• Innovation aus Spanien: Die Plattform “Goteo.org” ermöglicht Crowdfunding für Gemeingüter

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    Wasser, Wissen, Kultur: Wer hat noch freien Zugang zu den Gemeingütern, wenn alles privatisiert wird? Welche Formen der Finanzierung ermöglichen gleichberechtigtes Teilen? Eine Antwort darauf ist die in Spanien ins Leben gerufene Plattform „Goteo“: Was die Menschen hier aus Eigeninitiative via Crowdfunding finanzieren wird Gemeingut. Olivier Schulbaum, einer der Gründer, berichtet.

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    Wir haben goteo.org im Jahr 2010 gegründet, gerade als Kickstarter dabei war, das dominante Modell auf dem Gebiet der Crowdfunding-Plattformen zu werden. Wir wollten uns von diesem Modell abgrenzen. Bei Kickstarter gibt es zuerst die praktische Hürde, dass man keine Projekte publizieren kann, wenn man kein Bankkonto in den USA besitzt. Darüber hinaus gestalten Kickstarter und viele ähnliche Plattformen den Prozess des Crowdfundings so, dass sie sehr leicht für fragwürdige Praktiken des „Crowd-Kapitalismus“ genutzt werden können.

    Ein Beispiel dafür ist eines der bekanntesten Projekte, Tik Tok, eine Uhr, die auf dem iPod nano basiert. Hier wurde Crowdfunding nur genutzt, um das kommerzielle Modell auszuweiten. Es wurde Geld gesammelt, um normale globale Produktionsprozesse in Gang zu setzen. Wichtige Aufgaben wurden an globale Ausbeuterbetriebe weitervergeben.

    Insbesondere den letzten Aspekt wollen wir nicht unterstützen. Ein anderes Beispiel ist Diaspora. Das verbreitete soziale Netzwerk-Projekt hatte großen Erfolg als es seine Crowdfunding-Kampagne startete. Irgendwann hat Kickstarter die Nutzungsbedingungen geändert, um Softwareentwicklungsprojekte zu verhindern. Wahrscheinlich hatte es auch damit zu tun, dass Diaspora zu beliebt für die Plattform wurde und ihre Marke gefährdete.

    Das größte Problem schien zu sein, dass Softwareprojekte nicht so klare Honorierungen haben und die Grenzen zwischen dem Spenden von Geld und anderen Dingen weniger starr sind. Zumindest im Vergleich zu Projektformaten wie Filmen, Videos, Büchern, Musik, wo man eine Ausgabe des Buchs erhält, wenn man 20 Euro spendet, und eine signierte Ausgabe wenn man 50 Euro spendet – darüber hinaus aber nicht weiter beteiligt ist.

    Das Kickstarter-Modell scheint den sozialen Faktor von Projekten zu limitieren, wenn sie die Grenzen zwischen „Künstler/Produzent“ und „Publikum/Konsument“ überschreiten. Wenn sie andere Spenden als in Geldform akzeptieren würden, würde das eine verteilte und kooperative Ökonomie hervorbringen. Und das sind genau die Aspekte, die uns am meisten interessieren. Wir glauben, dass der Crowdfunding-Prozess viel mehr Möglichkeiten zum Lernen, Zusammenarbeiten und für die Gemeinschaft im Allgemeinen bietet.

    Crowdfunding mit Crowdsourcing kombinieren

    Bei Goteo sind wir der Meinung, dass Crowdfunding auch Vorteile für die Gemeinschaft bringen sollte. Diese Vorteile können sozialer, edukativer oder wirtschaftlicher Natur sein. Wir wollen das alles als Ganzes betrachten, nicht als einzelne, voneinander getrennte Dimensionen. Deshalb müssen unsere Projekte eine starke Bindung zum Gemeinwohl haben.

    Goteo etabliert mit Produzenten, Anwälten, Ökonomen und Fiskusexperten ein einfaches aber effektives Tool für die Spendenden als auch für die Empfänger. Wir machen die Kernprinzipien transparent, denen sich das Projekt verschrieben hat. Wir stellen deutlich dar, wie diese dazu führen, das Gemeinwohl zu stärken. Wir wollen damit sicherstellen, dass die Gemeinschaft wirklich profitiert.

    Eine zentrale Frage ist: Wie generieren wir eine neue Wirtschaft? Wie können wir im selben Atemzug das Potential der kollektiven Produktion verwirklichen? Wir müssen über die Mitgestaltungsstandards der Industrie hinaus gehen. Wir wollen sicher gehen, dass Innovation verteilt wird. Also wollen wir Crowdfunding mit Crowdsourcing so kombinieren, dass nicht nur private Firmen ihre Produkte damit verbessern können.

    Gemeinsames Design sollte auch implizieren, dass Mitwirkende auf der Mikro-Ebene an Unternehmerschaft, Distribution und Produktion beteiligt werden. Mit anderen Worten: Jeder, der sich an dem Projekt beteiligt, sollte Teil des ökonomischen, produktiven, kreativen Prozesses werden, dem sie geholfen haben voran zu kommen, statt nur die Entstehung von Wissen und Ressourcen für Privatpersonen zu unterstützen.

    Der Kreislauf der Gemeinschaft

    Ein Beispiel für ein fruchtbares Gebiet für solch eine Entwicklung ist Open Hardware oder die aufkommende Open Craft-Bewegung, die besonders schnell wächst. Hier entsteht eine echte Gemeinschaft, wenn Unterstützer oder Spender eines Projekts am Ende zu den zukünftigen Produzenten oder Lieferanten werden. Oder wenn sie einen anderen Weg finden, aktiv Teil des Projekts zu werden, das sie unterstützt haben.

    Wir wollen Produzenten und Organisationen helfen, ihre Position in diesem Kreislauf zu definieren. Deshalb machen wir bei Goteo eine klare Unterscheidung zwischen sozialen Gütern und Gemeinschaftsgütern. NGOs sind normalerweise auf soziale Güter ausgerichtet, sie zielen darauf ab, positiven Wandel in bestimmten Orten oder Gemeinschaften hervor zu rufen. Uns reicht das nicht. Goteo ist nicht an sozialen Initiativen interessiert, wenn sie nicht auch etwas an die Gemeinschaft zurückgeben.

    Das bedeutet, dass wir sicherstellen, dass Projekte übertragbar und wiederholbar sind auf andere Personen und Gemeinschaften. Wir machen das im Einklang mit den Rechten, die freies Wissen regeln und normalerweise auf rechtlicher Ebene über Gebühren und offene Lizenzen reguliert werden.

    Damit es funktioniert: Crowd Fun!

    Wir haben festgestellt: Je greifbarer ein Projekt ist, z.B. das DIY Schuhkit, ein Projekt mit Unterstützung vom Fablab in Barcelona, desto sozialer wird es. Das erinnert mich an eine Unterhaltung mit Dmytri Kleiner über seinen Text Critique of Peer Production Ideology, in dem er darauf hinweist, dass die Produktion in der Gruppe materielle Güter dann zum Gemeingut machen kann, wenn es ein System für die Zuweisung von materiellen Vermögen auf die einzelnen Beteiligten gibt, bei dem nur ein minimaler koordinativer Aufwand entsteht. Wir glauben, dass ist der Kern des Ganzen! Aber es geht bei Crowdfunding weniger um Geld, sondern mehr um das Bilden einer Gemeinschaft, daher sollte Open Crowdfunding vor allem „Crowd Fun“ sein!

    Über die Jahre hinweg gab es immer mehr Projekte, die von kreativen Akteuren über die traditionellen Grenzen von Kunst und Kultur hinaus entwickelt wurden. Das sind oft Projekte mit einem großen innovativen Anteil und großem Potential für soziale und ökonomische Auswirkung und Wachstum. Sie sind in der Lage im weitesten Sinne des Wortes Wert zu generieren. In Spanien fehlen aber immer noch die geeigneten Kommunikationskanäle, um Kreative, soziale und kulturelle Akteure, potentielle Investoren und Kleinspender miteinander in Kontakt zu bringen.

    Wir sind immer noch an traditionelle Ressourcen gebunden, wie Zuschüsse und Sponsoring, von denen wir denken, dass sie unbedingt umgestaltet werden müssen. Und zwar so, dass ein neuer Kanal entsteht. Dieser Kanal zu werden ist das Ziel von Goteo. Wir wollen eine Online-Community sein, die in der Lage ist effiziente und transparente Verbindungen zwischen öffentlichen und privaten Personen herzustellen, problematische Bereiche zu identifizieren und mögliche Lösungen anzubieten. Und wir wollen einen Katalog von Finanzierungsoptionen, Infrastrukturen und anderen Ressourcen zur Verfügung stellen.

    Besonders in der aktuellen sozio-ökonomischen Situation in Spanien gibt es eine verstärkte Dringlichkeit für neue praktische Alternativen wie unserer. Denn in unserem Land sind immer weniger öffentliche und private Quellen finanzieller Unterstützung für diese Art von offener Initiative vorhanden.

    Das Formen einer Gesellschaft

    Neben dem Sammeln von Geld kann jedes Projekt oder jede Kampagne nach Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen fragen, zum Beispiel Wissen, konkrete Aufgaben, Infrastruktur oder materielle Güter. Wir fanden es wichtig, diese Aspekte an das Crowdfunding-Modell anzugliedern. Es führt auf diese Weise zu Crowdsourcing, das eine Gemeinschaftsbildung und das Teilen von Prozessen in einem offenen Projekt mit sich bringt.

    Tuderechoasaber ist zum Beispiel ein Projekt, bei dem es darum geht einen web-basierten Service zu erstellen, mit dem jegliche Personen Anfragen und Aufforderungen zur Auskunft nach Open Data an Behörden in Spanien schicken und einsehen können. Das Projekt hat über 150% der minimal notwendigen finanziellen Unterstützung erhalten. Darüber hinaus aber auch andere Angebote von Menschen erfragt und bekommen. Dazu gehörte das Sammeln von Kontaktadressen der Behörden, die Verwaltung des Servers, die Moderation von Anfragen etc. auf der Website oder die Übersetzung der Plattform in verschiedene Sprachen.

    Infinite Loop wiederum ist eine wiederverwendbare Verpackung für Geschenke von hoher Materialqualität mit einem QR-Identifikationscode, der einem erlaubt weitere Geschenke mit einer Webortung zu verfolgen. Das Projekt hat seine minimale Finanzierung erreicht und die Unterstützung von vielen Nutzern bekommen, die sich als freiwillige Beta-Tester des Systems angeboten haben oder die App für Smartphones entwickeln. Es gab auch Partnerschaftsangebote für die Produktion und Distribution ihres Produktes (es hat ein Open License Design).

    Ein weiteres Beispiel ist Nodo Móvil, eine mobile WiFi-Verbindung für Soziale Bewegungen und öffentliche Räume. Das Projekt erzielte etwa 145% seines Finanzrahmens. Hinzu kamen Entwickler, ein Hacklab Space zum Arbeiten, ein 3D-Drucker für den Prototyp, Tester für arduino, Xbee, Android und GPS und die Zusammenarbeit eines lokalen Anbieters für den Test in einem öffentlichen Raum.

    Daran kann man auch sehen: Selbst wenn sie die minimal notwendigen finanziellen Mittel nicht erzielen können, profitieren die Projekte von anderen Formen der Beteiligung. Wir sammeln diese dynamischen Informationen auf der Nachrichtenwand eines Projekts, wo man öffentlich die Teilnahme am Projekt bekanntgeben kann. Goteo bietet auch Tools zur Kommunikation zwischen Projektleitern und Freiwilligen (eins-zu-eins oder in Gruppen). Wenn die Kontaktaufnahme begonnen hat, kann jedes Projekt seine eigenen Tools zur Kommunikations- oder Zusammenarbeit nutzen. Aber wir finden es wichtig erst einmal die soziale Absprache auf unserer Seite zu haben. Dadurch wollen wir Transparenz anregen und Beispiele von gegenseitiger Unterstützung aufzeigen.

    Erfolg und Nachhaltigkeit der Plattform

    Bisher haben wir 25 Projekte komplett gefördert und unterstützt. Sie haben mehr als 100 000 Euro gesammelt und 400 Angebote zur Unterstützung unterschiedlichster Art bekommen. Momentan sind 18 weitere Projekte in der Kampagnenphase. Und die meisten laufen ziemlich gut. Wir normieren zur Zeit etwas und versuchen aus den Erfahrungen der letzten Monate Aktivität zu lernen und diese auch zur Anwendung zu bringen – angefangen bei der Editierungseinschätzung für Projekte bis hin zum Media Follow-up während unser Kampagnen. Es ist auch wichtig einen qualitativen Blick auf die ersten Ergebnisse zu werfen, weil momentan verschiedene kollektive Vorteile geschaffen werden.

    In diesem Kontext ist die Stiftung Fundactión Fuentas Abiertas („Open Sources“) von Bedeutung. Sie macht zwei Dinge: Erstens ist sie die rechtliche Organisation für Goteo. Die Projektleiter unterschreiben einen Vertrag mit der Stiftung, in dem sie die individuellen Vorteile aber auch den Nutzen für die Gemeinschaft aus ihrem Projekt definieren. Die Stiftung ist der Empfänger für Spenden von Unterstützern und verteilt diese an die Projekte. Sie erhält auch einen Anteil von 8% an den Transaktionen, der komplett in die Arbeit an der Plattform und Unterstützung durch die Plattform für die Projekte geht.

    Die Stiftung veröffentlicht Jahresabschlüsse, Budgets und Tätigkeiten. Außerdem ist sie der Rahmen für die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Wir versuchen Geld zu erhalten, dass nicht für spezielle Projekte gespendet wird, sondern für die Stiftung über spezielle Kampagnen, Vereinbarungen und parallele Aktivitäten wie Workshops eingenommen wurde. Dieses Geld wird dann direkt von uns an die Projekte weitergegeben. Damit können wir Projekte unterstützen, die wir für sehr wichtig halten, die aber Probleme haben, das nötige Geld aufzutreiben.

    Wir suchen neue Wege der Finanzierung, die nicht nur die individuelle Unterstützung und Kooperation via Crowdfunding einbeziehen, sondern auch einen klaren Ansatz zur Kooperation mit Hauptakteuren (öffentliche Ämter, Organisationen, andere Stiftungen, Firmen) zeigen, die unsere Mission teilen und zusätzliches Grundkapital für bestimmte Zwecke oder Projekte besteuern können. Dadurch könnten wir aktuelle Probleme und Paradigmen umgehen. Und sie könnten sich an einem neuen Modell beteiligen, in dem Crowdfounding noch mehr Ressourcen bewegt und eine größere Wirkung auf die Menschen hat.

    Der Blick in die Zukunft

    Wir arbeiten ständig an den technischen und grundlegenden Konzepten der Plattform. Die Liste ist lang: von kürzlichen Verbesserungen wie der Freundeswand, an der sich übersichtlich Unterstützer präsentieren und teilen lassen, oder zu einer Landing Page für bestimmte Aufrufe, über Themen, die noch in Arbeit sind, wie einem Open Data Modul für das einfache Abrufen von gesammelten Daten und weiteren Visualisierungen über Open Crowdfunding, bis hin zu einer „Empfohlen von“-Etikette für bestimmte Projekte oder einer „flat rate“ für regelmäßige Spenden von Leuten, die stark an der Gemeinschaft hängen.

    Wir konzentrieren uns auch darauf einen offenen Algorithmus zu entwickeln, der den Dialog zwischen Projektproduzenten, lokalen öffentlichen Administrationen und privaten Investoren vereinfacht, sowie ein Set von Open Data Statistiken zum Projekt auswirft und die Psychologie von Unterstützern und ihrer Motivation analysiert. Damit versuchen wir die Grenzen zwischen Philanthropen und Open Investment zu definieren.

    Der zur Zeit wichtigste Schritt ist aber die getrennte Plattform für den ersten offiziellen autonomen Ableger von Goteo, der im Baskenland entstanden ist. Wir finanzieren diese Aktivitäten in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und ab und zu auch öffentlicher Finanzierung zu bestimmten Themen und Gebieten, wo sich die Interessengebiete mit unserer Mission überschneiden.

    Anm.d.Red.: An dieser Stelle weitere Best-Practise-Beispiele von Geoto: Tuderechoasaber liefert schon die Beta-Version von Relelaos! und hat 500.000 Ausgaben einer Papierpublikation für sozialen Wandel in ganz Spanien verteilt. Das Copy This Festival hat eine Formel entwickelt für die Verteilung von selbstorganisierten Creative Commons Film Festivals. Diese werden in Städten wie Lima und Buenos Aires kopiert, viele weitere folgen in den nächsten Monaten. Infinit Loop versendet die ersten Prototypen an Unterstützer und Tester, die Alpha-Version der Plattform ist bereits produziert. Diese und einige andere Projekte (auch solche, die mit ihrer Kampagne nicht erfolgreich waren) sind vor allem durch das Engagement ihrer Unterstützer und Mitmacher erfolgreich. Die Bildung einer Gemeinschaft hilft ihnen und motiviert sie, Dinge schneller und ordentlich zu machen. KinoRaw entwickelt audiovisuelle Tools und extrahiert den „Saft“ aus Software für Mixer, um mit der Open Hardware Kamera Elphel zu experimentieren. Das Foto oben stammt von Noritoshi Hirakawa. Dieses Protokoll ist aus einem Interview entstanden, das Berliner Gazette Autor Felix Stalder mit Enric Senabre und Olivier Schulbaum geführt hat.


3 Kommentare zu Innovation aus Spanien: Die Plattform “Goteo.org” ermöglicht Crowdfunding für Gemeingüter

  • Peter Kuhn am 24.10.2012 20:34
    weiter so!
  • sieben am 31.10.2012 13:56
    Hallo, gibt es keine Druckansicht für diesen Artikel?
    Ich würd mir den gerne ausdrucken und lesen während ich unterwegs bin.. da ich keinen ebookReader oder TabletComputer habe... naja.

    grüße
    Sieben
  • @Sieben: unterhalb dieses (sowie eines jeden) Artikels gibt ganz rechts einen grünnen falttr button, links davon einen facebook- und twitter-button, daneben wiederum ein kleines ikon: ein DRUCKER. dieser knopf generiert die druckansicht bzw. ein pdf das man drucken kann

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