Anstupser und Abfälle: Hacker bauen neue Fenster für die geschlossene Facebook-Welt

Daten in die Realität übertragen, Daten ändern und löschen, Daten sichtbar machen, Daten verkaufen – wenn sich Hacker mit dem globalen Monopolisten Facebook beschäftigen, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst, Design und funktioneller Technologie. Die geschlossene Welt des sozialen Netzwerks öffnet sich. Berliner Gazette-Redakteurin Sarah Curth berichtet.

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Max sitzt vor seinem Acer Aspire 17,3 Zoll Notebook. Er surft. Wie hypnotisiert starrt er auf seinen Bildschirm. Nur sein rechter Zeigefinger bewegt sich, wenn er klickt. Er klickt oft. Googlemail, Youtube, Facebook. Er scrollt, liest, legt seine Stirn in Falten – und zuckt plötzlich zusammen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Erst jetzt wird an seinem Arm ein leuchtend grüner Kasten erkennbar. Er hat in etwa die Größe eines Walkmans, ein tragbares Gerät, mit dem man Kassetten (Tonträger) abspielen kann. Befestigt ist er mit drei schwarzen Gummibändern: eine Poking Machine.

Poking, das ist das englische Wort für “Anstupsen”. Auf Facebook kann man seine Freunde virtuell anstupsen. Klickt man den “Anstupsen”-Button in einem User-Profil an, erhält der Freund sofort eine Mitteilung, das XY ihn angestupst hast. Was hat das Ganze für einen Sinn? Facebook schlägt vor: “Das Facebook-Feature zum Anstupsen kann für unterschiedliche Zwecke verwendet werden. Zum Beispiel kannst du deine Freunde anstupsen, um ihnen Hallo zu sagen.” Hallo sagen, Flirtkontakt aufnehmen, andere Ärgern – das sind nur einige der Beweggründe von Usern, diese Funktion zu nutzen.

Doch das Feature ist in die Tage gekommen. Es stammt noch aus der Kindheit des Netzwerks, Max erinnert sich noch wie StudiVZ es unter der Wortneuschöpfung Gruscheln übernahm: eine Mischung aus grüßen und kuscheln (obwohl das Wort im Fränkischen Dialekt wohl wirklich existiert und so viel wie “wühlen” bedeutet). Ob “Anstupsen” oder “Gruscheln” – beide Aktionen ermöglichen es den Usern, eine physische Handlung auch virtuell ausführen zu können.

Facebook physikalisieren, Facebook überlisten

Zwei Designkünstlern aus den Niederlanden war das nicht genug. Bartholomäus Traubeck und Jasper van Loenen bauten eine Maschine, die das gedachte Anstupsen in die Realität überträgt. Die “Poking Machine” war geboren. Die Box beherbergt einen Schaltkreis, der einen Mikroprozessor, einen Servo-Motor, einen Akku und ein Bluetooth-Modul miteinander verbindet. Ein Android-Smartphone registriert die ankommenden Stupser und gibt sie in Form eines ausklappenden Hebels weiter.

Virtuelle Kommunikation wird körperlich erlebbar. Van Loenen schreibt auf seiner Website “The Poking machine converts the message into an actual physical poke, extending the reach of this haptic gesture indefinitely. This way users can connect not only virtually but also physically.” Sobald Max auf Facebook angestupst wird, gibt ihm die kleine tragbare Box das Gefühl physisch weiter, egal wo er gerade unterwegs damit ist. Was sich nach direkter Kommunikation anfühlt, ist auch ein bisschen Freiheit. Die Freiheit nämlich, Facebook so erweitert zu haben, wie es einem gerade passt.

Schon 2010 empfand Max die ebenfalls von einem Niederländer erfundene Suicide Machine als eben dies: eine Erweiterung seiner Möglichkeiten, in dem sozialen Netzwerk zu agieren. Plötzlich konnte er das bevormundende Facebook, das ihm immer nur diktierte, was er konnte, durfte und was nicht – plötzlich konnte er es überlisten und erfolgreich seine Profildaten ändern und löschen.

Papierkorb-Daten zu verkaufen

Heute hat Max neben der “Poking Machine” auch noch Anwendungen wie Give Me My Data zur Hand. Sie kann die gesamten Profildaten, die Facebook von ihm gespeichert hat, in ein Dateiformat seiner Wahl auf sein Notebook exportieren. Dafür muss Max nur einem Zugriff der App zustimmen, die gewünschten Daten (z.B. Likes, Events, Benachrichtigungen) auswählen und sich als Text ausgeben lassen. Die Aufzeichnungen reichen teilweise bis in die Anfangstage seines Profils zurück, so findet er Informationen über 378 hochgeladene Fotos, 353 Likes und 174 Posts von Freunden auf seiner Pinnwand.

Ein Facebook ohne all diese von Künstlern sowie Hackern erdachten Maschinen und Anwendungen kann Max sich heute nicht mehr vorstellen. Längst jedoch begreift er nicht nur das soziale Netzwerk als seine Spielwiese. Inzwischen tobt er auch im offenen Internet herum. So vergnügt sich Max neuerdings am liebsten mit BINLOVER: Das Angebot rühmt sich als “THE MOST FAMOUS PRIVACY WEBSITE ON PLANET EARTH” mit “OVER 10.000 FILES”.

Die bei “BINLOVER” zusammen getragenen Daten wurden bei Fremden aus dem Papierkorb ihres Rechners geklaut, auf USB-Sticks gezogen und für Geld online verfügbar gemacht. Um an die Daten zu kommen, leihen sich die Macher von “BINLOVER” die Rechner von Leuten in Coffeeshops aus oder durchsuchen die virtuellen Abfälle in Internetcafés. Einen Stick prall gefüllt mit vermeintlichem Müll bekommt Max schon für 49,99 Euro. Zahlung per Paypal möglich.

Anm.d.Red.: Bild oben: Human Facebook Default Avatar.

12 Kommentare zu “Anstupser und Abfälle: Hacker bauen neue Fenster für die geschlossene Facebook-Welt

  1. Kleine Sache: Das Web 2.0 Suicide Machine ist eigentlich von Bosnien/Österreicher Gordan Savicic, erfunden als er in Rotterdam gewohnt hat mit Teilnahme eines internationalen Truppes.

    Tolle Beispiele. Sehr interessant!

  2. Eine Frage sei mir gestattet, Frau Curth: Wie wichtig ist das denn eigentlich? “Acer Aspire 17,3 Zoll Notebook”.

  3. So’ne Stubs-Maschine hätt ich auch gerne … die würde zwar nicht so viel mit Stubsen beschäftigt sein aber dafür schön Neon leuchten :)

  4. eigentlich eine schöne sache, die vorstellung, dass facebook langsam überformt wird, verformt wird, anfängt zu mutieren – und nicht nur, weil leute glauben, dass das so ist, infolge von abstrusen bildern, die sie posten, sondern, weil hier echt was passiert, dass nicht vorgesehen war.

  5. interessant, aber wie kann man diese tools auf fb bekannter machen? jetzt kennen das doch nur ein paar geeks, oder?

  6. @ Brendan #1 Danke für den Hinweis! Zwar sind die Erfinder dann keine Niederländer, nichtsdestotrotz scheinen die Niederlande ein inspirierender Ort für Facebook-Kunst zu sein :)

  7. @ Fausto (#5): Verstehe nicht ganz. Meinst du, welches Betriebssystem Max’ Laptop hat? Original Microsoft Windows 7 Home Premium 64 Bit.

  8. @ jo (#6): Schön formuliert :) In 10 Jahren haben wir vielleicht nicht mehr 1 Facebook, sondern hunderte von Mutationen…

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