• Gute alte Social Media

    Facebook! YouTube! Twitter! Die lauten Hosanna-Rufe auf die vermeintlich neuen „Social Media“ sind auch nur Preisungen alter Strukturen, die schon einmal durchgespielt wurden, bis alles in Trümmern lag. Doch wie können wir uns der Tyrannei des Neuen entgegenstellen und unsere Freiheit bewahren?

    Soziale Netzwerke gibt es seit Menschen Gemeinschaften bilden. Jedoch entwickelte sich mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien die Grundlage eines neuen Sozialitätsmusters, welches mit der Verbreitung des Internet zur dominanten Form der westlichen Gesellschaftsstruktur geworden ist. Die Gemeinschaft als Netzwerk interpersonaler Beziehungen löst damit die räumliche Dimension als bisher bestimmendes Kriterium sozialer Interaktion ab.

    Für Manuel Castells verdichten sich daher Raum und Zeit in einer digitalen Umgebung zu einer neuen materiellen Basis, auf welcher die dominanten Sozialprozesse durch Informationsströme reorganisiert werden. Vieles von dem, was heute unter dem Begriff der „social media“ als das vermeintlich Neue verkauft wird, ist somit so alt wie das Internet selbst.

    So waren es vor allem die digitalen Städte und virtuellen Gemeinschaften der frühen 1990er Jahre, welche die Idee des sozialen Netzwerks mittels computervermittelter Kommunikation vorwegnahmen und damit auch einen ersten Boom des gerade erst implementierten WorldWideWeb auslösten.

    Ähnlich der aktuellen Diskussion galten die technologischen Errungenschaften dabei als unzweifelhaft gut, versprachen sie doch der Netzgemeinschaft Demokratie und Wohlstand zu bringen. Das „neue attische Zeitalter“ (Al Gore) sollte die passive Zuschauerdemokratie in eine aktive Mitwirkungsdemokratie verwandeln und eine bürgerliche Öffentlichkeit auf globaler Ebene erschaffen.

    Die Technologie ist dabei aber selbst nur Ausdruck der jeweiligen Sozialstruktur und der damit verknüpften sozialen, aber auch individuellen Vorstellungen und Wünsche. Wenn heute in beinahe ungebremster Euphorie von dem subversiven und demokratischen Charakter des „Web 2.0“ die Rede ist, verbirgt sich dahinter die Inszenierung von Lebensweisen, kulturellen Mustern, Wissen, Macht und Herrschaft.

    Die Tyrannei des Neuen

    Dies ist ist umso offensichtlicher, als die schillernde Welt der zweiten Generation aus den Trümmern des alten Web hervorgegangen ist. Das Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende bildet dabei einen Wendepunkt: Von ihrer kommerziellen Altlast befreit, sollten die sozialen Computernetzwerke nunmehr in neuem Glanz erscheinen und ihr wahres emanzipatorisches Potenzial entfalten.

    Doch wie Geert Lovink in diesem Zusammenhang feststellt, ermöglicht gerade die „Tyrannei des Neuen“ eine Wiederauflage des alten Geschäftsmodells mit seiner aus den 1990er Jahren stammenden Ideologie eines libertären Technokapitalismus. Der einzige Erkenntnisgewinn liege demnach darin, „dass die Leute nicht wegen E-Commerce ins Netz strömen, sondern zur Unterhaltung“. Anstelle nervender Pop-Ups und Bildschirmfüllender Werbebanner, trat nunmehr die Strategie des „intrusive advertising“ mit dem Versprechen aus „user-generated content“ selbst schon Kapital zu schlagen.

    Die Mutter der Blogosphäre

    Die Rückbesinnung auf die Prä-Web-2.0-Ära zeigt sich auch darin, dass für die vermeintlich neuen Angebote rund um Weblogs, Wikis und Lesezeichensammlungen bereits zuvor bestehende Technologien wie Ajax (Asynchronous JavaScript and XML) oder RSS (Rich Site Summary) ganz einfach „neu entdeckt“ wurden. So erinnert etwa die „Blogosphäre“ nicht zufällig an die dezentrale und verteilte Netzwerkarchitektur des Usenet und viele der integrierten Web-Anwendungen sozialer Netzwerke waren bereits fixer Bestandteil der digitalen Städte in Amsterdam (1994 bis 2001) oder Berlin (1995 bis 1998).

    Bereits in diesen frühen Versuchen einer urbanen Repräsentation von elektronischen Netzwerken, sollte das WorldWideWeb als Plattform dienen und damit den privaten wie sozialen Austausch vorantreiben. Dabei ist freilich nicht zu übersehen, dass mit zunehmend sinkenden Kosten für Computertechnologie und Internetzugang, sowie einer einfacheren Handhabung der Webtools eine Öffnung des elektrnoischen Raums stattgefunden hat.

    Abrufmedium statt Mitmachnetz

    Ob dies aber wirklich zu einer Demokratisierung des Netzes führt, mag angesichts aktueller Zahlen zur Nutzung von Web-2.0-Angeboten bezweifelt werden: Laut einer Onlinestudie im Auftrag von ARD und ZDF ist die Nachfrage nach den neuen Anwendungen zwar enorm gestiegen, doch ist für zwei Drittel der Nutzer/innen das Erstellen von eigenem Content, sei dies in Form von Blogeinträgen, Videos oder Photos, schlicht uninteressant. Die große Mehrheit der Onlinecommnuity bleibt damit passiv und das vermeintliche Mitmachnetz entpuppt sich als schlichtes Abrufmedium.

    Die Dezentralisierung der Produktionsmittel geht mit einer Zentralisierung der Produktionsverhältnisse einher, zumal der Kapitalismus in der Kommodifizierung von „user-generated content“ eine Antwort auf die Herausforderung durch neue Online-Medien gefunden zu haben scheint. Insbesondere das Geschäftsmodell von Facebook kann darin als kapitalistischer Versuch verstanden werden, aus zwischenmenschlicher Kommunikation selbst schon Gewinn zu machen: Gratis zur Verfügung gestellte Tools, unlimitierter Speicherplatz und die Möglichkeit der Gestaltung eigener Web-Applikationen dienen dabei weniger dem philantropisch anmutenden Firmenmotto möglichst viele Menschen miteinander zu vernetzen, als vielmehr dem Ziel möglichst viele Details über das Leben der User/innen zu erhalten.

    An die Stelle eines rein quantitativen Zuwachs an Daten, tritt nunmehr das qualitative Vermögen, die Kombination und Ausnutzung eben dieser Daten auf Grundlage des sozialen Netzwerks zu optimieren. Die Fabrik als Symbol der industriellen Verwertungslogik von menschlicher Arbeitskraft wird in diesem Prozess gleichsam internalisiert: Die NutzerInnen sozialer Netzwerke verrichten unbezahlte Arbeit, deren Wert von den Unternehmen abgeschöpft und an interessierte Dritte weiterverkauft wird. Der Mythos von der „freien“ Kommunikation erweist sich einmal mehr als subtiles Machtinstrument und die computergestützte Kontrolle als Kehrseite eben dieser Freiheit.

    (Anm. d. Red.: Eine ausführlichere Version dieses Texts ist in der aktuellen Ausgabe von Kulturrisse – Zeischrift für radikaldemokratische Kulturpolitik zu lesen.)


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