• Grafik-Journalismus: Edelfedern mit USB-Anschluss und Talent zum Zeichnen gesucht

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    Informationen sind mittlerweile an fast jedem Ort und über fast jedes Endgerät zugänglich. Und so hat sich auch der Beruf des Journalisten gewandelt. Wo sie früher bloß berichten mussten, wird in der heutigen Zeit die Palette der Tools, die sie bedienen müssen, stetig größer. Die freischaffende Grafik-Journalistin Monica Ulmanu verkörpert diesen Wandel. Technikhistorikerin Katharina Meyer porträtiert sie und zeigt: Es werden zunehmend Edelfedern mit USB-Anschluss und Talent zum Zeichnen gesucht.

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    „Gewinne einen Pulitzer-Preis oder versteh‘ etwas von Grafik“. So beschrieb ein Personaler der New York Times gegenüber der Studentin Monica Ulmanu einmal zwei der Pferde, auf die man sich als Journalist heute noch setzen darf. Vorausgesetzt man will von seiner Arbeit auch leben können.

    Ulmanu wählte den Weg in den Beruf, der nicht von den strengen Augen einer Jury abhing, sondern von der Aufmerksamkeit der Leser. All das keineswegs allein im Zeichen einer Jagd auf Clicks, bei der sekundär ist, was man eigentlich zu erzählen hat. Im Gegenteil: „Es ist für mich nicht ausschließlich ein Bedrohungshorizont für hochwertige Inhalte, dass nach neuen Wegen gesucht werden muss, Geschichten so publikumsfreundlich wie möglich zu erzählen.“

    Ulmanu studierte an einer dem progressiven Journalismus zugewandten Universität in North Carolina, lernte in Strukturen von Codern zu denken und begann als Journalistin mit einem Fokus auf interaktive Informationsgrafiken beim Boston Globe und der New York Times zu arbeiten. Mittlerweile auf internationaler Bühne als Freelancerin von Rumänien aus tätig, findet sie selbst für auf den ersten Blick abwegige Themen geeignete Visualisierungen – selbst für, sagen wir, unterschiedliche Techniken von weiblichen Gewichtheberinnen.

    Als Filter den Reichtum an Informationen ordnen

    Information ist mittlerweile an fast jedem Ort und über fast jedes Endgerät zugänglich. Vor dem Aufkommen der neuen Medien waren Tagesschau, Lokalzeitung und der Plausch mit den Nachbarn die bevorzugten Quellen. Ging es als Journalist einmal hauptsächlich darum, Geschichten aufzutun und literarisch ansprechend aufzubereiten, ist das Berufsbild zunehmend komplexer geworden und die Edelfeder nur noch Eintrittskarte zum Zirkus. Zunehmend wird Inhalt nicht nur selbst gesendet, sondern auch von Lesern empfangen und aufgenommen.

    Neben dem klassischen Stück in der Sonntagszeitung, das rein textbasiert die Welt ordnet und kommentiert, existieren mittlerweile gleichberechtigt Online-Themenfeatures, in die interaktive Informationsgrafiken oder Videomaterial eingebunden sind. Journalisten sollten zumindest so viel Verständnis und Enthusiasmus für neue Medien und Technologie mitbringen, dass, wenn sie Bildgebungsverfahren schon nicht eigenständig in Code umsetzen können, doch zumindest mitdenken, welche Formate möglich sind – so dass sie als Filter dem Reichtum an Informationen gerecht werden.

    Einerseits haben sich, besonders im virtuell erweiterten Möglichkeitsraum, die Spielarten multipliziert, in denen Informationen einfassbar, darstellbar und somit vermittelbar sind: „Snow Fall“ ist hier als wichtiger Gamechanger zu nennen. Diese Multi-Media-Reportage der New York Times löste wahre Begeisterungswellen im Netz aus, ein Rückschritt hinter die hohen ästhetischen- und technischen Standards ist nun nicht mehr denkbar. Je nach Medium und dessen technischen Grundlagen eröffnen sich zusätzliche Ebenen der Darstellung oder limitieren diese.

    „Das menschliche Gehirn ist nicht passiv“

    Diese Entwicklung fällt zusammen mit akademisch bereits eingeordneten kulturtechnischen Wenden wie dem „iconic turn“ seit den 1990ern. Journalisten die auf visuelles Storytelling spezialisiert sind, verdanken ihr spezielles Berufsbild einer stärkeren Fokussierung auf den Leser, welche teils auch mit naturwissenschaftlichen Studien unterfüttert wird.

    So sagt Ulmanu selbst: „Mein Job als ‚graphics journalist’ hat sich darauf aufgebaut, wie visuelle Wahrnehmung funktioniert. Studien zu kognitiver Wahrnehmung haben gezeigt, dass das menschliche Gehirn nicht passiv ist: Es organisiert Information, bildet Hierarchien und stellt Beziehungen her, um zu verstehen, was um uns herum eigentlich gerade passiert. Wenn es dann um Wiedergabe des Wahrgenommenen geht, dann wählt man oft sprachliche Bilder und Analogien. Ich versuche diese zu antizipieren und zur Vermittlung einzusetzen“.

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    Monica Ulmanu kann sich neben all dem für die Entwicklung von Tools begeistern. Werkzeuge, die sie gerne zur Hand hätte und an deren Erfindung sie mitarbeitet, sollen Editionen und Updates in Online-Artikeln nachverfolgen und dokumentieren helfen. Oder aber neue Wege komplexe Datenmengen, etwa Staatshaushalte, so darzustellen, dass man diese nicht nur auf Grundlage von Zahlen nachvollziehen kann. Hier interessieren sie Oberflächengestaltung, Nutzerwünsche und grafische Formate, in denen unterschiedliche Datensätze umsetzbar sind.

    Kulturpessimistischen Befürchtungen, dass durch das Umwandeln von Daten in Bilder Information verflacht oder verfälscht wird, setzt sie entgegen: Inhalt vor Form! Oder im O-Ton: „Ich glaube, das Stichwort in diesem Kontext ist storytelling. Wenn es eine bestimmte Geschichte nahelegt, dann kann auch das lange, text-only Format die beste Lösung sein. Oder aber eben ein Video, eine Daten Visualisierung. Oder ein Audio-Interview, eine Karte, ein Spiel. Oder eine Animation oder Dia-Schau. Es hängt immer vom Inhalt ab. Der Inhalt ist der Ausgangspunkt aller Form-Überlegungen und wir müssen immer versuchen, den besten Weg zu finden, den Inhalt zu vermitteln.“

    Anm. d. Red.: Monica Ulmanu ist zwischen dem 6. und 8.12. zu Gast bei dem Berliner Gazette-Projekt „Whatever happened to journalism?“. Hier das Programm: berlinergazette.de/whtj. Ulmanu war kurz zuvor eine von rund 50 internationalen Gästen der COMPLICITY-Konferenz der Berliner Gazette. Das Foto oben zeigt Monica Ulmanu im Rahmen des Workshops „Hacker & Journalisten“, Credit: Andi Weiland | berlinergazette.de. Die umfangreiche Dokumentation der Konferenz (Live-Videos, Graphic Recordings, etc.) findet sich hier: berlinergazette.de/complicity. Die Grafik oben ist der Ausschnitt einer Arbeit Monica Ulmanus für den Boston Globe.


2 Kommentare zu Grafik-Journalismus: Edelfedern mit USB-Anschluss und Talent zum Zeichnen gesucht

  • [...] GRAFIK-JOURNALISMUS Berliner Gazette: Edelfedern mit USB-Anschluss und Talent zum Zeichnen gesucht: Informationen sind mittlerweile an fast jedem Ort und über fast jedes Endgerät zugänglich. Und so hat sich auch der Beruf des Journalisten gewandelt. Wo sie früher bloß berichten mussten, wird in der heutigen Zeit die Palette der Tools, die sie bedienen müssen, stetig größer. Die freischaffende Grafik-Journalistin Monica Ulmanu verkörpert diesen Wandel. Technikhistorikerin Katharina Meyer porträtiert sie und zeigt: Es werden zunehmend Edelfedern mit USB-Anschluss und Talent zum Zeichnen gesucht. [...]
  • Sehr interessant! Eine neue Perspektive! Viele Grüße vom CAD-markt - Michael

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