• Lust auf genau das

    Als ich nur zehn Minuten zu spaet in die Vorstellung komme, wird die Zugabe gespielt. „Dann haben wir das schon hinter uns“, ruft Aylin Esener ins 20er-Jahre Mikrofon und rockt den Saal. Sie traegt eine blonde, unordentliche Peruecke, ein rosafarbenes, glitzeriges Traegershirt und eine Armbanduhr, die prolliger nicht sein kann: Gold-Glitzer mit wahrscheinlich falschen Diamanten.

    Unsere Augen stuerzen sich geradezu auf diese Details, weil es ausser einem weissen Hintergrund, einem Hocker und dem Mikrofon nur wenige Requisiten auf der Buehne gibt. Aylin Esener ist Deutsch-Tuerkin, kommt aus Stade und singt das unglaublichste In the Ghetto aller Zeiten – auf Tuerkisch. Ansonsten spricht sie Texte von Wolfgang Vincke, die aber beim Publikum so ankommen, als waeren es die Worte von Aylin – wahrscheinlich sind sie es auch, Aylins Performance lebt von der angeblichen Improvisation.

    Waehrend ihres Theatersolos Lust auf was anderes im Ballhaus Naunynstrasse weiss man nicht, ob Aylin wirklich von sich erzaehlt, aber warum traegt sie dann eine Peruecke? Oder spricht sie als Ayse S und schildert deren unglaublich herzlose Kindheit mit Schlaegen, Hunger und Erniedrigung, aber warum unterbricht sie die Erzaehlung dann, weil ihr ein Blondinenwitz nicht aus dem Kopf geht, den sie dringend erzaehlen muss? Oder animiert die beiden Musiker zu einer Polonaese wegen Karneval, direkt nach der Geschichte des schwer misshandelten Maedchens, die zwangsverheiratet werden soll? Ab und an trinkt Aylin aus einer Wasserflasche und unterbricht die einzelnen Sequenzen. Ansonsten unterbricht einer der Musiker genau in dem Moment, wo man wieder denkt, jetzt wuerde Aylin ganz persoenlich werden, mit Regieanweisungen wie lustiger oder dramatischer, die sie dann befolgt.

    Sie kann alles. Und wir folgen ihr, wohin sie geht – Aylins Stimme und ihre Worte nehmen das Publikum mit auf keine Reise in die Tuerkei, sondern auf eine Achterbahnfahrt durchs Leben hier und dort voller Schmerz, voller Brueche und Spruenge. Als sie am Schluss die Peruecke abnimmt, moechte man sich eigentlich verbeugen vor ihr und den beiden Musikern, denn sie haben es irgendwie geschafft, einen Abend zwischen Blondinenwitz und lyrischen Texten, politischen Statements zur Kopftuchdebatte und dem Nicht-Tanzen-Koennen von BWL-Studenten auf Feten, zwischen Tuerkenghetto und Plattdeutschem Snack, zwischen Unterhaltung zum Schlapplachen und erbarmungsloser Realitaetsnaehe zu schaffen – einen Abend mittendrin. Bitte zukuenftig nur den Titel aendern in Lust auf genau das. Sagol!


Noch keine Kommentare zu Lust auf genau das

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinterlassen