir ein sehr user-freundliches Format geschaffen haben. Ein Format, das einfach sehr gut in den Medien-Alltag der Japaner passt – irgendwo zwischen Spielen auf Smartphones und SMS-Romanen. Jedenfalls sind wir stolz, dass inzwischen über 6.500 Menschen unsere Daten angefragt haben – ich spreche von Menschen, die, wie eben beschrieben, irgendwo stehen und selbst keinen Zugang zu einem Geigerzähler und entsprechenden Daten haben. Gemeinsam mit allen Beteiligten haben wir über 42.000 authentische Messdaten zusammengetragen.

Hakatte Geiger bedeutet übrigens soviel wie “Mr. Geiger, bitte messen Sie!”. Mit einer Prise Humor verschaffen wir uns Zugang zu einer sehr ernsten Sache. So können wir der Angst vor Radioaktivität ein Schnippchen schlagen.

Anm.d.Red.: Der Verfasser des Beitrags hält einen Vortrag im Rahmen der transmediale Konferenz in/compatible publics – am Samstag, den 4. Februar um 14 Uhr im Haus der Kulturen der Welt. Weitere Projekte zur Kartierung von Strahlendaten wurden kürzlich bei Learning from Fukushima vorgestellt. Mehr zu den Folgen der Dreifachkatastrophe in unserem Fukushima-Dossier. Foto: Krystian Woznicki. Grafik: Hakatte Geiger.

13 Kommentare zu “Mr. Geiger, bitte messen Sie! Das soziale Netzwerk Hakatte Geiger zündet Austausch über Strahlendaten

  1. Ich sehe nur einen grauumrandeten Kasten mit einem blauen fragezeichen. also das bild unter der überschrift…das andere bild geht…

  2. Hier ein Hinweis auf einen Vortrag von Yukiko Shikata zu diesem Themenfeld: “*After 3/11 – for the New Public to merge with Art, Life, Science and Society*”.

    Yukiko Shikata is a media art curator and critic living in Tokyo. She has cooperated with prestigious institutions such as Canon ARTLAB, Mori Art Museum, NTT InterCommunicationCenter [ICC] and has been a jury member at the Prix Ars Electronica, UNESCO Digi-Art Prize, Nam June Paik Award and Japan Media Arts Festival. Her academic career includes positions such as professor at Tokyo Zokei University, guest professor
    at Tama Art University, lecturer at IAMAS (Institute of Advanced Media Arts and Sciences) and co-curator of the Media City Seoul 2012.

    *RESERVATION*
    If you wish to join this event, please reply to this invitation by
    Wednesday, we offer only 20 seats.

    *DATE*
    Friday, February 3rd 2012, 19:00 CET

    *ADMISSION*
    free

    *LOCATION*
    UNCLE Berlin
    Große Hamburger Straße 17
    10115 Berlin
    http://www.uncle-berlin.de

    *ENTRANCE*
    Hamburger Hof
    last door far left (the brown building):
    http://www.hamburgerhof.net/pictures/1.JPG

    *PUBLIC TRANSPORT*
    S-Bahnhof Hackescher Markt
    http://g.co/maps/vnvjp

    *NUCLEI*
    the very dense regions at the center

    *PATRON*
    Michael Saup
    http://1001suns.com

  3. @Rutzi: das kann passieren wenn Dein Browser die Bilder nicht richtig erkennt. Das kann daran liegen, dass man zum Beispiel ein JPG Bild als GIF abspeichert oder umgedreht – of auch ein Screenshot einfach mal von png auf jpg umbenennt. Marcel Eichner, unser Techniker hat empfohlen, das betreffende Bild einfach noch mal als JPG abzuspeichern und nochmal hochzuladen — was wir gemacht haben. Jetzt könnte es wieder gehen…

  4. seit gestern gibt es auch eine Sprachauswahl (mit Hilfe eines Google-Übersetzungs-Tools) auf der Webseite von Hakatte Geiger (gleich oben rechts) u.a. Deutsch und zahlreiche andere Sprachen: die Inhalte der Webseite, bislang nur auf Japanisch erhältlich, sind jetzt also für viele andere Kulturkreise einsehbar! Wie üblich ist die Übersetzung nicht perfekt, aber man bekommt das Wichtigste schon mit. Spread the word!

  5. Wie finde ich die hakatte App für iPhone?
    Läuft sie auf einem Deutschen Iphone OS ?
    Der Website link von http://hakatte.jp/ zum Itunes Appstore funz leider nicht – jedenfalls auf dem dtschen iPhone…

    Könnt ihr ev einen direkten Kontakt herstellen ?
    Grüsse Matthias

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