• Ab sofort Privatbesitz: 2010 hat Google Street View öffentlichen Raum neu definiert

    Im Jahr 2010 sind wir durch die Straßen gezogen und haben Fahnen geschwenkt. „Hurra Hurra, Google Street View ist da!“ skandierten unsere euphorischen Stimmen. Jetzt ist die physische Welt endlich im symbolischen Bildbesitz von Google.

    In kürzester Zeit werden wir das Abbild der Welt als Synonym für ’suchmaschinenoptimierte Welt‘ verstehen, und wenn Nokia und Konsorten ihre eigenen Straßenbilder für Orientierungslose – in 3D – ins mobile und stationäre Netz stellen, dann ist die Frage nach dem, was der öffentliche Raum sein kann, endlich obsolet.

    Der entfaltet seine Bedeutung von nun an als Internetservice. Was immer die Nokias der Welt auch aushecken, das Abbild des Straßenlebens ist mit der Suchmaschinenfirma verbunden, in derselben Weise wie der Mond den US-Amerikanern gehört und keiner der anderen Nationen, die dort oben eine Flagge aufgestellt haben.

    Öffentlicher oder privater Raum?

    Der öffentliche Raum ist perfiderweise als Deklaration der Freiheit in privaten Besitz übergegangen, weil das Scheffelunternehmen mit seinen bunten Farben für den fröhlichen, freundlichen Schnäppchensucher im nachneoliberalen Kapitalismus das ultimative Lebensvorbild ist. (‚Konsumenten-Sphinx‘, steht 1980 bei Michel de Certeau) „Das gehört jetzt uns“, erklärten Herr und Frau Google bei einer Pressekonferenz, „aber ihr dürft das umsonst benutzen.“ Danke, euer Gnaden.

    Derweil eine quasi-nordkoreanische Wimpeldelegation en-miniature in die Google-Kameras bei der Vorbeifahrt am Hamburger Büro winkt. Das einst irgendwie revolutionäre ‚derive‘ durch den Stadtraum ist nun unsinnig – wie der ganze Gedanke an Revolution und Ruf nach gesellschaftspolitischer Veränderung ein Relikt vergangener Epochen.

    Autoren, die das Wort ‚Revolution‘ in ihren Buchtiteln führen, sind um 1930 geboren. Wer für Veränderung schreibt, muss dies im Angesicht der digitalen Neustrukturierung tun, kann sich dem Dilemma konsumistischen Frohsinns und digitaler Mitmacherei nicht entziehen, kontinuierliche Affirmation des ökonomischen Status Quo – so und ähnlich debattierten wir nicht, als wir durch die Strassen zogen. Wir haben die Gegenwart mit der zeitlich vorversetzten Streetview verglichen.

    Da wohnt ein Verpixeler!

    In Essen, so ist zu lesen, haben Googlefans verpixelte Fassaden mit gelbem Dotter markiert: Hier wohnt ein Verpixeler! In London haben kürzlich Studenten das Tory-HQ kaputt gekloppt. Gottseidank war Google Riot View sogleich zur Stelle; und mit dem neuen Internetdienst Flame & Destroy kann man auch alle, die einem aufn Keks gehen, eToy-mäßig direkt aus Facebook heraus bekriegen.

    Dabei fällt mir wieder die Geschichte aus den ‚Sterntagebüchern des Weltraumfahrers Ijon Tichys ein, in der zwei Hersteller von Waschmaschinen den Konkurrenzkampf derart ausweiten, dass die Geräte zunächst zu Robotern werden, die neben der Wäsche auch Haushaltsaufgaben übernehmen und schließlich daraus ein soziales Problem erwächst, mit obdachlosen Waschmaschinen und Waschroboterkriminalität.

    Auf eine ähnliche Geschichte machte mich ein befreundeter Filmer im Frühjahr aufmerksam, „I’m here“ von Spike Jonze, über eine destruktive Roboterliebe. Ich freue mich auf das kommende Jahr voller Lebensunsinn.


1 Kommentar zu Ab sofort Privatbesitz: 2010 hat Google Street View öffentlichen Raum neu definiert

  • Rainald Krome am 16.12.2010 20:29
    das ist großartig, ich bin begeistert, denn wie am Schluss deutlich wird, der "Lebensunsinn" kann nur mit einer deftigen Prise Freude begegnet werden, nur so kann man überleben, ohne schlecht drauf zu kommen, ohne auf Kritik und Ablehnung verzichten zu müssen, ohne alles immer ganz toll finden zu müssen, ja: Lebensunsinn beim Namen nennen und beschreiben wie der Autor dies hier tut.

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