• Großstadt-Fragmente zum Anklicken

    Berliner Nächte sind verfressen und unersättlich. Eindruckssplitter verdichten sich zu einem Gesamtbild der Gesellschaft, so als klickte man sich durch Schlagzeilen aus dem RSS-Reader. Ein Streifzug.

    Rainald Goetz: Elfter September: 2010. Suhrkamp-Verlag, Pappelallee 78-79 Berlin. Gedränge: „So fing das bei der Loveparade auch an“. Ein andrer: „Wie bei Helene Hegemanns 18. Geburtstag.“

    Ja, Panik – Panik ist der eigentliche Autor dieses Buches! Doch die Bücher sind nicht da, sondern unterwegs (wurden zuerst an die Lindenstraße in Frankfurt am Main geliefert, den alten Sitz des Verlags).

    „In dieser gespenstischen Gegenwart“: 12 Jahre zuvor Goetz’ Poetikvorlesung PRAXIS an der Goethe-Universität: „Schwör’s!“ Goetz im Chance 2000 T-Shirt. Nun ist nur das Bindeexemplar vorhanden: „So war das nicht abgesprochen!“

    Westwärts 2.2: Hommage an Brinkmann & Schleefs ZU HAUSE. Erzählt von Grundbanalitäten: Menschen, Häuser, Baustellen. Ab nach Mitte, Torstraße, Rosenthaler Platz: „Schön!“ Fotos, Fotos, Fotos, besonders oft vom Fernsehturm.

    Wiedereintauchen in Geschichte

    Von dort komme ich gerade her: Wollt ihr die totale Rekonstruktion? Baut auf, baut auf, baut auf, baut auf: Jean Paul Ratier baut das Stadtschloss wieder auf mit Pumpernickel und Würstchen. Als nächstes die Neue Reichskanzlei auf dem Marx-Engels-Forum.

    Albert Speer, icke & er: „Das ist das Ende der antihistorischen Epoche, ein Wiedereintauchen in Geschichte.“ Volksbegierde steinerne Archidiktatur: minimonumental. Hugo Boss in Naturstein & Holz. Preußenpunk.

    Dann zweimal hintereinander denselben Flyer in der Oranienstraße bekommen: Freiheit statt Angst. Demo aufm Potsdamer Platz am 11.09.10 gegen Überwachungswahn. Ein Mann am Handy singt beim Empfang: „Versuch’s mal mit Afghanistan…“ Zweimal Kreuzburger, einmal Hauspommes.

    SPIEGEL online: Geplante Koranverbrennung abgesagt, Sarrazin zurückgetreten, Steinbach auch: „Polen hat zuerst mobilisiert.“ Zu recht! Willst Du den Frieden… Es ist Nacht, die Wälder wachsen noch, die Städte stehen noch. Es ist Nacht.


10 Kommentare zu Großstadt-Fragmente zum Anklicken

  • Frau Marx am 20.09.2010 11:51
    Ich wäre gern dabei gewesen, als Goetz mit Hegemann den Umzug des Suhrkamp-Verlags im neuen Stadtschloss gefeiert hat. Aber ich war zu dem Zeitunkt auf der pro-Atom-Demo (alleine).
  • Silvia am 20.09.2010 12:21
    wenn ich in der Stadt unterwegs bin, habe ich, glaube ich, meistens Scheuklappen an meinem Kopf, an meinen Wahrnehmungsorganen, damit ich es überhaupt durch den Alltag schaffe.
  • @Silvia: klingt nach "filter failure"...
  • Rainald Krome am 20.09.2010 13:34
    reichlich intellektuell dieser Streifzug, so als ob man das meiste von der Stadt ausblendet oder die Stadt durch eine ganz bestimmte, exklusive Brille betrachtet. viel hirn, viel text, mir fehlt ein wenig körper!
  • Joerg Offer am 20.09.2010 14:57
    Irgendjemand muß ja den Schlingensief ersetzen...Planstelle zu vergeben...Vergütung nach BAT?
  • Frau Marx am 20.09.2010 15:38
    @Joerg: Ich finde das greift zu kurz. Oder habe ich was falsch verstanden?
  • Joerg Offer am 20.09.2010 15:58
    Kurz gegriffen mag sein, das sind diese Gedankensplitter hier ja auch...Ich finde den Beginn des Textes ganz gut und echt, wie selbsterlebt, ab der Hälfte wirds arg ausgedacht...irgendwie ähnlich Neunziger, wie Rainald Goetz Pillenkonsum und Wortexport. Aber es gilt wie immer: Suum cuique!
  • it's just a blog, baby - a writers' blog: http://alextext.wordpress.com/
  • Joerg Offer am 21.09.2010 01:10
    ebend..;-)
  • [...] Vorrücken der 1 um eine Stelle macht auch die Magie des Fotobandes von Rainald Goetz aus: 11. September 2010. Auf die allgemeine Zahlenmystik unsres Jahrtausendwendejahrzehnts wirkt [...]

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